Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1893)
- Date
- 1893-01-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 die kleinen Leute heute nicht mehr daran, daß sie und gerade sie allein dazu geboren seien, alle Arbeitslast und alle Entbehrungen auf sich zu nehmen. Eine innere Stimme sagt ihnen, daß auch sie ein natürliches Anrecht haben auf Lebensgenuß und daß in einer Gesellschaft, die ihnen dieses natürliche Recht nicht zugestehe, es unmöglich mit rechten Dingen zugehen könne. Diese Empfindung ist die vorherrschende bei allen den kleinen Leuten. Wie sich die Sache im Einzelnen verhält, welches die besonderen Gründe der sozialen Ungerechtigkeiten sind, unter denen sie leiden, darüber haben die Leute sich noch kein Uv* theil gebildet. Sie suchen wohl instinktiv eine Antwort aus alle diese Fragen, vermögen sie aber nicht zu finden, da das Denken ihnen eine schwere, ungewohnte Arbeit ist und da außerdem jeglicher Einblick in das vielfach verschlungene Gesellschastsgetriebe unserer Tage ihnen abgeht. Zu solchen Leuten nun, die im Zustande eines dumpfen Dahinbrütens sich befinden, welches der Ursache ihres klar empfundenen Elends gilt, zu ihnen kommen dann die Antisemiten mit der Behauptung, daß die Juden an all dem Schlimmen und Bösen, was es in der Welt gibt, die Schuld trügen. „Die Juden also!" denkt der kleine Mann. „Ei, wer hätte das gedacht?" Und er fängt an, zu sinnen und zu grübeln und zu simuliren über die Frage, ob es wohl möglich sei, daß wirklich die Juden alles Unrecht verschuldet hätten. Freilich, ein besonderer Menschenschlag sind die Juden nun schon einmal, das muß wahr sein! Und^ andere Bräuche und Manieren als unsereins haben sie auch. Der Moses allerdings, der Krämer da unten im Dorfe, ist soweit ein ganz braver und rechtschaffener Mann, der viel Gutes thut und keinen Menschen betrügt. Aber der ist vielleicht gar kein richtiger Jude, der Moses. Gewiß, so verhält es sich. Der Moses ist kein richtiger Jude und die andern Juden sind Gauner und Spitzbuben. Das stand ja doch deutlich zu lesen in dem gedruckten Zettel, den neulich ein modisch gekleideter Herr aus der benachbarten Kreisstadt im Dorfe vertheilt hat. „Die Juden sind Ausbeuter und Betrüger, die den Deutschen die Haut über die Ohren ziehen. Sie arbeiten nicht und leben doch herrlrch und in Freuden. Das kommt daher, daß die Deutschen für sie arbeiten müssen." — So stand es in dem Zettel. Da mußte es doch auch wahr sein, denn wie könnten die Herrenleute in der Stadt sonst dergleichen in Druck geben? Auch der Herr Pfarrer hat schon wiederholt von der Kanzel herunter den Juden allerhand schlimme Dinge nachgesagt — da mußte es doch wohl seine Richtigkeit damit haben. Wenn aber die Juden alles Elend und alles Unrecht verschuldet haben, dann muß man gegen sie Vorgehen. Das ist ein furchtbar einfacher Schluß, den der kleine Mann ganz von selbst zieht. Und nun befindet er sich bereits in jener Stimmung, die ihn alles gläubig hinnehmen läßt, was phantasievegabte und lügengewandte antisemitische Agitatoren ihm vorschwätzen mögen. Die Kritik ist nicht seine starke Seite, er glaubt — glaubt denen, die es verstehen, sich in sein Vertrauen einzuschleichen. Die antisemitischen Biedermänner aber verstehen dies ganz vorzüglich. Was sollen nun einer solchen gegnerischen Agitation gegenüber die Anhänger der Abwehrbewegung thun? Sollen sie sich beschränken auf den lendenlahmen Hinweis darauf, daß es unchristltch und unmenschlich sei, Jemanden wegen seiner Religion oder wegen seiner ASstammung zu verfolgen und zum Gegenstand des Abscheues zu machen? Das wäre das Unvernünftigste, was sie thun könnten. Der Antisemitismus ist keine religiöse, er ist in der Hauptsache eine soziale Bewegung. Wenn die Gegner des Antisemitismus es nicht verstehen, den kleinen Leuten, die unter den bestehenden Gesellschaftszuständen zu leiden haben, zunächst die Ueberzeugung beizubrtngen, daß sie Antheil nehmen an ihrem Geschick, und ihnen dann in leicht faßlicher Weise darzuthun, daß nicht die Juden, sondern ganz andere soziale Faktoren ihre Nothlage herbeigesührt haben, wenn sie es nicht verstehen, die im Volke nun einmal bestehende mächtige Bewegung von sich ab- und auf diese Factocen hinzulenken, so mögen sie lieber gleich ihre Arbeit aufgeben. Das Volk hält sich dann an die Juden und wird sie früher oder später dafür büßen lassen, daß es ihm schlecht geht. Hier also ist zunächst der Hebel anzusetzen, wenn es besser werden soll. Die Vertreter der Abwehrbestrebungen müssen sich selbst klar zu werden versuchen über die Natur der ökonomischen Entwicklung, welche die herrschenden Mißstände gezeitigt hat, und wenn sie selbst zu dieser Klarheit durchgedrungen sind, dann müssen sie es sich angelegen sein lassen, das Vertrauen der leidenden Klassen zu gewinnen und die eigene Erkenntniß in volkstümlicher Form unter die Leute zu bringen. Wenn ich hier von Anhängern und Vertretern der Abwehrbeftrcbungen spreche, so meine ich damit nicht etwa die Handvoll Leute, welche in der Abwehrbewegung eine führende Rolle spielen. Allerdings meine ich auch sie. In weiterem Sinne aber gelten meine Vorhaltungen allen denen, die direkt oder indirekt an der Abwehrbewegung interessirt sind. Hierher gehören in allererster Linie unsere