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Der Israelit · 1893-01-02 · Heft 1 (2.1.1893) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 1 (2.1.1893)
Date
1893-01-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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5 wecken, die zum Gebete erforderlich ist. Deßhalb haben die Gotteshäuser ihre Anziehungskraft verloren, weil man dem Gebet durch seine fremde Sprache keinen Geschmack mehr abqewinnen kann. Man muß deßhalb den Verhältnissen Rechnung tragen und eine Allen verständliche Sprache an Stelle der unverständlichen setzen." Was würden wir zu solchen Argumenten sagen, wenn sie uns sonst im Leben begegneten? Wenn Jemand, der kein Französisch und Englisch verstünde, Paris und London langweilig fände, und allen Ernstes verlangte, die beiden Städte sollten seine Sprache annehmen, damit auch er ihnen Geschmack abgewinnen könne? Wir würden doch einem solchen lächelnd erwiedern: Ei, mein lieber Mann, London und Paris werden sich in das Schicksal, von Ihnen langweilig befunden zu werden, finden können. Aber wenn Sie gerne London und Paris kurzweilig finden, wäre es dann nicht vielleicht einfacher, Sie lernen die Sprache dieser Städte, als diese Städte bequemten sich zu Ihrer Sprache? Und doch verriethe ein solches Ansinnen an diese beiden Riesenstädte noch nicht so viel Wahnwitz und Anmaßung, als die Zumuthung, unsere durch Jahrtausende geheiligte Sprache einer Hand voll Weitlinge zu Liebe aufzugeben und sie just mit der Sprache zu vertauschen, welche diesen zufällig geläufig ist! Wie gering, wie unsäglich gering muß man doch' von diesem geistigen Band, das Jahrtausende mit unserer Gegenwart verbindet, wie geringschätzig muß man von unserer ganzen Vergangenheit denken, um ein solches Begehren nur aussprechen zu können! Man versteht die heilige Sprache nicht mehr? Ei, so lerne man sie. wie man Lateinisch und Griechisch, wie man Französisch und Englisch lernt. Denjenigen Gegnern der heiligen Sprache, die aus der Roth eine Tugend machen und die Unkenntniß derselben als einen Fortschritt preisen, der unfehlbar zur Assimilirung mit der uns umgebenden außerjüdtschen Welt führt, ihnen gegenüber sind wir jeder Notwendigkeit einer Entgegnung enthoben. Seit einem halben Jahrhundert wird zu Gunsten dieser Assimilitation unserer heiligen Sprache der Vernichtungskampf erklärt, und in vielen Kreisen mit einem Erfolge, daß noch kaum etwas auszumerzen und zu verkümmern übrig geblieben ist, ist die dafür einzutauschende Annäherung erfolgt? Sind wir nicht weiter von ihr entfernt, als vor wenigen Jahrzehnten? Und diejenigen, die jederzeit bereit sind, ihre heiligsten Heiligtümer gegen sociale und politische Vortheile preiszugeben, leiden sie nicht am Schwersten unter den Gebresten und Schäden unserer Gegenwart? Auf diesem Wege, das muß sich jeder Unbefangene gestehen, wird die Heilung nicht gefunden werden. Hat das Abweichen von diesem Wege in unser jüdisches Geistesleben den Bruch gebracht, der uns allenthalben entgegenklafft, so erblüht uns wahres ersprießliches Leben nur in der Rückkehr zu unseren verlassenen Heiltgthümern, unter denen die heilige Sprache obenan steht. Zu ihr zurückgekehrt, würden wir es an uns erfahren, daß die alte Wahrheit auch für uns noch ihre volle Berechtigung hat: rin "Off na rpDi D”n yy netid „Heilung bringt die Sprache, dieser Baum des Lebens, aber das Abweichen von ihr ist der Bruch des Geistes. (Mischte, 15, 4.) Zeitungsnachrichten und Correfpoudeuzeu. Deutschland. Berlin, 29. Dez. Der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde hat mit geringer Mehrheit beschlossen, sich mit einer Adresse oder Petition an den Kaiser zu wenden, um Schutz gegen den Antisemitismus oder dessen etwaige Ausschreitungen zu erbitten. Sehr angesehene Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind gegen diesen Plan und in den freisinnigen politischen Kreisen hält man ihn für einen großen Fehler. Dem gibt heute die „Volkszeitung" in einem Leitartikel Ausdruck. Sie sagt: Die Verfassung gewährt den Juden alle staatsbürgerlichen Rechte; was wollen sie also darüber hinaus erbitten? Wollen sie sich etwa persönlich unter den Schutz des Kaisers stellen? Sie haben Rechte und brauchen nicht zu bitten. Es liegen keine Anzeichen vor, daß die Staatsregierung ihre staatsbürgerlichen Rechte etwa beseitigen wolle. Auch ob eine etwaige Verurtheilung des Antisemitismus durch den Kaiser Erfolg haben würde, sei fraglich. Berlin, 29. Dez. Wie die „Volksztg." mittheilen kann, ist der telegraphisch erwähnte Beschluß des Vorstandes der hiesigen jüdischen Gemeinde, eine Petition um Schutz an den Kaffer zu richten, im Repräsentantenkollegium nicht einstimmig gutgeheißen worden, vielmehr haben sich fünf Mitglieder gegen die Adresse erklärt. Xanten, 27. Dez. Das „Clever Kreisblatt" theilt auf Grund von Erkundigungen an maßgebender Stelle mit, die Staatsanwaltschaft des Clever Landgerichtes habe nicht allein gegen den Bildhauer Wesendrup, sondern auch noch gegen eine zweite Person wegen Verdachtes, den Knabenmord in Xanten begangen zu haben, die Untersuchung eingeleitet. Zeugenvernehmungen haben neuerdings in erheblicher Zahl..stattgefunden. Der gegen Wesendrup erlassene Haftbefehl, in Folge dessen seine

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