Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1893)
- Date
- 1893-01-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage;u M 1 des „Israelit". Leitender Artikel. Morsch sage zur Bekämpfung des Antisemitismus. *) i. Die Leute, welche auch jetzt uoch die Behauptung aufstellen, daß der Antisemitismus sich bald abwirthschaften werde, sind wahrlich um ihren Optimismus zu beneiden. Eine solche Annahme erscheint durch Nichts gerechtfertigt. Im Gegentheil: alle Anzeichen deuten darauf hin, daß gerade jetzt die antisemitische Bewegung in ein Stadium eingetreten ist, welches den Uebergang bildet zu neuen, großartigen und bis vor Kurzem nicht für möglich gehaltenen Erfolgen. Die beherzigenswerthe Lehre, welche die Vorgänge im Reichstagswahlkreis Friedeberg-Arnswalde in sich schließen, sollte man nicht so rasch und nicht so leichten Herzens vergessen. In jenem vorwiegeud ländlichen Wahlkreis, der eine nennenswenhe jüdische Bevölkerung gar nicht aufzuweisen hat und in welchem mithin von einer „Judenfrage" bislang nicht die Rede sein konnte — in diesem bis vor wenigen Wochen vom Antisemitismus noch gänzlich unberührten Wahlkreis ist Ahlwardt mit einer gewaltigen Stimmenmehrheit zum Reichstagsabgeordneten gewählt worden. Die Einzelheiten des Wahlfeldzuges sind bekannt, ich brauche also hier nicht weiter darauf zurückzugreifen. Die Lehre aber, die bittere und doch so heilsame Lehre, die sich hieraus ergibt, wird noch lange nicht genügend gewürdigt. Wenn in einem Wahlkreis wie der Friedeberg- Arnswalder einer ist, binnen wenigen Wochen durch eine wähl- und scrupellose, aber zielbewußte und energische Agitation auf einen Mann wie Ahlwardt, der doch gewiß nicht zu den vertrauenerweckenden Politikern gehört, eine so überraschend große Stimmenzahl vereinigt werden konnte; wenn dort das Volk, allen Warnungen zum Trotz, es sich nicht nehmen ließ, dem Genossen eines Manchs und anderer dunklen Ehrenmänner, der als gewerbsmäßiger Verleumder schon längst vom Gericht gekennzeichnet worden war, ein Reichstagsmandat zu übertragen, so ist hundert gegen eins zu wetten, daß bei etwaigen allgemeinen Neuwahlen die Antt- *) Von maßgebender nicht) »bischer Seite geht uns die hier zum Abdruck gebrachte hochbedeutsame Arbeit zu. Wenn wir auch den Standpunkt des geehrten Herrn Verfassers nicht durchweg theilen, (unser Standpunkt ist in dem Artikel, „Rückblick" präcisirt), so glauben wir doch, daß derselbe die weiteste Beachtung verdienen dürfte. (Red. d. „Jsr.") semiten in andern Wahlkreisen, in denen die Verhältnisse für ihre Propaganda noch günstiger liegen, erst recht Erfolg haben würden. Es stände in diesem ZFalle thatsächlich auch nicht das Geringste der Erfüllung eins ihrer kühnsten Wünsche entgegen — des Wunsches nämlich, daß sie fünfzehn Mann stark, das heißt als vollberechtigte antisemitische Fraktion, ihren Einzug in den neuen Reichstag halten möchten. Was ein solcher Erfolg aber für die Weiterentwickelung der antisemitischen Bewegung, was er sogar für unsere gesammte innere Politik zu bedeuten haben würde, das braucht kaum besonders hervorgehoben zu werden. Die Wahl in Friedeberg-Arnswalde hat gezeigt, daß die Antisemiten sich auf die Agitation verstehen, wie kaum 'eine andere politische Partei. Höchstens die Sozialdemokraten können sich da mit ihnen messen. Es steckt im Antisemitismus ein gut Theil Leidenschaft und Energie, beides Eigenschaften, die den Gegnern dieser unheilvollen Bewegung nur allzu oft fehlen. Jene Wahl hat uns aber ferner erkennen lassen, daß die Vertreter der Abwehrbestrebungen sich bisher im Jrrthum befanden, wenn sie glaubten, dem Antisemitismus könne irgend ein nennenswerther Abbruch gethan werden durch den Nachweis, daß er widervernünftig und unlogisch ist, oder aber man könne ihn wirksam bekämpfen, indem man die Unwürdigkeit seiner hervorragenden Vertreter öffentlich darthut. Für eine solche Beweisführung ist die große Masse nicht zu haben. Im Wahlkreis Friedeberg- Arnswalde hat es in dieser Beziehung während der Wahlperiode an einer planmäßigen Agitation sicher nicht gefehlt, und dennoch war der Erfolg gleich Null. Die Antisemiten wandten sich an das Gefühl und an die Leidenschaften der Menge, die Gegner aber an ihren Verstand und ihr Anstandsgefühl — jene siegten, diese unterlagen. Das dürfte doch wohl bis zu einem gewissen Grade beweisen, daß Gefühl und Leidenschaften im niederen Volke stärker entwickelt sind, als der Verstand und der Sinn für das Schickliche. Und das ist nur lallzunatürlich. Die Leidenschaften erhalten täglich neue Nahrung durch die schlechte materielle Lage, in der sich der größte Theil der Gesammtbevölkerung befindet. Die Zeiten, da dieser Zustand der Dinge ohne Murren hingenommen und ertragen wurde, weil man ihn für unabänderlich hielt, sind längst dahin. Auch auf dem flachen Lande, in den entlegensten Weilern und auf den einsamsten Bauernhöfen glauben