Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1893)
- Date
- 1893-01-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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wachs, Lebendes; er ist etwas mehr als ein bloßes Naturprodukt, in welchem nichts anderes als rohe Naturgesetze herrschen und walten; in ihm leuchtet das Licht Gottes, Gottes Ebenbild strahlt in seiner Seele und gottähnlich ist seine Vernunft, sein moralischer Wille. Die Vernunft aber will auch naturgemäß das Recht, die Gerechtigkeit, die sittliche und materielle Entwickelung und darum will sie auch den Frieden; den Frieden in der Gesellschaft, den F jeden im Staate, den Frieden in der Welt. Ihr ist der Weltfriede keine Chimäre, kein ideales Phantafiegebilde, sondern ein Naturgesetz der menschlichen Vernunft und des menschlichen Gefühls, und sobald es der Menschheit gelungen sein wird, daß dieses Naturgesetz in ihr über die thierische Gewalt den Sieg erringt, dann wird auch der Weltfriede zur Thatsache, zur Wirklichkeit werden. Und weßhalb soll dies denn gar so unmöglich sein? Im Naturzustände, noch ehe es unter den Menschen Staate und Gesetze gab, da hatte der Starke das Recht, mit dem Schwachen zu thun, was er wollte, und die Staatenbtldungen und die Gesetze hatten keinen anderen Zweck, als daß die Menschen in Frieden beisammen wohnen können; das halte das Vernunftgesetz über das Naturgesetz vermocht. Nun fragen wir, warum soll das, was die Vernunft im Staate selbst durch die Gesetze vermag, nämlich den Frieden unter den einzelnen Gliedern desselben herzustellen, nicht auch unter den verschiedenen Staaten möglich sein? Freilich kann man dem entgegnen, daß gar viele im .Staate nur deßhalb mit dem Nächsten in Frieden leben, weil sie es müssen, weil sie dem Zwang, der Gewalt der Gesetze sich beugen, aber wir wissen es jeder, daß gar Viele von ihrer Macht, die sie über Andere besitzen, keinen Gebrauch machen, nur aus dem Grunde, weil sie in Frieden leben wollen oder weil es ihr Gewissen so will. Der Hang im Menschen zum Frieden hat die Gesetze im Staate geschaffen und er ist mit der (vernünftig-)menschlichen Natur ebenso unzertrennlich verbunden, wie der Hang zur Gewalt mit dem (unvernünftigen) rohen Naturmenschen. Die biblischen Gesetze sind daher hauptsächlich auf den Frieden in der Gesellschaft gerichtet, sie wollen den Sieg der Vernunft, die Menschenverbrüderung herbeiführen; ein Hauch des Friedens durchweht sanft und mild die Gotteslehre, der Geist des Friedens schwebt über ihren Satzungen, sie predigen friedliches Zusammenleben, Menschlichkeit, Humanität, Liebe, Barmherzigkeit, Nachsicht, Versöhnlichkeit, Duldsamkeit. Die Naturmacht läßt den Menschen herabsinken zum Thtere, zur wilden Bestie, die Macht der Vernunft erhebt ihn zur Gottheit empor. „ Die größten Denker aller^Zeiten glaubten an^den - endlichen Sieg der menschlichen Vernunft und glaubten daher auch an eine Zeit, wo die physische Stärke nicht mehr unter den Völkern den Ausschlag geben wird, sondern das Recht und die Gerechtigkeit. Wem ist nicht folgender Ausspruch Dawtd Hume's über den Krieg bekannt, den er als den größten Widersinn betrachtet: „Wenn ich jetzt die Nationen im Kriege gegeneinander begriffen sehe, so ist es, als ob ich zwei besoffene Kerle sähe, die sich in einem Porzellanladen mit Prügeln herumschlagen. Denn nicht genug, daß sie an den Beulen, die sie sich wechselseitig geben, lange zu heilen haben, so müssen sie hinterher noch all den Schaden bezahlen, den sie anrichteten." Daß der Krieg bisher bestanden hat und noch lange bestehen wird, ist gar nicht Wunder zu nehmen. Mag noch so sehr die Einsicht sich dagegen sträuben, der Jrrthum wird doch immer die lautesten Wortführer und die kühnsten Verfechter finden, die ihn nicht nur rechtfertigen, sondern sogar als die größte Nothwendigkeit hinstellen. Sagt doch auch Hippel in diesem Sinne: „Jeder Jrrthum hat seine Schule, sein Auditorium. Keiner kann so übertüncht werden, als die Idee vom Kriege. Wahrlich, ein übertünchtes Grab." Vom Grafen Moltke werden über den Krieg folgende Worte citirt: „Glücklich werden die Zeiten sein, wo die Staaten nicht mehr in der Lage sein werden, den größten Theil aller Einnahmen blos auf die Sicherheit ihrer Existenz zu verwenden, sondern auch die Völker und Parteien sich überzeugt haben werden, daß selbst ein glücklicher Feldzug mehr kostet, als er eindringt; denn materielle Güter mit Menschenleben zu erkaufen, kann kein Gewinn sein. Aber was diesem Fortschritt der Menschheit entgegensteht, das ist das gegenseitige Mißtrauen, und in diesem liegt eine stete und große Gefahr." So spricht die bessere Erkenntniß eines der größten Feldherrn dieses Jahrhunderts. Ja, das „gegenseitige Mißtrauen" ist es, welches die Gefahr bildet, weil der Eine von dem Andern fürchtet, daß der Naturtrieb und nicht die Vernunft die Oberhand bei ihm gewinnen könnte und es dadurch zum Kampfe käme. Würde man den göttlichen Theil im Menschen sprechen lassen, so müßte man den Krieg erkennen, als das, was er in Wirklichkeit ist: als Mord, als Raub, als der entsetzlichste Gräuel, den das Menschengeschlecht kennt. „Wenn man auf einer entfernten Insel", sagt Lichtenberg, „einmal ein Volk anträfe, bei dem alle Häuser mit scharf geladenen Gewehren behängt wären und man beständig des Nachts Wache hielte, was würde ein Reisender anderes denken können, als daß die ganze Insel von Räubern bewohnt wäre.? Ist es aber mit den europäischen Reichen