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Der Israelit · 1892-12-28 · Heft 102-103 (28.12.1892) · page 21

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 102-103 (28.12.1892)
Date
1892-12-28
Page
– (sequence 21)
Language
German
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1975 „Ihr braucht mich nicht zu schleppen, ich werde schon allein gehen", entgegnete Rabbi Sundel. Festen, ruhigen Schrittes schritt Rabbi Sundel zur Richtstätte hin. Jetzt aber verlor die vor dem eisernen Gitterthore des Schloßhofes versammelte jüdische Gemeinde die bis dahin nur schwer beobachtete Ruhe. Die Luft füllte sich mit den jammernden Klagen der Unglücklichen beim Anblick ihres Meisters, der auch jetzt seine heitere Ruhe nicht verlor, als er sich anschickte, für sie in den Tod zu gehen. „Wenn ich noch einen einzigen Laut von der Judenbande höre, lasse ich Euch durch Kartätschen auseinanderjagen", schrie der Wüthrich über den ganzen Schlotzhos hin. Inzwischen hatte der Schlotzvogt den Apparat zum Aufknüpfen in Ordnung gebracht, wozu er nicht lange Zeit brauchte, da er große Üebung in diesem seinem Lieblingsgeschäft hatte. Das Halseisen wurde Rabbi Sundel um den Hals befestigt und jetzt wartete der Exucutor nur auf den Wink seines Herrn, um die Execution zu vollziehen. „Ich frage Dich zum letzten Male, willst Du arbeiten?" herrschte Aschinsky den Märtyrer an. „In einer halben Minute ist's zu spät." Da erhob sich unser unvergeßlicher Rabbiner und rief statt jeder Antwort zum Himmel empor: im 'n 'n 'n yor „Was schreit der Jud?" fragte Aschinsky den Schloßvogt. „Es ist das Sterbegebet der Juden; der gibt nicht nach. Wir haben schon fast eine Stunde mit ihm versäumt, vor sieben kommen wir heute nicht an die Arbeit. Wenn der Herr befiehlt, wollen wir's kurz machen." „Du Esel," fuhr der Graf seinen Untergebenen an, „wenn Du mich mit Deinen Rathschlägen nicht verschonst, so baumelst Du nächstens da oben." Dann trat er zu Rabbi Sundel hin, öffnete ihm das Halseisen und nahm ihm selber die Fesseln von Händen und Füßen und sprach in ganz verändertem ungewohnten Tone: „Rabbi, Ihr seid frei, und Ihr braucht nicht am Sabbat zu arbeiten und kein Jude soll bei mir am Sabbat ein Werk verrichten. Ich wollte nur einmal sehen, ob es Euch mit Eurer Religion wirklich ernst ist. Hättet Ihr aber gearbeitet, ich hätte Euch sofort niederschießen lassen und das hättet Ihr vor Gott und den Menschen auch verdient, denn in unserer Bibel, die wir von Euch Juden haben, heißt es: Der Sabbat ist ein Heiligthum, wer ihn entweiht, ist dem Tode verfallen." Ein nicht enden wollender Jubel, der an der Schloßhofthüre harrenden Gemeinde folgte auf diese Vorgänge. Der Graf ließ die Thore öffnen, alles strömte in Heller Freude herein auf Rabbi Sundel hin, um ihrem Retter die Hand zu drücken. Dieser hatte sich nicht von der Stelle am Fuße des Galgens gerührt und stand noch regungslos da, als sei er noch in Ketten geschnürt. Dabei schluchzte er krampfhaft und war lange nicht fähig ein Wort hervorzubringen. Da trat der Vorsteher der Gemeinde vor den Weinenden hin mit den Worten: "pn nN NJ ’jymn „Meister, löse uns das Räthsel und gestatte uns einen Blick in Deine edle Seele. Als das schwere Verhängniß uns alle bedrohte, als wir uns alle härmten, weinten und klagten, verlorst Du keine Thräne und lebtest in himmlischer Heiterkeit. Und jetzt, wo der Bann gebrochen ist und wir nicht laut genug uns freuen können, stehst Du von Thränen üb rfluthet da und findest kein Wort. Das sind keine Freude-Thränen, die Du vergießest, sondern dieselben werden Dir von einem Schmerz erpreßt der uns unverständlich und geradezu rätselhaft ist." Da begann unser Rabbiner, gesegnet sei sein Andenken: „Unsere Weisen lehren: nnN nytEO lD?iy ITPp ur> daß Jemand durch eine augenblickliche That sich die Ewig- , keit sichern kann, die sonst dem Ringen und Kämpfen eines I langen, fehlenden, irrenden Menschenlebens versagt bleibt. Daß unser himmlischer Vater dieses Opfer von mir annehmen werde, daß er mich einer solchen Heiligung seines Namens würdig erachte, hat mich mit einer Freude seit den jüngsten Tagen erfüllt, wie ich sie nie zuvor gekannt. Und nun sehe ich zu meinem Schrecken, daß Gott mich dieser Gnade nicht würdig erachtet und mich wieder dem Leben überweist, statt meine Seele in Wohlgefallen hinzunehmen und ich sollte nicht weinen?" In tiefen Ernst versunken, hatte Herr Fürstenthal diese Erzählung Orlowskys angehört, ohne dieselbe durch ein Wort zu unterbrechen. „Wissen Sie auch, daß diese letzten Worte die Seelengröße Ihres Rabbiners in noch höherem Maße bekunden, als alles vorhergehende?" begann er plötzlich. „Gewiß weiß ich das", entgegnete Orlowsky. „Aber Sie, verehrter Wohlthäter, werden es nun begreiflich und verzeihlich finden, daß man mit einem solchen Erlebniß im Herzen, nach einer solchen Erfahrung im eignen Leben nicht so leichten Herzens seinen Sabbat preisgeben kann. Könnte ich — wovor mich Gott hüten wolle — je leichtsinniger Weise meine Sabbatruhe ausgeben, ich hätte Sonntag und Montag, Dienstag und Mittwoch, Donnerstag und Freitag auch keine Ruhe mehr. Das Bild unseres unvergeßlichen Rabbiners, wie ich ihn in jener Gemeindeversammlung und am Galgen sah, würde sich drohend gegen mich erheben, und mir die Vergewaltigung zum Bewußtsein bringen, die ich an meinem besseren Selbst verübte." „Seien Sie unbesorgt," unterbrach ihn Herr Fürstenthal, „ich werde diese wunderbare Geschichte weitererzählen und es wird es Niemand mehr wagen, die Heiligung des Sabbat Ihnen zum Vorwurf zu machen. Nicht Sie, wir sind an der Reihe uns zu entschuldigen, wollte nur Gott, wir könntens Ihnen nachmachen." „Sie scherzen, Herr Fürstenthal, Sie, der Sie über Hundertausende verfügen, sollten nicht zu Wege bringen, was ein flüchtiger, fremder Hausirer, ein gedrückter Familienvater vermag?" „Nein, ich scherze nicht. Ja, wenn ich so viel Geld hätte, wie Sie sagen, dann wäre es ein leichtes, aber das ist nicht der Fall. Ich habe kein Geld, das Geld hat mich. Es beherrscht mich, und ich bin sein Sklave, es treibt mich von früh bis spät in die Rennbahn und ich lasse mich von ihm treiben. — Sie find Herr über Ihr Geld und bekunden diese Herrschaft dadurch, daß Sie ihm einen Tag in der Woche nicht nachgehen, daß Sie freiwillig Ihr Geschäft schließen, kurz durch Ihre Sabbatruhe. Wahrlich, ich beneide Sie." Seitdem lebt Orlowsky geachtet und geliebt in seiner Gemeinde und braucht seine Sabbatruhe nicht mehr zu vertheidigen. Herr Fürstenthal hat die Vertheidigung übernommen und sucht der armen Familie täglich neue Gönner und Kunden, sowie Hilfsquellen zuzuweisen. Vermischtes. Salorrichi. Ein interconfessionelles, aus Israeliten, Mohamedanern, Griechen und Katholiken zusammengesetztes Comitö hat im Bentschmargarten hier ein Fest zu Gunsten der so viel nach unserer Stadt verschlagenen jüdischen Emigranten aus Rußland veranstaltet, dem in Anbetracht des humanen Zweckes des Festes die ganze vornehme Gesellschaft Salonichis anwohnte. Unter den Gästen befand sich auch unser General-Gouverneur Zihni Pascha, dann mehrere Beamte der hiesigen Credit-Jnstitute, einige Mitglieder des Consular-Corps u. s. w. Das Reinerträgniß des Festes belief sich auf ca. 25,000 Francs. Das Comitö wird vor Allem jenen russischen Emigranten, die sich in der Türkei niederlassen wollen,^seine Unterstützung zuwenden.

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