Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1893)
- Date
- 1893-01-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage zu M 2 des „Israelit". Leitender Artikel. Briefe aus Galizien. Lemberg, 2. Januar. Baron Hirsch-Stiftung, Rabbinerfrage und Aufhebung der Chedarim, das sind die Gegenstände, womit sich unsere Glaubensgenossen hier zu Lande am meisten befassen. Sie bilden den Gesprächsstoff, werden für und Wider eifrigst discutirt, leidenschaftlich befürwortet und bekämpft. Was Wunder, sind es doch Fragen, die tief eingreifeu in den sozialen und religiösen Organismus des hiesigen Judenthums, und sie fordern deßhalb eine entschiedene Stellungnahme. Seit Einführung des Schulzwanges in Galizien sträubten sich die orthodoxen Juden, d. h. die vorwiegende Mehrzahl, gegen dieses Gesetz mit aller Macht. Alle Mittel wurden anfänglich angewandt, um das Gesetz rückgängig zu machen. Unsere frommen Glaubensgenossen gingen dabei von der gewiß irrigen Voraussetzung aus, daß unsere Religion sich mit Bildung und Wissen nicht vertrage, und somit Jeder, der seine Kinder rechtgläubig erziehen will, dieselben von jeglicher Kenntniß, sogar der Landessprache und der elementaren Schulgegenstände, fernhalten müsse. Ich will dieses Vorurtheil, welches ein Blick auf die jüdische Orthodoxie in Deutschland zu zerstreuen im Stande ist, gewiß nicht rechtfertigen, aber ich will den Versuch machen, es zu erklären. Eine gewisse Berechtigung läßt sich jener Meinung allerdings nicht absprechen. Sollen die Kinder die öffentliche Schule besuchen, wo sollen sie noch Zeit nehmen, dem Studium der Thora obzuliegen? Wird nicht die ganze Heranwachsende Generation unwissend in der Bibel und im Hebräischen, vom Talmud schon gar zu schweigen, sein müssen, wenn sie 5 bis 6 Stunden täglich in der Schule zubringen wird, wozu noch die zur Vorbereitung für die Lection des kommenden Tages nöthige Zeit hinzugerechnet werden muß? Außerdem lag die sehr naheliegende Furcht vor der Verletzung eines der heiligsten Verbote, nämlich des Schreibens am Samstag vor. Hätten die erwähnten Ursachen allein schon genügt, um den frommen Glaubensgenossen eine unüberwindliche Abneigung gegen die öffentliche Schule einzuflößen, so kam ein noch gewichtiger Umstand hinzu. Es war vergebens, daß mancher Wohlgesinnte aus die deutschen orthodoxen Juden hinwies, ein anderer an das Beispiel der Heroen des Geistes in Israel erinnerte, die es verstanden, weltliches Wissen mit tiefer Frömmigkeit zu vereinen, zum Ruhme und zum Heile des ganzen Judenthums; die jüdische Bevölkerung, namentlich in den Provinzstädten, hatte täglich ein lebendiges Beispiel vor Augen, das sie das Gegentheil lehrte. Sie brauchte nur auf den jüdischen Advocaten, Apotheker oder Arzt im Städtchen zu blicken, um in der irrigen Meinung befestigt zu werden, daß Frömmigkeit und Bildung wirklich einander fliehen und sich keinesfalls verbinden lassen. Jene „Aufgeklärten", oder „die Intelligenz", wie sie sich zu nennen belieben, scheinen es sich zur Aufgabe gestellt zu haben, alle Bildung und alles weltliche Wissen in den Augen ihrer Glaubensgenossen in Mißcredit zu bringen. Wenigstens handelten sie nicht anders, als wenn sie es darauf abgesehen hätten. Kaum hatte der jüdische Student, der meist ohne den geringsten Begriff von der Wissenschaft des Judenthums ausgewachsen war, eine Stellung erreicht und sich zur Ausübung seines Berufes niedergelassen, so erachtete er es für seine erste Pflicht, die Religionsgesetze mit Füßen zu treten, die heiligsten Empfindungen seiner Glaubensgenossen hohnvoll und rücksichtslos zu verletzen, deren Gesellschaft möglichst zu meiden, ja sie mitunter schnöde zu verhöhnen. In der Synagoge erschien ein solcher Herr höchstens, am Versöhnungstage, oder um das Gebet für das Seelenheil der Verstorbenen zu verrichten. Anstatt sich der ungebildeten jüdischen Bevölkerung zu nähern und sie durch Beispiel zum Vereinen der beiden fremd scheinenden Elemente von Religion und Bildung anzueisern, thaten die „Aufgeklärten" ihr Möglichstes, um sich von derselben abzuschließen, um so desto vornehmer in den Augen der kleinstädtischen christlichen Honoratioren zu erscheinen. Was Wunder also, daß die orthodoxe Judenheit, welche natürlicher Weise in jenen „Gebildeten" die Repräsentanten und die Verkörperung aller weltlichen Bildung sehen mußte, vor diesen einen Abscheu bekam? So wirkte die „Intelligenz" abschreckend auf die Mehrzahl der galizischen Juden, — und es läßt sich der hartnäckige Widerstand erklären, den die Meisten jahrelang dem Schulzwange entgegensetzten. Die empfindlichsten Geldstrafen konnten lange nichts ausrichten. Die Wohlhabenden ließen ihre Kinder einige Stunden des Tages zu Hause in den Elementarschulgegenständen unterrichten, und als später der Widerstand gebrochen ward, ließen dennoch die Frommen ihre Kinder wegen des öffentlichen Schulbesuches die Pflege des Thoraftudiums nicht vernachlässigen. In den vom