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Der Israelit · 1893-01-02 · Heft 1 (2.1.1893) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 1 (2.1.1893)
Date
1893-01-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
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12 geführt, die verwerflich sind, weil sie die Ausplünderung der Massen, die willkürliche Lohn- und Preisnormirung ermöglichen — die aber dennoch in sich wiederum die ersten Ansätze enthalten zur nächsten wirthschaftlichen Entwickelungsstnfe, zur Güterproduktion auf korperativer Basis. Kein Sozialpolitiker, der sich mit Ernst und Eifer seinen Fachstudien hingibt, wird heute diese Thatsache in Abrede stellen. Die Vulgärökonomie, welche die Zustände, die der bourgeoise Wtrthschaftsbetrieb geschaffen hatte, nahm wie -sie waren und sie zu rechtfertigen versuchte, ist heute für die Wissenschaft ein überwundener Standpunkt. Nur vereinzelte Vertreter derselben ragen als fossile Ueberbleibsel der Vergangenheit in unsere Zeit hinein, die im Zeichen der sozialen Reformen steht. Man wird es mir^ nicht als politische Einseitigkeit auslegen, wenn ich hier das bedauerliche Faktum konstatire, daß der bürgerlich<Liberalismus, der sich zur Zeit seiner Blüthe mit dem damaligen Stand wirtschaftlicher Entwickelung völlig deckt, nicht Schritt gehalten hat mit der ökonomischen Fortentwickelung. Einige bürgerliche Ideologen haben es zwar versucht, ihn nach dieser Richtung hin fortzubilden, sie scheiterten aber an dem Widerstand, den die kompakte Masse der bürgerlichen Elemente ihnen entgegensetzte. Und so erklärt es sich denn, daß der Liberalismus, der in den vierziger Jahren alle vorwärtsstrebenden Kräfte des Volkes hinter sich hatte, heute breite Volksschichten gegen sich hat. Die fortschreitende ökonomische Entwickelung schuf das Proletariat, dessen politische und soziale Aspirationen theilweise in der Sozialdemokratie ihren Ausdruck und ihre Verkörperung gefunden haben. Derjenige Theil des Proletariates aber, der sich nicht zur Sozialdemokratie bekennt und der hier und da bis in die neueste Zeit hinein abwechselnd dem Liberalismus oder dem Konservatismus Heeresfolge leistete, steht gegenwärtig im Begriff, mit wehenden Fahnen und klingendem Spiel zum Antisemitismus überzugehen. Und das sollten die Juden, soweit sie zu liberalen Anschauungen sich bekennen, ruhig mit ansehend Sie sollten politischer Prinzipienreiterei zuliebe keinen Einspruch dagegen erheben, daß wegen der Indolenz, die der Liberalismus auf wirthschaftlichem Gebiete bekundet, die wirtschaftlich noch unaufgeklärten Handwerker und Bauern, sowie die städtischen und ländlichen Arbeiter sich einer Bewegung anschließen, deren Führer ihnen den Untergang geschworen habend Das kann der Liberalismus selbst nicht mit Fug von ihnen fordern. Man wird es mir daher hoffentlich nicht übel deuten; man wird mir nicht den Vorwurf machen können, daß 1 ich die Frage der Bekämpfung des Antisemitismus zum Vorwand nehme, um eine extreme sozialpolitische Agitation zu betreiben, wenn ich meine Meinung dahin zusammenfasse, daß ich sage; Es ist die Pflicht der im liberalen Lager befindlichen Juden, ihren ganzen Einfluß in dem Sinne geltend zu machen, daß der Liberalismus sich eingehender als bisher mit dem Studium der sozialen Frage befasse, daß er in Zukunft den sozialen Reformen ein erhöhtes A u g enm erk widme. Ich stehe ja mit dieser Ansicht nicht allein da. Der Reichstagsabgeordnete Ernst Harmening, der sich zur deutsch-freisinnigen Partei bekennt, theilt meinen Standpunkt, indem er sich z. B. an der Bewegung zu Gunsten einer zeitgemäßen Reform der Bodenbesitzverhältnisse in hervorragender Weise betheiligt. Auch dürften der deutsch freisinnige Arbeiterverein in Berlin und noch zahlreiche andere Mitglieder der deutsch-freisinnigen Partei einer ähnlichen Auffassnng von den Aufgaben einer wirklichen Volkspartei huldigen. (Fortsetzung folgt.) Zeituugsnachrichtett und Corresporrdeuzeu. Deutschland. Hamburg, 26. Dezember. Bekanntlich wurde im Jahre 1867 bei Neuordnung der Gemeindcverhältnisse in Analogie des Prinzips der Trennung der Kirche vom Staate, die Cultusverwaltung von der eigentlichen Gemeinde getrennt, wonach sich der Deutsch-Israel. Synagogen- und der Tempel-Verband konstituirten. Ersterem wurde aus der Liquiditation der alten Gemeinde, mit dem Oberrabbiner an der Spitze, die Verwaltung der Synagogen, des Ritualbades, der Schechita nebst Koscherfleischhandel, Milah, Mazzothbesorgung u. s. w., nebst den damit verbundenen Einnahmen und Lasten überwiesen, während dem Tempelverbande und seinen neologen Predigern keinerlei Einfluß auf die Gestaltung dieser so wichtigen Gemeindeinstitutionen eingeräumt wurde. Der Gemeinde hingegen bleiben nur das Schul-, Armen- und Begräbnißwesen, sowie die Verwaltung der Legate und einiger milder Stiftungen. Im Allgemetneu konnte man vom orthodoxen Standpunkte, mit dieser Organisation zufrieden sein, da sich ja die wichtigsten Institutionen in guten Händen befanden, allein auch bei der Verwaltung der zur Kompetenz der Gemeinde verbliebenen Obliegenheiten hätte zur Wahrung der religionsgesetzlichen Vorschriften der Oberrabbiner entscheidende Stimme haben müssen. Dieser Mangel hat, wie bekannt, insbesondere beim Begräbnißwesen mancherlei Kämpfe und Widerwärtigkeiten hervorgerufen, auf die hier

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