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Der Israelit · 1892-12-28 · Heft 102-103 (28.12.1892) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 102-103 (28.12.1892)
Date
1892-12-28
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1972 Sabbat halten. Dagegen gabs keine Argumente. — Die Kinder wuchsen heran und kamen in die Schule. Die Schulbehörden hatten den fremden Kindern ohne alle Schwierigkeit Dispens vom Schreiben am Sabbat bewilligt. Aber die Eltern der übrigen Kinder suchten die humane Gesinnung der Lehrerschaft umzustimmen, jedoch ohne Erfolg. Das machte erst recht böses Blut. Man warf Orlowski vor, daß er wieder die alten Scheidewände zwischen Juden und Nichjuden aufrichte, die in N. N. doch längst gefallen seien. Aber Orlowski blieb fest. Die Kinder kamen aus der Schule. Sie sollten placirt werden. Dieselben zeichneten sich durch Bravheit und besondere Begabung aus und jeder Geschäftsmann hätte sie gerne in sein Geschäft ausgenommen, aber die Bedingung den Sabbat und die jüdischen Feiertage freizugeben, wies jeder höhnisch ab. Ein christlicher Schreiner nahm den ältesten Sohn auf, ein Gärtner den zweiten und gewährten ohne große Mühe, was die aufgeklärten Glaubensbrüder einmüthig verweigerten. So ging ein Jahr nach dem anderen hin. Die Familie ernährte sich kärglich, aber in Ehren und war in keiner Weise auf die thätige Unterstützung der Glaubensgenossen angewiesen. Die Familie war sich ihrer Dankespflicht gegen ihre Wohlthäter vollkommen bewußt und suchte durch Höflichkeit und Gefälligkeit bei jeder Veranlassung etwas davon abzutragen. Aber das Verhältniß blieb doch ein frostiges. Die Familie, mit ihrer opferfreudigen, gesinnungstüchtigen Religiosität repräsentirte einen fortwährenden, lebendigen Vorwurf für die Leichtsinnigen, in deren Mitte sie lebte, und das konnte man ihr nicht verzeihen. Da trat vor wenigen Wochen das Gesetz über die Sonntagsruhe in Kraft. Wenige Tage nach dem ersten Sonntag begegnet Herr Fürstenthal — der erste Vorsteher — Herrn Orlowsky und klopft ihm lächelnd auf die Schulter: „Jetzt ist's mit Ihrer Sabbatruhe vorbei; jetzt müssen Sie nun endlich auch Ihr Geschäft am Sabbat öffnen!" Orlowsky verstand nicht. „Was ist denn passtet?" fragte er halb ängstlich. „Nun Sie wissen doch, daß seit vorigen Sonntag alle Geschäfte von Staatswegen geschlossen sein müssen, und Sie können doch nicht zwei Tage in der Woche feiern!?" „Na, wenn es sonst nichts ist, das macht mich nicht zum Sabbatschänder; im Gegentheil. Der jüdische Geschäftsmann, der bis jetzt den Sabbat entweihte, müßte ihn jetzt durch Einstellung seiner Geschäftsthätigkeit heiligen, mehr als früher. Uns Juden verdankt doch die Menschheit das Glück und die Seligkeit eines allwöchentlichen Ruhetags. Und wenn der Sabbatgeist solche allgemeine Würdigung erfährt, daß der Staat seine nichtjüdischen Unterthanen z wingt, ihren Ruhetag zu feiern, wie sollten sich die Inden nicht schämen, ihn zu entweihen! Heute ist die Entweihung des Sabbats ein doppeltes Unrecht, er ist ein Chilul Haschem, dessen Größe kein redlicher Mensch mehr verkennen kann." „Aber, lieber Mann," meinte Herr Fürstenthal, „Sie muffen doch leben mit Ihrer Familie, wie soll das möglich sein, wenn Sie zwei Tage jede Woche feiern? Ist die Sorge für Ihre Familie nicht Ihre erste Pflicht, Ihr nächster Beruf?" Orlowsky schwieg einen Augenblick und sah mit nachdenklicher Miene vor sich hin. Herr Fürstenthal deutete dieses Schweigen zu seinen Gunsten und hielt des Eisen jetzt heiß genug, um es zu schmieden. Er meinte, man könne eine so wichtige Sache doch nicht stehenden Fußes abmachen und lud Herrn Orlowsky zu einem Glas Bier in den gegenüberliegenden Stadtgarten ein. Orlowsky acceptirte die Einladung und kaum hatten sie sich niedergesetzt, als Herr Fürstenthal seine Frage mit noch schärferer Pointirung wiederholte. „Wie meine Verhältnisse nun einmal liegen," entgegnete Orlowsky, „ist hinlänglich dafür gesorgt, daß ich an die Sorge für meine Familie nicht vergesse. Das brauche ich Sie wohl nicht erst zu versichern. Diese Sorge steht Morgens mit mir auf und legt sich Abends mit mir nieder; sie verläßt mich selbst im Schlafe nicht, sie ist nilr zu häufig der Gegenstand meiner Träume. Sie drückt und quält mich, aber Herr Vorsteher, wenn Sie heute mit mir tauschen, wenn Sie mir Ihr Haus, Ihr Geld geben und mein bischen alten Plunder mit meinen Sorgen dagegen in Tausch nehmen wollten, ich würde nicht mit Ihnen tauschen. Davor behüte mich Gott, daß ich die Sorglosigkeit und die Wohlhabenheit meiner Werktage mit Dreingabe meines Sabbats und meiner Feiertage erkaufen sollte! „Wenn die Sorge für mein und der Meinigen Leben an mich herantritt und ich mit Aufgebot aller Kraft sie nicht mildern kann, dann greife ich zn unseren heiligen Schriften und suche Trost bei ihnen und sie haben ihn mir noch nie versagt. „Heute Morgen begegnete ich in den Psalmen Davids dem Satz: „Wirf Du nur auf Gott Deine Last, Er wird Dich schon ernähren." Mir siel dabei eine Erklärung ein, die ich einmal in meinen jüngeren Jahren von dem berühmten Maggid aus Dubno gehört habe. Der bloße Gedanke an dieses Wort und seine Erklärung nahm mir nicht nur jede Sorge, sondern ich mußte so unwillkürlich lächeln, daß meine Frau, die mich lächelnd bei meinem Psalmbuch fand, fragte, was mir denn Heiteres begegnet sei, und ich mutzte ihr die Erklärung sagen, die bei ihr dann dieselbe zufriedene Heiterkeit weckte." Herr Fürstenthal ersuchte, ihm diese Erklärung auch einmal mitzutheilen und Orlowsky war gerne bereit dazu- „Der Maggid von Dubno ist ein berühmter Mann, hier kennt man ihn nicht einmal dem Namen nach; aber bei uns zu Hause lebt er in Aller Munde, obwohl er längst nicht mehr unter den Lebenden weilt. Seine Eigenthümlichkeit besteht in der Meisterschaft, die größten Schwierigkeiten durch treffende Gleichnisse zu erklären. Daß hier das Psalmwort die Sorgen mit einer Last vergleicht, die man ruhig auf Gott werfen möge, veranlaßt ihn, dieses Bild durch folgendes Gleichnis? auszumalen: Ein Handwerkshursche, der mit schwerem Felleisen auf der heißen Landstraße wanderte, traf einen Wagen und bat den Kutscher um die Erlaubniß, hinten aufsitzen zu dürfen. — Die Erlaubniß wurde gewährt und als nach etwa einer Stunde der Kutscher sich umsteht, bemerkt er, wie der Bursche sein Felleisen noch immer auf dem Rücken Hai. Darüber befragt, antwortet schüchtern der Fahrgast: „Es ist schon genug von Ihnen, daß Sie mich fahren, ich kann deßhalb nicht noch verlangen, daß Sie meine Last auch noch fahren sollen." „Wirf Deine Last nur hin", bemerkte lächelnd der Fuhrmann, „ich muß sie ja fahren, auch wenn Du sie aus dem Rücken behältst." Die Thorheit dieses Handwerksburschen, die wir alle belächeln, findet sich bei den Lachern selber viel häufiger, als sie ahnen, bemerkt hier in seiner seinen Weise der Dubnoer Maggid. Jeder von uns hat seinen Packen und Sorgenbündel, mit dem er sich abmüht, um es durch die Welt zu tragen, obwohl wir alle wissen, daß Gott, der das Leben schenkt, auch die Mittel zu seiner Friftung reicht. Deßhalb meint der Psalmist: „Wirf Deine Last nur auf Gott, er muß Dich ja doch ernähren." Herr Fürstenthal war offenbar überzeugt, daß Orlowsky noch weit davon entfernt war, reif für derartige Versuche zu sein, und trank ohne ein Wort zu sagen, sein Bier aus, um sich zu entfernen. — Orlowsky erwartete aber noch den Beifall oder wenigstens die zustimmende Anerkennung seines

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