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Der Israelit · 1893-01-02 · Heft 1 (2.1.1893) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 1 (2.1.1893)
Date
1893-01-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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11 jüdischen Mitbürger. Sie vor allen Dingen müssen darnach streben, einen klaren Einblick in die sozialökonomischen Vorgänge zu gewinnen. Die Aufgabe ihrer berufenen Führer ist es, sie einzuführen in dieses Erkenntnißgebiet und ihnen den freien Ausblick zu eröffnen auf eine künftige Neugestaltung der sozialen Beziehungen, die mehr als die bisherige Wirtschaftsform den Lebensansprüchen des Volkes gerecht wird. Vor allen Dingen muß endlich in unseren Kreisen gebrochen werden mit dem verhäugnißvollen Jrrthnm der Manchestertheorie, wonach durch das freie Spiel der wirthschaftlichen Kräfte alles aufs Beste geregelt und geordnet wird. Es muß zum leitenden Grundsatz erhoben werden die Auffassung, daß es die Pflicht Aller, daß es die Aufgabe der bürgerlichen Gemeinschaft ist, Zustände zu schaffen, die allen gerechten Anforderungen entsprechen, indem sie die Vorrechte beseitigen und dem Recht aus Daseinsgenuß zur Anerkennung verhelfen. Jene manchesterliche Auffassung, die im Gehen- und Geschehenlassen den höchsten Gipfel staatsmänuischer Weisheit erblickt, hat — unendlich viel Unheil gestiftet. Sie hat auch dem Antisemitismus in bedenklicher Weise Vorschub geleistet. Denn die Schwachen und Kleinen, die Niedrigen und Bedrückten werden es stets für eine freche Verhöhnung ihrer elenden Lage halten, wenn ihnen gesagt wird, sie sollten im wirthschaftlichen Konkurrenzkämpfe sich durch eigene Kraft gegen die Starken und Bevorrechteten zu behaupten versuchen und wenn sie das nicht könnten, dann verdienten sie eben den Untergang. Man darf sich nicht wundern, wenn diejenigen, denen man Jahrzehnte hindurch dieses kaltherzige Evangelium predigte, sich endlich mit Entrüstung von den „falschen Propheten" abwenden und denen nachlaufen, die da vorgeben, daß sie in der Lage seien, ihnen einen Ausweg zu zeigen aus dem Elend, das sie umklammert. In seiner Verzweiflung greift der Ertrinkende nach einem Strohhalm. Der Antisemitismus ist der wirtschaftliche Strohhalm für die versinkenden Erwerbsklassen, für den Handwerkerstand und die kleine Bauernschaft. Wer dem Antisemitismus wirksam entgegenarbeiten will, der muß den Jrrthümern der Manchesterpolitik entsagen. Er muß anerkennen, daß es Pflicht der Gesammtheit ist, für das Wohl des Einzelnen zu sorgen, indem sie jedem Einzelnen die Möglichkeit und die Mittel bietet, in Anlehnung an die Uebrigen seine Interessen erfolgreich wahrzunehmen. Das kann natürlich nur dadurch erreicht werden, daß wirtschaftliche Reformen durchgeführt werden, deren Aufgabe es ist, für die Zeit des Ueberganges von einer Produktionsform zu andern, in der wir gegenwärtig leben, die Härten zu mildern, die gerade für die kleinen Leute mit diesem wirthschaftlichen Uebergangsprozeß verknüpft sind. Daß wir in einer Zeit des Ueberganges leben, wird von keinem Einsichtigen bestritten. Ein gewisses Studium des ökonomischen Entwickelungs- Prozesses führt stets zu dieser Erkenntniß, möge man nun vom politisch-konservativen oder vom politisch-revolutionären Standpunkte aus an dieses Studium herantreten. Männer wie Rodbertus, Professor Wagner und Rudolph Meyer haben mit Leuten wie Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle ungleich.mehr Berührungspunkte, als mit Kleist-Retzow und andern Vertretern des starren konservativen Prinzipes, die der wtrthschaftlichen Entwickelung stets verständnißlos gegenüber gestanden haben. Eine tiefe Kluft trennt ferner die Sozialdemokratie in wirthschaftlicher Hinsicht von dem Liberalismus, mit dem sie doch in politischer Beziehung so Manches gemein hat, während sie dem konservativen Sozialismus, wie er in der kaiserlichen Sozialpolitik seinen Ausdruck findet, durchaus nicht so abweisend gegenübersteht. Der Liberalismus, der es bisher für seine Hauptaufgabe hielt, die letzten Reste bürgerlicher Freiheit dem immer stärker anwachsenden Absolutismus, gegenüber zu vertheidigen, hat sich dieser Aufgabe mit ganz besonderem Eifer gewidmet. Er war historisch der Vertreter des aufstrebenden Bürgerthums, welches in dem großkapitalistischen Industrialismus sich ein Machtmittel schuf, durch das es die ökonomische Unterlage zu bereiten hoffte für die Begründung und Befestigung seiner Herrschaft auf politischem Gebiete. Unter solchen Umständen war es ganz erklärlich, daß seine Kritik sich auf wirtschaftlichem Gebiete in der Hauptsache darauf beschränkte, die Ueberreste des Feudalismus zu bekämpfen und unmöglich zu machen. Ein Anlaß, die durch die ökonomische Entwickelung und Machtausdehnung der Bürgerklasse geschaffenen Zustände zu kritisiren, lag für ihn bisher nicht vor. Im Gegenteil: er hatte naturgemäß ein Interesse daran diese Zustände als einen Fortschritt gegen früher erscheinen zu lassen, den sie auch in der That bedeuteten. Nun aber haben die Dinge auf wirthschaftlichem Gebiete sich doch in den letzten beiden Jahrzehnten ganz bedenklich zugespitzt. Die Konzentration des Kapitals hat rapide Fortschritte gemacht, denen auf der andern Seite die Proletarisirung breitester Volksschichten gegenüberstand. Die Entwickelung zum Großbetrieb, die ganz naturgemäß sich vollzog und in Prinzip ein großer ökonomischtechnischer Fortschritt war, hat in ihrer weiteren Ausgestaltung zur Ringbildung und zum Monopol

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