Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 102-103 (28.12.1892)
- Date
- 1892-12-28
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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1974 als das Leben stellen wollte. Ueber diese Frage waltet bereits eine Meinungsverschiedenheit unter unseren ältesten Gesetzeslehrern, und auch wir konnten zu einem einmüthigen Beschlüsse hierüber nicht gelangen. Ich habe die Ansicht vertreten, daß wohl jeder Einzelne für sich berechtigt sei, den Namen Gottes zu heiligen und den Ernst seiner religiösen Ueberzeugung durch den Tod zu besiegeln, aber ich bin mit dieser Ansicht in der Minorität verblieben. Für Euch Alle ist daher der Majoritätsbeschluß bindend. Was mich persönlich betrifft, so hat das Bes-Din nach langem Drängen mir darin beigepflichtet, daß für mich persönlich ein Ausnahmsfall vorliegt. Ich bin der erste, der schon übermorgen arbeiten soll, vielleicht ist mein Tod für Euch Alle eine Sühne. Wenn unser Machthaber an dem ersten Beispiele sieht, daß wir lieber in den Tod gehen, als uns zu einer Entweihung des Gottesgesetzes verstehen, so läßt er vielleicht von seinem frevelhaften Vorhaben ab, und Ihr könnt dann wieder ungehindert den Sabbat feiern." Bei diesen Worten ging ein Murmeln durch die Reihen, das der Redner richtig dahin deutete, daß die Gemeinde ein solches Opfer nicht annehmen wolle. Aber der Redner erklärte, er setze voraus, daß seine Gemeinde den Beschluß des BeS-Din respektire, wie er auch ausfalle. Erwifse,daßernicht der einzige sei, dem ein durch Gesetzesentweihung gefristetes Leben unerträglicher und daher ein schweres Opfer sei, als der Tod für die Heiligung des göttlichen Namens. Aber seine Gemeinde habe ihm schon so viele Beweise von Anhänglichkeit und Vertrauen entgegengebracht, daß er sicher sei, sie werde ihm auch diese Liebe erweisen und ihm ein Privilegium einräumen, auf das er durch seine Stellung und durch den Umstand einen gewissen Anspruch habe, daß er als der l erste designirt sei, der den Sabbat entweihen solle. Hätte der Poriz sso nennt man bei uns die Gutsherren) einen anderen als das erste Opfer bestimmt, so hätte der Rabbiner diesem und wäre er auch der letzte in der Gemeinde, gern denselben Vorzug eingeräumt. Man kann sich denken, welchen Eindruck diese schlichten Worte auf die ganze Versammlung machten, die hingerissen von der Seelengröße ihres Führers, das was ihnen wenige Minuten vorher noch als das größte Unglück galt, nun als das Herrlichste, Erstrebensweithe, dessen ein Mensch fähig ist, staunend verehrten. Und ein solcher Mann sollte in zwei Tagen einem ruchlosen Tode zum Opfer fallen und ihnen so für immer entrissen werden! Alle wußten, daß Aschinsky auf seiner Anordnung bestehen werde, aber noch viel sicherer wußten sie, daß diese Härte nicht an den Ernst heranreichte, mit dem Rabbi Sundel ausführen werde, was er hier ausgesprochen hatte. Hätte Jemand auch nur den leisesten Zweifel an der Entschiedenheit des Rabbiners gehabt in zwei Tagen für seine Gemeinde, für das Gesetz seines Gottes in den Tod zu gehen, er wäre vor den Worten geschwunden, mit welchen Rabbi Sundel seine Rede schloß: „Ich weiß nicht, ob wir noch einmal vor Sabbat zusammen'kommen, wenn der Poriz von einer solchen Versammlung etwas erführe, würde er sie sogar wahrscheinlich verhindern. Ich verabschiede mich deßhalb jetzt von Euch. Habt Dank für alle Liebe und Güte, die Ihr mir und meiner Familie jederzeit entgegengebracht habt, Ihr werdet dieselbe sicher nicht verlassen, auch wenn ich nicht mehr da bin. Alle Gutthaten, die Ihr mir aber erwiesen habt, reichen nicht an diese letzte hinan, mit der Ihr Euch einverstanden erklärt, daß ich — hoffentlich für Euch alle — den Namen Gottes heiligen und nach meinem Hinscheiden für Euch meine Fürsprache vor den Thron des Allmächtigen niederlegen kann. Möge mein Tod eine Sühne sein für meine Sünden und für Euch alle und möge er Euch eine Zeit erleben lassen, in der wir frei und ohne Furcht Deinen Willen, o Gott, erfüllen können. Amen." Mit diesen Worten erhob sich der Rabbi und verließ mit leuchtendem, verklärtem Antlitz seine schluchzende Gemeinde. Das alles trug sich an dein Donnerstag vor dem verhangnißvollen Sabbat zu. Fastend und betend verbrachte die ganze Gemeinde die wenigen Tage bis zum Sabbat. Es war im Hochsommer, um 6 Uhr früh ließ der Gutsausseher die auf dem Marktplatz versammelten Frohnarbeiter zur Arbeit nach dem Gutshofe führen. Die Gemeinde legte sich Freitag nicht nieder. Vor 4 Uhr Morgens wurde gebetet. Mit von Thränen erstickter Stimme trug der Chasan die Gebete vor, schluchzend begleitete ihn die Gemeinde, alle waren in Verzweiflung aufgelöst, nur Rabbi Sundel war heiter, ja geradezu fröhlich geblieben. Als er zum letztenmale zur Thora aufgerufen wurde, dankte er Gott mit so freudestrahlender Weise laut und glücklich dafür, daß Er uns auserwählt von allen Völkern und uns seine Thora gegeben, damit ewiges Leben in unsere Reihen gepflanzt hat. daß der Märtyrer in seiner himmlischen Glückseligkeit thatsächkich allen wie ein überirdisches Wesen erfchien. Nach Schluß des Gebets nahm der Rabbiner im Kreise seiner Familie sein Frühstück, erklärte noch eine schwierige Stelle des Wochenabschnitts und ging nun in seinen auserlesensten Feiertagskleidern von der ganzen Gemeinde begleitet, auf den Marktplatz, wo ihn der Schloßvogt mit den übrigen Arbeitern bereits erwartete. Höhnisch sprach der Vogt: „Das ist aber ein theueres Arbeitskleid, das Ihr da anhabt, solch' feine Arbeitskleider habe ich noch nicht gesehen, die werdet Ihr beim Arbeiten zu Grunde richten und heute Abend kennt man sie nicht wieder." „Ich werde meine Kleider beim Arbeiten nicht ruiniren, ich habe ja heute Sabbat und werde daher garjnicht arbeiten." „Ihr wollt nicht arbeiten?" fragte erstaunt der Vogt. „Wißt Ihr nicht, daß Ihr sofort gehängt werdet, wenn Ihr das im Ernste meint?" „Ich weiß es wohl; aber ich fürchte den Tod nicht. Ich bin darauf vorbereitet und gerade deßhalb habe ich meine fchönsten Kleider angelegt." Auf dem Schloßhofe angelangt, fragte der Vogt Rabbi Sundel, ob er bei seinem Entschluß beharre, dann müsse er sofort dem Grafen Bericht erstatten. „Thun Sie, was Ihre Pflicht ist, und ich werde es auch so machen." So etwas war dem Vogt noch nicht vorgekommen. Ob ihn ein menschliches Rühren überkam oder was sonst auch immer, er zauderte und sagte: „Rabbi, wißt Ihr, was Ihr da thut? In einer Viertelstunde hängt Ihr an diesem Schloßgalgen, an dem vorige Woche Iwan Petrowitsch sein Leben eingebüßt hat, weil er sich gegen einen Aufseher zu einer Thätlichkeit Hinreißen ließ. Und für einen Juden hat der Herr keine Nachsicht, fonst hätte er Euch nicht befohlen, am Labbat zu arbeiten." „Ich weiß Alles," unterbrach ihn Rabbi Sundel, „thut nur Euere Pflicht." Graf Aschinsky hatte den ganzen Vorgang von seinem Fenster mit angeschaut. Noch bevor der Vogt die Meldung machen konnte, war Jener mit bebender Wuth hinabgeeilt. Der Vogt trat vor ihn hin mit den Worten: „Der Juden-, rabbkner weigert sich zu arbeiten." „Das wagst Du, Canaille," fuhr der Wütherich den Rabbiner an, „weißt Du nicht, daß ich jede Auflehnung sofort mit dem Galgen bestrafe?" „Ich weiß es," erwiederte mit unerschrockener Ruhe der Angeredete, „aber ich will lieber den zeitlichen Tod durch Deine Hand, als den ewigen Tod durch die Allmacht Gottes." „Er wird gehängt und zwar sofort, schleppt ihn zum Galgen."