Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1893)
- Date
- 1893-01-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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13 nicht Wetter eingegangen werden soll. Zur Ehre unseres Oberrabbiners sei es gesagt, daß sein ganzes Bestreben darauf gerichtet ist, neben anziehender Belehrung, die religiösen Institutionen, wie solche ihm von seinem verewigten Vorgänger hinterlassen worden sind, auf ihrer Höhe zu erhalten und auszubauen. Schon längst war es von der Commission für die Besorgung der Mazzoth als ein dringendes Bedürfniß empfunden worden, eine eigene Mazzothbäckerei zu besitzen und nur der kräftigen Unterstützung des Oberrabbiners ist es zu verdanken, daß diesem Bedürfniß endlich entsprochen wurde. Nach vielfachen Verhandlungen kam im Laufe des Sommers mit den Gemeindebehörden (Vorstand und Repräsentanten-Collegium) ein Vertrag zu Stande, nach welchem die Gemeinde ein ihr gehörender, hinter der neuen Synagoge (Kohlhöfen) belegener Platz, sowie Bangelder bis zum Betrage von M. 50,000 gegen entsprechende Platzmiethe, Verzinsung und Amortisation zwecks Herstellung einer Mazzothbäckerei zur Verfügung stellte. Der Synagogenverband baute alsdann nach vereinbarten Plänen, eine den weitgehendsten Ansprüchen genügende Bäckerei mit Maschinen-, Verwaltungs¬ und Lagerräumen, welche, dieser Tage fertig gestellt, dem Publikum zur Besichtigung offen stand. In anerkennenswerther Weise fanden sich die Mitglieder der Mazzothcommission, welche abwechselnd anwesend waren, bereit, den Besuchern alle Räume, Maschinen-Utensilien und deren Verwendung zu zeigen. Allseitig wurde die Zweckmäßigkeit des Baues und der maschinellen Einrichtung bewundert und den Herren vom Dienst die Anerkennung dafür ausgedrückt. In nächster Woche soll das erste Probebacken stattfinden, worauf dann in einiger Zeit die Fabrikation zur Deckung des Bedarfes beginnen wird. Man erwartet, daß viele Mitglieder, welche sonst ihren Mazzothbedarf von Auswärts bezogen, obgleich die Qualität der Hamburger Mazzoth und die rituelle Sorgfalt ihrer Herstellung wohl schwerlich irgendwo übertroffen wird, jetzt, nachdem auch der Preis ermäßigt werden dürfte, der Gemeindeindustrie den Vorzug geben werden, zumal doch davon die Unbemittelten theils gratis, theils zu reduzirten Preisen ihren Mazzothbedarf erhalten. Samter, 22. Dez. (Unerhörte antisemitische Rohheit.) Von zuverlässigen Augenzeugen, schreibt die „Posener Zeitung" erhalten wir folgenden Bericht über ein antisemitisches Heldenstückchen, das an Niedrigkeit und Brutalität schon deshalb kaum seines Gleichen haben dürfte, als die Verüber desselben der sogenannten „akademisch gebildeten" Klasse angehörten. Wir wollen hier unsere Gewährsmänner selbst zu Worte kommen lassen: „In unserem Bahnhofsrestaurant, welches doch eigentlich nur für das reisende Publikum bestimmt ist, besteht seit Langem ein regelmäßiger Verkehr von Beamten, namentlich solchen, die antisemitisch gesinnt sind. So lange dieses Treiben jedoch kein Aergniß erregte und nicht in direkte Beleidigungen ausartete, wurde cs nicht an öffentlicher Stelle gerügt. Folgendes hat sich aber in der Nacht vom 17. zum 18. zugetragen. Es saßen im Wartesaale I. und II. Klasse der Sanitätsrath Dr. Scheider, der Thierarzt Melzin, der Kreissekretär, der Rentmeister Müller und verschiedene Andere, sogenannte Notabilitäten der Stadt. Die Herren Moritz Mottek und Louis Holländer, der Kaufmann Louis Cohn nebst Sohn aus Breslau sowie eine Dame aus Obersitzko wollten des Nachts um 4 Uhr verreisen. Als Herr Mottek in den Wartesaal trat, wurde er mit schmählichen Beleidigungen vom Sanitätsrath Dr. Scheider überschüttet, und zwar begrüßte ihn derselbe mit den Rufen: „Da kommt schon wiedermal so ein verfluchter Jude, was will denn der Jude, raus mit ihm" und verschiedene andere Redensarten, die zu gemein sind, um hier niedergeschrieben zu werden. Sch. drohte mit dem Bierseidel in der Hand, und da M. von den anderen Herren nicht mit einem Worte geschützt wurde, und der liebermacht nicht gewachsen war, verließ er schleunigst den Saal. Als die Genannten nach mehrmaligem Nachsehen, ob die Fahrkartenstelle geöffnet sei, endlich solche geöffnet fanden, schritten Alle heran und dabei spie der Sanitätsrath zweimal vor Herrn Louis Cohn aus, und begann wieder auf die Juden zu schimpfen. Um Beschwerde zu führen, ging Cohn ins Stations-Zimmer und wurde vom Sanitätsrath verfolgt. Da die also Jnsultirten Thätlichkeiten befürchteten, begleiteten alle Herrn Cohn. Doch wurden dieselben vom Statkonsbeamten nicht geschützt, sondern mußten noch neue Beleidigungen seitens des Sanitätsrathcs mitanhören. Dr. Scheider wollte den p. Cohn ohrfeigen, doch traf der Schlag den Moritz Mottek ins Gesicht. Wunderbar ist es, daß solchen — Herren gegenüber unsere Beamten keine Energie zu besitzen scheinen. Wie es schon bekannt wird, hat die genannte Gesellschaft auch unseren Rabbiner Dr. Wreschner, der in der Nacht um 1 Uhr fortfuhr, und noch in Hamburg weilt, beleidigt. Ein rechtes Beispiel für ihren rücksichtslosen Racenhaß haben die genannten Herren noch den Fahrgästen des um 3/47 Uhr abgehenden Zuges bewiesen. Einem Herrn von Mielinski, Pole, den die Herren für einen Juden angesehen haben, wurde der Mantel vom Körper heruntergertssen, dabei wurde Herr v.