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Der Israelit · 1893-01-05 · Heft 2 (5.1.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 2 (5.1.1893)
Date
1893-01-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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27 „Die Rückkehr in Ihre Heimath war Ihnen ja bei Todesstrafe untersagt," meinte Markbreiter, „da werden Ihre Mutter und Ihre Schwester bis zu Ihrer Rückkehr furchtbare Angst gelitten haben!" „Ich hatte Ihnen das Ziel meiner Reise verheimlicht. Ich gebrauchte für diese den Vorwand, eine längst für verloren gehaltene Schuldforderung hereinzubringen; allein während sie mich in Heidelberg, wo unser Debitor wohnte, glaubten, befand ich mich in der Verkleidung eines polnischen, hausirenden Juden in Ansbach." „Hatten Sie, als Sie die Reise antraten, einen bestimmten Plan?" frug Markbreiter. „Rein! Ich hoffte im Vertrauen zu Gott, er würde mich gnadenreich den richtigen Weg führen. So weit menschliche Voraussicht reichte, bedurfte es zur Ausführung eines jeden Planes, der mich an mein ersehntes Ziel führen konnte, eines oder mehrerer Genossen. Es hatte zur Zeit unseres Glanzes viele Personen in Ansbach gegeben, die sich unsere Freunde nannten, aber nach den entsetzlichen Erfahrungen die ich an Christhold-Fränkl gemacht, den ich trotz seines unregelmäßigen Lebenswandels, doch für einen uns treuergebenen Menschen gehalten hatte, war ich gegen Jedermann mißtrauisch. — Ich irrte zwei Tage lang plan- und ziellos durch die Straßen der Residenz, endlich erblickte ich einen Mann, der mich und den ich von meiner frühesten Jugend an gekannt hatte, es war dies Josel Deidelsheimer, der bis zu dem Ausbruche der traurigen Katastrophe in unserem Hause bedienstet gewesen. Schon sein Großvater und sein Vater waren im Dienste unserer Familie gestanden. Josel Deidelsheimer selbst war im Hause meines Vaters geboren und erzogen worden. Er war um vierzehn Jahre älter als ich, hatte mich, als ich zwei, drei Jahre alt war, am Arm herumgetragen, mir Blumen in unserem Hausgarten gepflückt und Kränze gewunden, mich Lieder gelehrt, mich auf seinen Knieen reiten lassen, war mit einem Worte in meinen ersten Kinderjahren mein liebster Spielgenosse, mein bester Kamerad gewesen. „Als er achtzehn Jahre geworden, halte ihn der Vater nach Ansbach zu Onkel Elkan geschickt, der ihn in unserem Geschäfte als Diener aufnahm! Als ich dreizehn Jahre später nach Ansbach in unser Geschäft kam, erbat er es sich vom Onkel und von mir als Gunst, um stets in meiner Nähe bleiben zu können, mir zur Hilfeleistung beigegeben zu werden und hatte stets mir und den Meinen Treue und Anhänglichkeit bewiesen. Meine alte Zuneigung kämpfte mit dem Mißtrauen, das sich in meine Seele gefressen, ich wollte rasch an ihm vorüberhuschen; aber er hatte mich trotz meiner Verkleidung erkannt, blieb einen Moment überrascht, erbleichend und erröthend stehen, trat dann an mich heran und sprach auf das Packet Zizis *), das ich in einer Rolle als polnischer Hausirer am Arme trug, deutend: Pollak, ich benölhige etwas von Euerer S'chore 1 2) kommt mit mir nach Hause, wir werden ein Geschäft mit einander machen. — Ich folgte ihm nach seiner Wohnung, die in der Nähe der Synagoge lag. Er hatte sich, wie er mir später erzählte, nachdem er durch die Katastrophe unseres Hauses seine Stelle verloren, ein kleines Geschäft eingerichtet, dem zumeist seine Frau in einem Laden Vorstand, der an seine bescheidene Wohnung stieß. Als wir diese betraten, waren wir, da seine beidenMnder bei der Mutter im Laden waren, ganz allein. „Deidelsheimer hatte währenddes ganzen Weges kein Wort gesprochen, und erst nachdem er sorgsam die Thüre verriegelt und das Fenster geschlossen, öffneten sich seine Lippen, zuerst zu der Benediktton, die der Jude zu sprechen hat, wenn er einen ihm lieben Menschen nach langer Zeit wtedersieht; dann aber äußerte sich seine heftige Erregung, die er bisher mühevoll bekämpfte hatte, in einer Weise, die mich erschütterte, er war fast wahnsinnig vor Freude, er warf sich auf die Kniee um Gott dafür zu danken, daß er mich wiedersehe, bedeckte meine Hand mit heißen Küssen und rief: Ich spreche, wie der Erzvater Jakob, als er seinen todt geglaubten Sohn wiedersah : Reo ponecho lo pilollti3).... Ich wußte nicht, ob Sie, Ihre Mutter, Ihre Schwester noch am Leben, — nun hoffe ich auch zu hören, daß diese sich wohl befinden, und als ich dies bestätigte, fuhr er, bald vor^ inniger Freude lachend, bald vor heißer Rührung weinend fort: Nun da ich das unerwartete Glück gehabt. Sie, lieber, gnädiger junger Herr zu sehen, hoffe ich auch, daß der allmächtige, wunderbare Gott mein tägliches, heißes Gebet erhören und uns unseren theuern Herrn, den er uns in seinem unerforschltchen Rathschlusse entrissen, wieder geben wird; — aber lieber, theuerer, junger, gnädiger Herr, als ich Sie erblickte, halt' ich Sie trotz Ihrer Verkleidung sofort erkannt, so edle Züge, so vornehme Haltung besitzt nur ein Fränkl! — und als ich Sie erkannte, lieber, junger, gnädiger Herr, da erzitterte mein Herz vor heißer Freude, aber auch vor jähem Schreck. . . . Lieber junger Herr! Wissen Sie denn nicht, daß bei Todesstrafe kein Sprosse Ihrer Familie Ansbach'schen Boden betreten darf? Wenn Sie jemand erkennen und denunciren würde, glauben Sie, Friedrich Wilhelm würde 1) Schaufäden, die an den vier Enden des Gebetmantels, den die Juden beim Gebete tragen, befestigt werden. 2) Waare. 3) Ich hatte nicht mehr gehofft. Dein Antlitz wieder zu sehen. Gen. Cap. 48, V. 11.

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