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Der Israelit · 1893-01-02 · Heft 1 (2.1.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 1 (2.1.1893)
Date
1893-01-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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7 sollten, um elf Uhr Nachts in sein Zimmer traten, erschrack der Vater, trotz der vorgeschrittenen Stunde, doch noch immer nicht. Er glaubte die beiden Theologen, welche eifrig das Studium der hebräischen Sprache betrieben, besuchten ihn, um, wie sie dies früher oft gethan, sich Aufklärung über eine schwierige Textstelle zu erbitten, oder ihn als Schiedsrichter in einem gelehrten Streite anznrnfen — und selbst als die beiden Geistlichen, den Zweck ihrer Anwesenheit enthüllend, die Bücherschränke öffneten und deren Inhalt durchsuchten, war er noch immer ruhig geblieben. Erst als man ihn einige Tage später, um Mitternacht in seinem Hanse in Fürth überfiel, ihm Ketten anlegte und ihn vor seinem Hause ein Wagen und eine starke Cavallerie- Escorte erwartete, erkannte er, daß er verloren sei, dass man ihn zu verderben beabsichtige; aber trotzdem blieb er ruhig und versuchte es, noch meine Mutter und meine Schwester, die verzweifelnd, schluchzend die Hände rangen, zu trösten. Die letzten Worte, die sie aus seinem Munde hörten, waren jene, die er ihnen ans dem Wagen, der ihn nach Ansbach zur Untersuchung führte, als sich dieser in Bewegung setzte, zurief; sie lauteten: „Esri me-im haschem osze schomajim wo-orez!“ 1) „Die letzten Worte?" seng Wertheimer verwundert, „hat man denn Ihren Vater nicht, bevor er von Ansbach zu lebenslanger Kerkerhaft nach Schwabach geführt wurde, gestattet, sich von Weib und Kind zu verabschieden? Das wird ja auch dem zu Todesstrafe Verurtheilten gestattet!" „Man ist gegen uns mit beispielloser Härte und Grausamkeit vorgegangen. Mutter und Schwester erfuhren erst, dass der Vater zu lebenslanger Kerkerhaft verurtheilt wurde, als man kam, sie ihres Vermögens zu berauben und aus dem Lande zu jagen. Uebrigens wurde der Vater nächtlicher Weise insgeheim unter starker Bedeckung nach Schwabach geführt. Mein Vater war im ganzen Lande geliebt und geehrt worden. Er hatte Tausenden Wohlthaten erwiesen. Wer im ganzen Fürstkuthume der Unterstützung, der Hilfe, der Fürsprache, des Ruthes bedurfte, hatte sich vertrauensvoll und nie vergeblich an ihn gewendet. Er hatte im Laufe der Jahre Tausende reich beschenkt, Hunderten von Handwerkern zinsenlos namhafte Beträge geborgt, damit sie sich Werkstätten errichten konnten, vielen Kauflenten, die sich in harter Bedrünguiß, in Zahlnngsverlegenheiten befanden, war er hilfreich mit Vorschüssen beigesprungen, hatte ihre Ehre, ihre Existenz gerettet, viele Männer, die er während seiner Studienzeit unterstützt, hatten.ihm Amt und Stellung zu danken, viele schuldlos Angeklagten dankten seiner 1) Meine Hilfe kommt von dem Ewigen, der Bimmel und Erde schuf. Pf. Eap. 121, V. 2. mächtigen Fürsprache, Freiheit, Gesundheit, Vermögen und Ehre; — man durfte es nicht wagen, ihn — wie meinen Onkel Elkan — am hellichten Tage ans eitlen Schinderkarrcn ins Gefängniß zu führen." „Blieben Sie mit Ihren Angehörigen längere Zeit in Ichenbnrg?" srng Wertheimer. „Nein! — Meiner Mutter und meiner Schwester war die kurze Zeit bis zn meiner Ankunft in dem kleinen Dorfe höchst peinlich geworden. Abgesehen davon, daß sie die Gastfreundschaft eines unbemittelten Mannes in Anspruch nehmen mußten, war ihnen die große Nähe Ansbachs unheimlich. Schon der Gedanke, daß ee leicht geschehen könnte, daß sie von Personen, die sie in ihrem höchsten Glanze gekannt, nun in ihrer tiefsten Erniedrigung gesehen werden könnten, bedrückte die armen, feinfühligen Frauen, aber noch weit mehr die Befürchtung, daß Christhold-Fränkl ihren Aufenthaltsort erfahren und in seiner unersättlichen Rachgier sie auch hier verfolgen würde. Der Schandbube, der im Stande war, seinen Wohlthäter, seinen zweiten Vater als Besitzer lasterhafter Bücher anzuklagen, dadurch der Zauberei zu verdächtigen, würde wohl in seinem grimmigen Haffe sich auch dazu verstehen, meine Mutter und meine Schwester als Hexen anzuklagen. Die beiden Frauen waren heimaths- und rechtslos, wenn der Markgraf ihre Auslieferung verlangt hätte oder sie von seinen Schergen hätte holen lassen, es hätte Niemanden gegeben, der sie geschützt hätte — und in Ansbach werden alljährlich dem blutigen Moloch, dem verblendeten, verruchten Wahnglauben zahlreiche Menschen zum Brandopfer gebracht!" „Grauenvoll!" stöhnte Perez Markbreiter bei dem entsetzlichen Gedanken zusammenschauernd. „Hätte sich den armen Frauen die Möglichkeit geboten, Ichenbnrg zu verlassen, hätten sie dies schon früher versucht, aber es war dies vollkommen undenkbar, es waren zwei schutzlose Frauen, welche den Vcrfolgnngeu des ersten nichtswürdigen Wüstlings, der ihnen begegnete, ansgesetzt waren, sie besaßen nicht die Mittel für die nächste unentbehrliche Mahlzeit, sie hätten sich den Bissen Brod vor fremden Thürcu erbetteln müssen, es war strenger Winter, sie waren nicht der Jahreszeit entsprechend gekleidet und beschuht, sie waren vor den Unbilden der rauhen Jahreszeit nicht geschützt; es erschien nicht als Befürchtung, cs erschien als zweifellose Gewißheit: sie hätten auf dem Wege erkranken. in elendester Weise im Elende verderben müssen! Durch meine Ankunft hatte sich die Lage günstiger gestaltet. Sie waren nicht mehr verlassen, nicht mehr schutzlos und ich konnte ihre Besorgnisse nach einer Richtung hin, zerstreuen. Wir waren

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