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Der Israelit · 1893-01-02 · Heft 1 (2.1.1893) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 1 (2.1.1893)
Date
1893-01-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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4 Die heilige Sprache. ' Von Bezirks-Rabbiner Dr. Ehrman« in Baden (Schweiz). III. (Schluß.) Die bisherigen Erwägungen, wenn sie nicht ganz von der Wahrheit abweichen, bilden einen treuen Maßstab zur Beurtheilung unserer Lage und unserer ganzen Stellung zu dem hohen Ideale, dessen Verwirklichung unsere Aufgabe zu allen Zeiten ausmacht. Mit welchem Eifer müssen wir unsere eigentliche Sprache pflegen und sie uns heimisch machen, wenn ihr Schwinden Zeugniß für das Sinken aus der Höhe unserer Bestimmung ablegt! Und wie wenig wird diese Wahrheit erkannt und gewürdigt, ja wie vielfach wird ihr mit allen Mitteln entgegengearbeitet! die Verhältnisse für uns nun einmal liegen/ ist neben dem Thorastudium das Gebet in unserm Gotteshaus die naturgemäße Veranlassung, wobei die heilige Sprache in uneingeschränkter Bedeutung walten und von da aus sich in alle Kreise des Volkes verbreiten sollte. Und gerade hier sucht man sie zu verdrängen und streicht gedankenlos die Kleinodien unserer Liturgie aus den Gebetbüchern, um sie, wie man sagt, zeitgemäß zu gestalten. Das Studium der Thora hat man bereits so gänzlich aus dem Volke verbannt, daß man Staaten und Länder mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung durchwandern kann, ohne auf Schulen oder sonstige Veranstaltungen zu stoßen, in welchen das Heranwachsende Geschlecht mit dem Geiste der Thora getränkt oder auch nur oberflächlich bekannt gemacht wird. Selbst unsere Religionsschulen, wenn sie ihre kärglich zugemessene Zeit nicht ausschließlich einer geistlosen, mechanischen Katechismusschablone widmen, beschränken sich im günstigen Falle auf eine kalte, trockene Wortübersetzung der Thora und der Gebete, ohne alle Rücksicht auf das sie erst belebende, erklärende und verklärende Wort unserer großen Weisen. Als die Thora zu König Ptolmäus' Zeiten ins Griechische übersetzt wurde, verfinsterte sich die Welt drei Tage lang. Wo nimmt man aber die Tage her, um die Trübung der jüdischen Lebensanschauung, die Verwirrung aller Begriffe und das Schwinden des Thorageistes wiederzugeben, die sich seit hundert Jahren, seit?em Erscheinen und Verbreiten derMendelssohnffchen Bibelübersetzung überall geltend macht? *) Neu eingetretene Abonnenten erhalten die Anfänge dieses Artikels auf Verlangen gratis und franco nachgeliefert. Red. Wahrlich, es war nicht Bildungsfeindlichkeit der damaligen Koryphäen der jüdischen Diaspora, die sie veranlaßte, warnend und mahnend gegen die Mendclssohn'sche Bibelübersetzung die Stimmen zu erheben. Ihre Bedenken wurzelten und gipfelten in der leider nur allzusehr berechtigten Befürchtung, daß gerade durch eine gediegene Uebersetzung der Thora, wie sie von Mendelssohn nicht anders zu erwarten war, die mündlich überlieferte Thora zurückgedrängt und ganz der Vergessenheit überantwortet werden könne. Diese Bedenken hat Mendelssohn selber getheilt und er suchte ihnen gerecht zu werden, indem er seine Uebersetzung mit einem hebräischen Commentar begleitete, welcher die Erklärungen von Raschi, Raschbam, Jbn Esra, Rambam u. a. enthält, wie dies in der hebräischen Vorrede der Uebersetzung eingehend berichtet wird. Hätte Mendelssohn diesen Commentar seiner deutschen Uebersetzung ebenfalls in deutsch er Sprache beigefügt, so hätte sicher auch damals Niemand an dieser Uebersetzung Anstoß genommen. So aber hielt man sich nur an die Übersetzung, vor welcher der hebräische Commentar gänzlich zurücktrat und damit war der Bruch,^zwischen der schriftlichen und mündlichen Thora vollzogen, unter dem wir heute noch leiden. Wenn unsere Weisen eine bloße Wortübersetzung der Thora als Lug und Trug bezeichnen, so zeigt der Fluch, der auf dieser Behandlung der Thora thatsächlich ruht uud sich täglich mehr und mehr geltend macht, daß ihr Verdikt kein zu scharfes ist. 'n-d m nr. rn-nso piDD onnnn -id'.n mw ’m .(N"V Ö*Ö rpjjöi rpriD!T HD fpDlöni Wie man jedoch hierüber auch urtheilen möge, der Thatsache wird sich Niemand verschließen, daß mit dem Erscheinen dieser Bibelübersetzung die Aera des weitschichligen Abfalls eingeleitet wurde, den man später Reform des Judenthums nannte. Zur Degradirung und.Verdrängung der heiligen Sprache aus unseren Gebeten war nunmehr nur ein Schritt, der sich so folgerichtig daran schließt, daß diejenigen, die ihn thun, kein Bewußtsein mehr von seiner verhängnißvollen Bedeutung haben. Wäre dieses Bewußtsein vorhanden, man würde die Verdrängung der heiligen Sprache aus unserer Liturgie nicht mit so gehaltlosen, nichtssagenden Gründen fordern und rechtfertigen, wie es thatsächlich geschieht. Was ist denn das Alpha und Omega aller derer, welche an Stelle der heiligen Sprache die jeweilige Landessprache für unsere Gebete befürworten? Sie sagen: „Man versteht heute die hebräische Sprache nicht mehr, sie ist dem größten Theil der Beter unbekannt, das Recitiren unverstandener Worte und Sätze kann nicht die Andacht

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