Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1893)
- Date
- 1893-01-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. J\h J_. Der Israelit. Ein Kentrat-Hrgan für das ortßodoXe Iudenlhum. Begründet von IZr. Lehmann in Mainz. Montag, den 2. Januar 5653 (1893). Leitende Artikel. Htückölick. Mainz, 1. Januar 1893. Ein Blick auf die Geschehnisse während des abgelaufenen Jahrgangs bietet für die soziale und politische Stellung unserer Glaubensgenossen in allen Ländern eine reiche Fülle von Ereignissen, dagegen scheint die Ausbeute ungewöhnlich dürftig, wenigstens für den oberflächlichen Beobachter, insofern es sich um die innere Entwicklung des Judenthums, seine Verbreitung und Verwirklichung unter seinen Bekennern handelt. Was den ersten Punkt betrifft, so hat die ganze Signatur unserer Zeit ungemein viel Aehnlichkeit, mit den Anfängen der ersten Judenverfolgung, wie sie uns am Eingang des Buches Schemoth berichtet werden und welche in unseren Gotteshäusern in diesen Tagen gelesen werden. Es heißt daselbst: Ntorn “JND 1XO3 1!22p'1 13VI nnitn V)B ^XIL" ’JDl | .DH« pXH | „Die Kinder Israels waren fruchtbar, breiteten sich aus, wurden zahlreich und sehr mächtig und > das Land wurde voll von ihnen." (II. B. M., I. 7.) Jnhem es nicht heißt pxn nx ix^d'i sie füllten das Land, so scheint sich dies nicht aus die numerische Stärke der Israeliten zu beziehen: x^crn anx pxn das Land wurde voll von ihnen, scheint vielmehr sagen zu wollen: Juden und jüdische Angelegenheiten, ihr Vermögen, ihre Fähigkeiten, ihr Einfluß, kurz die ganze Stellung der Juden, bildete so lange den Gegenstand allgemeiner Discussion, waren überall „im Theater und , Circus" wie die Weisen im Midrasch anmerken, so I lange Gegenstand der Beachtung und Unterhaltung, bis man glücklich eine „Judenfrage" zu Wege gebracht hatte. Heutzutage ist nicht ein Land, heute ist that sächlich die ganze Erde voll von Debatten, Beschlüssen und Maßnahmen, die sämmtlich die Juden zum Gegenstand haben und allenthalben bereits zu einer Judenfrage führten oder doch mit vollen Segeln darauf lossteuern. Man braucht nur die einzelnen Staaten und Länder flüchtig zu mustern, um diese Behauptung nicht übertrieben zu finden. Beginnen wir mit dem Osten Europas, so überheben uns die betrübenden Vorgänge daselbst, die fortgesetzten Bedrückungen und Vergewaltigungen gegen die dortigen Juden jeder Nothwendigkeit eines Beweises, daß dort die Judenfrage stationär ist, und^bereits eine Lösung gefunden hat, wie sie entsetzlicher kaum gedacht werden kann. Werfen wir einen Blick auf Oesterreich, so finden wir daselbst die judenfeindliche Giftsaat in einer Weise aufwuchern, welche die ernstesten Bedenken rechtfertigt. Es gibt kaum einen Anlaß, der in den dortigen Parlamenten den wüthenden Judenfeinden nicht einen Vorwand bietet, um das Judenthum und seine Bekenner in die Debatte zu ziehen und sie öffentlich zu verunglimpfen. Ju Deutschland Hallen öffentliche Verhandlungen der Parlamente, der Gerichtshöfe, der politischen Fraktionen und vieler sonstiger Vereine von der Stellung zu den Bekennern des Judenthums wieder. Obwohl mau bereits gewöhnt ist, daß Volksvertreter lediglich auf Grund ihres Judenhasses in die Volksvertretungen gewählt werden, so hat es doch weit über den jüdischen Kreis hinaus peinliches Aufsehen und aufrichtige Betrübniß bis in die höchsten Kreise hinauf wachgerufen, daß in den letzten Tagen des verflossenen bürgerlichen Jahres ein notorischer Verleumder zur selbigen Zeit, als er wegen Verleumdung mit Gefängniß bestraft wurde, von einer ungewöhnlich großen Zahl von Wählern ein Mandat in den Reichstag erhielt. In verschiedenen größeren Städten, wo das freisinnige Element sonst sehr stark ist, finden fortgesetzt anti-