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Der Israelit · 1892-12-28 · Heft 102-103 (28.12.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 102-103 (28.12.1892)
Date
1892-12-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1961 allerquälendeste Gedanke, der eine Menschenseele je foltern kann, zu wissen, man besitze auch nicht das Allermindeste, sich irgend etwas zur Stillung des Hungers, zur Erhaltung des Lebens zu kaufen, — man müsse mit zweifelloser Gewißheit dem Hungertode entgegengehen, wenn man nicht von der Gnade wildfremd.r Menschen ein Stück Brod erlange; — man besitze nicht das Allergeringste, um sich ein Nachtlager zu bezahlen; man müsse in Sturm und Frost unter Gottes freiem Himmel, im Schnee, auf fturmdurchbrauster Haide schlafen, wenn nicht menschliche Barmherzigkeit sich des unglückseligen Menschenkindes annimmt! Und wer sollte sich zweier als Verbrecherinnen aus dem Lande verjagter Jüdinnen annehmend! . . . . Wer, wer!? .... Diesen entsetzlichen Gedankenqualen waren meine Mutter und meine Schwester, zwei schöne, edle, weibliche Wesen preisgcgeben. die schütz- und rechtlos, böse Menschen mehr als die reißenden Thiere des Waldes fürchteten; — d i e se n Gedankenqualen waren meine Mutter und Schwester ausgesetzt, die gewohnt waren Wohlthaten in größtem Maßstabe zu spenden — aber keine Ahnung hatten, wie man diese von Andern erbettle." Rafael Frankl brach jäh ab, — das was er erzählte, hatte ihn zu mächtig erschüttert, er mußte sich abwenden, um die heißen Thränen, die seinen Augen entstürzten, zu verbergen. „Von wem empfingen Sie die erste Nachricht, von dem harten, unverdienten Schicksale Ihres Vaters, Ihrer Mutter und Schwester?" frug der Oberhoffaktor nach einer Pause. „Von meiner Mutter. Diese und meine Schwester waren bei dem gänzlichen Mangel an Mitteln auch die kleinste Reise zu unternehmen, gezwungen, das erste Asyl, das sich ihnen darbot, dankend anzunehmen und es erschien ihnen noch als eine hohe Gnade Gottes, daß ihnen ein solches in Jchenburg, einem Dorfe unweit der Ansbach'schen Grenze, von Bunim Eschenbach, dem einzigen Juden, der in demselben wohnte, angeboten wurde. Dieser hatte früher von meinen Eltern große Wohlthaten empfangen und war derselben in warmer Erkenntlichkeit eingedenk geblieben. Das Erste, was meine Mutter in Jchenburg that, war, mir einen Brief zu schreiben. Sie befand sich in der traurigsten Lage in der sich je ein Mensch befunden und doch bewies sie eine bewundernswürdige Seelenruhe. Nachdem sie mir die erschütternden Vorfälle berichtete, beschwor sie mich in den beweglichsten und erhebendsten Worten, mich nicht von meinem gerechten Schmerze zu weit hinreißen zu lassen, sie beschwor mich, nicht gegen den unerforschlichen Gott zu murren, sie beschwor mich, nicht zwei verschiedenen Gedanken, wie sie leicht in dem fiebernden Hirn eines feurigen, in seinen heiligsten Gefühlen tief verletzten jungen Mannes entstehen konnten, Raum zu gönnen, weder jenem: mich an dem undankbaren Markgrafen zu rächen, noch jenem, mich selbst von der unertragbaren Last des Lebens zu befreien, freiwillig aus dem Leben zu scheiden; sie beschwor mich, solche böse Gedanken im Keime zu ersticken. Meine weise Mutter, wiewohl räumlich von mir entfernt, hatte in meiner Seele, wie in einem aufgeschlagenen Buche gelesen, hatte all' die finstern Gedanken, die mit der Nothwendigkeit eines Naturgesetzes in meiner aufgewühlten Seele emporbrausen mußten, erkannt — und sie hatte auch die richtigsten Mittel gewählt, sie erfolgvoll zu bekämpfen. Sie gemahnte mich an die heilige Pflicht, mich für sie und meine Schwester zu erhalten, sie gemahnte mich an meine Pflicht mich für meinen im Kerker schmachtenden Vater zu erhalten, der, wenn er durch einen Thron- oder Systemwechsel, oder in irgend einer anderen Weise die Freiheit erlangte, verzweifeln müßte, wenn er seinen einzigen, endlos geliebten Sohn, seine einzige Stütze, durch eigene Schuld, sei's durch Selbstmord, sei's in Folge eines verunglückten Racheversuches nicht mehr unter den Lebenden fände. Sie gab es mir zu bedenken, daß ein Racheversuch an dem Markgrafen, selbst wenn er gelänge, nicht nur mich, den Vater, meine Schwester und sie selbst, wenn möglich noch unglücklicher, noch elender machen würde, als wir schon alle waren; — sondern, daß, nach der zum Himmel aufschreienden Ungerechtigkeit, die alle I »den für die That des Einzelnen verantwortlich macht, tausende Glaubensgenossen für meine Unüberlegtheit, leiden müßten. Sie gemahnte mich an das Gotteswort: Li nokora weschilemJ): „M e i n ist die Rache! spricht der Herr, ich habe das Recht, nicht Du hast es. Dich zu rächen und mir ist es Vorbehalten, Dir all das schwere Leid, das ich Dir — Deinem schwachen Menschensinne unbegreifbar, weßhalb? — zugcfügt, wenn auch vielleicht nicht in diesem Leben, so doch in einem besseren, schöneren überreich zu vergelten!" „O! ich kenne ja Ihre Mutter, sie ist eine bewundernswerthe Frau!" rief Perez Markbreiter enthusiastisch. „Sie haben sie nicht in der Fülle, im Vollglanze ihrer Herrlichkeit gekannt", erwiderte Frankl, „als Sie ihr begegneten,war sie seelisch gebrochen!.... Herr Perez Markbretter, als Sie erzählten, meine Mutter hatte sich in den Strom stürzen wollen, befiel mich der Gedanke: welche übermenschliche Qual mußte diese Frau erlitten haben, um in solcher Weise in ihrem Gottvertrauen erschüttert zu 1) Deutr. Cap. 32, B. 35.

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