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Der Israelit · 1892-12-28 · Heft 102-103 (28.12.1892) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 102-103 (28.12.1892)
Date
1892-12-28
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1973 Zuhörers, und als diese ausblieb, fragte er: „Nun ist das nicht sckön?" „Schön ist das allerdings, aber darum handelt es sich ja hier nicht Ich gehe noch einen Schriit weiter, unv erkläre Ihnen, daß es viel schöner ist, am Sabbat zu feiern , als zu arbeiten. Aber das Schöne ist nicht immer das Gute und Richtige. Das Gute und Nichtige ist, datz man seine Zeit ausnützt und nicht, daß man einen so großen Bruchtheil derselben mit Ruhen uud Feiern verbringt." Orlowsky ließ sich aber nicht beirren, auch nicht als Fürstenthal ungeduldig die Uhr zog und es auch sonst nicht an Anzeichen fehlen ließ, daß er die Unterhaltung gerne beendigt wisse. . Wenn Sie nicht von der Ueberzeugung durchdrungen sind, daß Gott, der für jede Menschenseele sorgt, den siebenten Tag geheiligt und gesegnet hat, so finde ich Ihre Handlungsweise und die Art ihrer Begründung begreiflich, wenn auch nicht verzeihlich", entgegnete Orlowsky. „Was ich von Ihnen erbitte, ist weiter nichts, als daß Sie auch meinem Standpunkt Gerechtigkeit widerfahren lassen, und mir ihn nicht zu verleiden suchen. Es würde dies auch wenig helfen. Denn abgesehen von der Verehrung, mit welcher jeder gewissenhafte Jude an seinen von Gott gestifteten Sabbat hängt, habe ich gerade nach dieser Seite hin eine Lebenserfahrung hinter mir, die man nicht so leicht abschüttelt, selbst wenn man es wollte, wovor mich Gott in seiner Gnade bewahren wolle. Nicht um Sie etwa zu überreden, sondern nur um mich Ihnen gegenüber zu rechtfertigen, möchte ich Ihnen einmal ein Geschichte aus meinem Leben erzählen, wenn Sie erlauben." Ob dem reichen, angesehenen Herrn Fürstenthal wirklich eine Ahnung davon aufzudämmern anfing, wie klaftertief er mit feiner Bildung und Aufklärung unter dem unverwüstlichen Idealismus stand, den der arme Hausirer ihm gegenüber bekundete, oder ob er nur Anstandshalber nicht umhin konnte, die ihm angekündigte Erzählung anzuhören, das soll hier nicht entschieden werden. Er ersuchte Herrn Orlowsky um Mittheilung seiner Erlebnifie, und dieser be- „Jch bin aus einem kleinen, russischen, tvenige Meilen von der preußischen Grenze gelegenen Torfe, Namens Kwadan. Dasselbe gehörte dem Grafen Aschinsky, der in der ganzen Gegend als ein raffinirter Bösewicht gefürchtet wurde. Er verfuhr grausam hart gegen die Bauern, welche seine Leibeigenen waren, und noch unmenschlicher gegrn die Juden. Er hatte unumschränkte Gewalt über Leben und Tod in der ganzen Gegend. Der geringste Diebstahl, oft auch nur eine leichte Widersetzlichkeit gegen seine harten Anordnungen, wurde mit dem Tode bestraft. Aus seinem Schloßhof stand ein Galgen, an dem mindestens allmonatlich ein Unglücklicher aufgehängt wurde, unter dem Zudrang der ganzen Bevölkerung. Da der Bösewicht ausfindig gemacht hatte, daß das Theuerste, welches den ihm unterstellten Juden am Herzen lag, ihre Synagogen und ihr Bethamidrasch Lehrhaus sei, so ließ er die erstere demoliren und letzteres in Stall und Scheune umwandeln, kurz es gab keine Rohheit, welcher dieser Unmensch nicht fähig war und die er nicht verübte. Es gab keinen Richter auf Erden, vor den man ihn hätte zur Verantwortung ziehen können. Auf den Gütern des Grafen Aschinsky mußten die Bauern und die Juden je nach dem Loose, das sie traf, Frohndienste verrichten. Am Sabbat waren die Juden selbstredend von allen Arbeiten befreit, wie es die Bauern am Sonntag waren. Bei aller Verkennung ihrer Rechte, bei aller Vergewaltigung, welche die Juden im russischen Reiche auch zu erdulden hatten, war es keinem Machthaber je in den Sinn gekommen, den jüdischen Sabbat anzutasten. Da geschah bei uns das Unerhörte, daß Graf Aschinsky forderte, die Juden müssen am Sabbat auf seinen Gütern arbeiten. Da der Tyrann wußte, daß er mit seinem Befehl auf Widerstand stoßen werde, fügte er bei, daß jeder Jude sofort aufg hängt werde, der sich weigere, das aus ihn fallende Loos anzunehmen. Ferner ordnete der Wüiherich an, datz unser Rabbiner, der sonst von allen Arbeiten verschont war, schon nächsten Sabbat selber zum Frohndienste kommen Ich war damals ein Knabe von etwa zehn Jahren, aber die aufregenden Vorgänge jener Tage sind mir noch so frisch im Gedächtniß, als Härten sie sich erst gestern zugetragen. So etwas vergißt sich nie wieder. Die Gemeinde trat zur Berathung zusammen, Fasten und Beten wurde von dem Rabbiner angeordnet, dem sich auch die ganze Gemeinde fügte. Das Wehklagen der Unglücklichen hallte Tag und Nacht zum H mmel empor; aber ein Ausweg war nach menschlichem Ermessen nicht zu finden. Unser Rabbiner, das Andenken des Gerechten sei zum Segen, sein Verdienst möge schützend über uns walten, hieß Rabbi Sundel Rappoport. Ich füge Ihnen dre Namen bei, damit Sie nicht an der Wahrheit der Sache zweifeln. Ein naher Verwandter unseres verstorbenen Rabbiners war vor ganz kurzer Zeit im Rothschild'schen Spitale zu Frankfurt a. M. und lebt wohl jetzt noch in Deutschland. Rabbi Sundel — sein Andenken sei zum Segen — war damals noch in den besten Mannesjahren. Auf Veranlassung des Vorstehers präsidirte derselbe einer zu diesem Zweck berufenen Gemeindeversammlung. Er sollte sich öffentlich darüber aussprechen, ob die Gemeinde verpflichtet sei, wirklich die Heilighaltung des Sabbats mit dem Leben zu erkaufen, oder ob sie berechtigt sei, um dem sicheren Tod zr entgehen, den Sabbat preiszugeben. Während es sonst bei unseren Gemeindeversammlunge. äußerst lebhaft zu sein pflegte, ruhte diesmal eine feierlich Todtenstille über der Versammlung. Alles hing mit lautloser Stille an den Lippen unseres verehrten Rabbis, bei mit seinem ganzen Bes-Din und sämmtlichen Dajantw (Asefforen) erschienen war. Auch Frauen und Kinder wärezu dieser Versammlung zugelaffen. Während in der ganze, Gemeinde dumpfe Verzweiflung herrschte, lag auf dem An tlitz unseres Rabbiners ein verklärter Zug voller Seelew ruhe und geradezu unverkennbarer Heiterkeit, die beruhigend auf die ganze Gemeinde wirkte, bevor der Redner noch die Lippen geöffnet hatte, von denen das Schicksal über Leben und Tod der ganzen Gemeinde abhing. Der Redner begann dann seinen Vortrag mit einer Ruhe und Besonnenheit, als ob es sich um eine halachische Diskussion handelte, wie es täglich im Beth-Hamidrasch vorkam. Der Ernst, die Feierlichkeit des Momenrs lag in der ganzen Situation, sie hätte durch jedes Wort darüber eher beeinträchtigt, als erhöht werden können. „Die Veranlassung, die uns zu so ungewöhnlicher Stunde hier zusammenführt," so begann er etwa seine Ausführungen, „ist Euch Allen bekannt, es braucht darüber kein Wort verloren zu werden. Die Frage, um die es sich handelt, ob wir verpflichtet sind, lieber in den Tod zu gehen, als den Sabbat zu entweihen, habe ich mit den anwesenden Thoragelehrten bereits gestern eingehend erörtert. Meine Kollegen und ich kommen zu dem einstimmigen Resultat, daß wir in diesem Falle nicht verpflichtet sind, für die Heilighaltung des Sabbat das Leben hinzugeben. Es ist uns ausdrücklich gelehrt, daß der Sabbat zurücktritt, sobald durch seine Beobachtung das Leben gefährdet ist. Wen daher das Loos zur Arbeit trifft und der Aufforderung Folge leistet, begeht sicher keine Sünde und Gott, der dieses Verhängniß über nns gesandt hat, wird gewiß verzeihen. Eine andere schwierigere Frage ist die, wenn wir nicht zur Preisgebung unseres Lebens in diesem Falle verpflichtet sind, ob wir dazu berechtigt sind, wenn Jemand freiwillig ein Uebriges thue, und Gottes Gesetz höher

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