Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1893)
- Date
- 1893-01-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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2 semitische Volksdemonstrationen statt. In Berlin zogen vor einigen Wochen wiederholt große Volksmassen unter dem Gebrüll „Nieder mit den Juden" die Friedrichsstraße entlang. Das alte Blutmärchen lebt wieder auf und hat unsägliche Verwirrung in den Geistern und Gemüthern breiter Volksschichten angerichtet, deren Folgen noch fortdauern. In Frankreich ist mit dem Ausgang des scheidenden Jahres ein großes schwindelhaftes Finanz-Unternehmen zusammengestürzt, bei welchem hervorragende Staatsbeamte, Parlamentarier und selbst Minister stark kompromittirt wurden. Da bei dem Skandal auch einige jüdische Financiers betheiligt waren, so wird die ganze Affaire gegen die Juden ausgebeutet. Wie die Dinge liegen, haben Kreise, die sonst den Juden wohlwollend gegenüber standen, ein sehr begreifliches Interesse, diesem Allerwelts-Prügelknaben auch dieses nationale Unglück voll und ganz zuzuschreiben. In Italien hat ein ähnlicher Zusammenbruch von verschiedenen Banken die öffentliche Aufmerksamkeit ebenfalls in hohem Grade erregt. Sofort sind die dortigen Judenfeinde bemüht, auch aus diesen Vorgängen Capital für ihre unlauteren Zwecke zu schlagen und die Bevölkerung gegen die jüdischen Bürger aufzustacheln. Selbst nach Malta hat man durch aufreizende Hetzschriften die judenfeindliche',Propaganda getragen und die Sicherheit der jüdischen Einwohner so ernstlich gefährdet, daß dieselben sich um Hilfe bittend an ihre Brüder im Ausland wenden mußten. In der Schweiz haben unter der Maske des Thierschutzes einige rührige Agitatoren genügt, um mehr als 80,000 Stimmen zu sammeln, die einer Volksabstimmung das Wort reden, durch welche es den Juden der Schweizerischen Eidgenossenschaft gesetzlich untersagt werden soll, ihre Schlachtthiere nach den Vorschriften des jüdischen Ritus zu tödten. In Amerika selbst macht sich die immer größere Kreise ergreifende Epidemie in beängstigender Weise bemerklich. Das Anschwellen des Auswanderungsstroms, der sich besonders durch die aus Rußland Ausgewiesenen recrutirt, hat dort zu Unzuträglichkeiten verschiedener Art und endlich zu einem Auswanderungs-Verbot geführt, das dieser Tage in Kraft treten soll. Man hat diesen harten Schlag, der den russischen Verstoßenen bie: Zufluchtsstätte plötzlich verschließt, die sie bis jetzt am gastlichsten aufnahm, allerdings nicht auf die russischen Juden beschränkt und sie auch mit anderen sanitären Rücksichten zu begründen versucht, allein Jedermann weiß, was diesem Vorgehen zu Grunde liegt und wen es am schwersten betrifft. Von den Ausnahmsgesetzen, Bedrückungen und Verfolgungen, denen unsere Brüder und Schwestern im Orient, in den ganz- und halbasiatischen Staaten ausgesetzt sind, brauchen wir nicht weiter zu sprechen. Sie bilden dort die stehende Regel und können Niemanden in Erstaunen setzen, wenn selbst der Occident in solch unerhörter Weise die primitivsten Menschenrechte zu verkümmern nicht mehr zurückschreckt, sobald es sich um jüdische Menschen handelt. Auch was die Ausstellungen betrifft, die unsere Feinde an uns zu machen haben, tritt die Aehnlichkeit mit den nichtigen Vorwänden, deren sich schon die alten Egypter gegen uns bedienten, in drastischer Weise hervor. Da sie erdichtet sind und jeder tatsächlichen Unterlage entbehren, so kann es nicht fehlen, daß einer den anderen aufhebt. Das Hauptverbrechen der Juden war und ist: daß sie überhaupt existiren. Wenn sie gar in einem Lande oder in einer Stadt zahlreich existiren, so bedarf die jüdische Gemeingefährlichkeit keines anderen Beweises mehr. Erfolgt er dennoch, so ist er blos Decoration. An seine Wahrhaftigkeit glaubt Niemand, am wenigsten diejenigen, die ihn Vorbringen. — Bon dem alten Pharao wird uns berichtet^ udd msjn 21 ’ja Dy njn idj/ hu fpui nrus'ipn *0 nvn rw zv t> noanni nan .pwn ]d rfcyi ua orfoi by nin oj „Er sprach zu seinem Volke: Siehe das Volk der Kinder Israel ist zahlreich und von uns so mächtig geworden. Wohlan, wir wollen.ihm mit List beikommen, damit es sich nicht vermehre. Es wird, falls sich ein Krieg ereignet, auch zu unseren Feinden halten, gegen uns streiten, und aus dem Lande ziehen." (2. B. M., 1. 9, 10.) Es ist nicht anzunehmen, daß die Zahl der Israeliten größer als die der Egypter war. Eine solche handgreifliche Uebertreibung hätte sich Pharao wohl auch nicht zu Schulden kommen lassen. Dies wäre aber wohl der Fall, wenn man die Worte udd D'Ljn 2i wie dies gewöhnlich allerdings geschieht, übersetzen wollte: „zahlreicher und mächtiger als wir." Es scheint aber hier gegen die Israeliten der Vorwurf erhoben zu werden, der noch heute von unseren Feinden im Munde geführt wird: Die Juden saugen das Volk aus, sie sind von uns so groß und mächtig geworden. Wenn man dies wirklich von den Juden in Egypten glaubte, daß sie also in der Aussaugung des Landes so gut ihre Rechnung fänden, wie kann man ihnen dann den Landesverrath insinuiren und die Möglichkeit, daß sie füglich diesem Land den Rücken kehren werdend Genau dasselbe ist bei uns heutzutage der Fall. Auf der einen Seite wirft man uns vor, wir hingen mit unserem Denken und Fühlen an