Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1893)
- Date
- 1893-01-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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28 sich erinnern, daß Sie einst mit Gefahr Ihres Lebens, seines gerettet haben? Ah! der Gedanke könnte mich wahnsinnig machen! — Nun sprechen Sie mein theucrer, goldener, süßer, junger Herr! Wie ist es Ihnen, seitdem wir uns nicht gesehen, ergangen — oder das ist noch weit wichtiger, als meine dumme Neugier zu befriedigen, was führt Sie hierher nach Ihrer Heimath? — es kann nichts Geringes sein, das Sie veranlaßt, Ihr theueres, unschätzbares Leben einzusetzen! Wenn ich Ihnen hierbei nützlich sein kann, gebieten Sie über mich, mit meinem letzten Blutstropfen, bis zu meinem letzten Athemzuge will ich Ihnen und Ihrem Hause treu dienen." „Es thut wohl", sprach Wertheimer, als Frankl einen Moment inne hielt, „zu hören, daß neben so viel Undankbarkeit und Niedertracht der Menschen, es doch auch solche giebt, welche empfangenen Wohlthaten ein treues Gedächtniß bewahren." „Das Eine will ich nicht verschweigen, die Familie Deidelsheimer wurde unserem Hause durch drei Generationen hindurch zu höchster Erkenntlichkeit verpflichtet. Deidelsheimers Großvater, der sowie dieser, Josel hieß, war meinem Großvater, Reb Henoch Fränkl, siekrono liwrocho4), als dieser 1670 mit allen andern Juden Wien verlassen mußte, auf dem Wege nach einer neuen Heimath, die er erst aufsuchen mußte, begegnet. Deidelsheimer befand sich im höchsten Grade der Verzweiflung und hatte vollen Grund dazu. Sein bisheriger Landesherr, ein hartherziger Tyrann, hatte ihm, um einer tollen Laune willen den Schutz gekündigt und er — ein blutarmer Mann — mußte mit fünf kleinen Kindern und einer Frau, die stündlich ihrer Entbindung entgegensah, in die weite Welt ziehen! 4) Sein Andenken sei gesegnet. Unterweges genas sie von Zwillingen; doch kein Bauer wollte sie in sein Zimmer aufnehmen. Die arme Frau lag mit ihren Neugeborneu in einer leeren Scheuer und ihr Gatte mit fünf hungernden, weinenden Kindern standen in strömendem Regen unter Gottes freiem Himmel, vor der Scheuer. S o fand mein Großvater Reb Henoch den verzweifelnden Mann, der in seiner entsetzlichen Lage kein anderes heißes, inbrünstiges Gebet zu Gott dem Herrn emporzusenden vermochte, als jenes: Er möge in seiner Huld einen seiner tödtenden Blitze niedersenden, der ihn, sein Weib und seine sieben Kinder erschlüge! . . . . Nicht einen Moment bedachte sich mein Großvater und sprach: Mann! ich kenn Euch nicht, ich Hab Euch nie gesehen und gesprochen, ich kenn' Euern Namen nicht, ich weiß nur Eins, daß Ihr wie ich ein Heimathloser seid; — doch bangt gar nicht davor, daß ich mit meinem großen Reichthum mir irgendwo eine Heimath erkaufen könne, — Ihr aber habt hierzu nicht die Mittel. Ein Mensch aber muß dem andern helfen, und besonders ein gedrückter, verjagter Jude dem andern, drum sag' ich Euch: Verzweifelt nicht! Ihr zieht mit mir und ich schwörs beim einig-einzigen Gotte, meine neue Heimath soll auch die Eurtge werden; wer mich mit meinem großen Reichthum aufnimmt, muß Euch mit Eurer Armuth aufnehmen und müßte ich die Welt von einem Pol zum andern durchwandern, — auch will ich für Euch sorgen, als wärt Ihr mein Bruder, so lange bis Ihr Euch und Eure Familie redlich und in Ehren werdet selbst ernähren können, und mein Großvater Reb Henoch hat wie ein ehrlicher Mann Wort gehalten." „Das war schön, das war wie ein großer Mensch gehandelt", sprach Wertheimer. (Fortsetzung folgt.) Der „JSraelit" erscheint wöchentlich zweimal, MontagS und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 10 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel M bestehen bei G. F. Steinacker, Feipstg, Doßplah 16. — Inserate 25 Pfennig die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Eours— Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Eine Rücksendung von an die Redactioa eiugefandten Manuskripten findet nicht statt, man bittet deshalb fich von allen Einsendungen eine Kopie zurückzubehalten. Inhalt (yauptbtatt): Leuender Artikel: Wetlsliede und Judenthum. Bon Raötnner Heinrich Galandauer in Soborten (Böhmen). — Zeiknngsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Frankfurt a. M. Berlin. Andernach. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Preßburg. — Türkei: Konstantinopel. Bagdad. — Egypten: Alexandrien. — Amerika: Panama. — Feuilleton : „Fürstengunst". Erzählung von S. Kohn, Verfasser von Gabriel. Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Briefe aus Galizien. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschlandst^Berlin. Hamburg. — Oesterr. Ungar. Monarchie: Wien. — Rußland: Petersburg. Odessa. — Vermischtes. Inhalt der zweiten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Heidelberg. — Rußland: Aus Petersburg. — Vermischtes. Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition deS „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz- Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.