Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 102-103 (28.12.1892)
- Date
- 1892-12-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1958 nicht so tapfer für die Erhaltung ihrer vollen staatsbürgerlichen Rechte kämpfen, hielten sie die Gewährung dieser Rechte nicht in hohen Ehren; und auf der anderen Seite ist nicht zu verkennen, wie das Reich und namentlich seine Hauptstadt Berlin feinen jüdischen Bürgern so Manches an Fortschritt und Wohlstand verdankt. Giebt es doch unter den Juden selbst Antisemiten — nicht schmutzige Ueberläufer von ehrvergessener Gesinnung, sondern redliche Männer, die mit Schmerz wahrnehmen und bekennen, daß ihr eigen Fleisch und Blut es ist, das durch augenfällige Untugenden Haß und Abneigung nicht gegen den einzelnen Lasterhaften, nein, gegen die gesammte, für solidarisch gehaltene Judenheit erweckt und nährt und — berechtigt erscheinen läßt. Um ihrer selbst willen müssen die Juden jede Solidarität mit ihren schlechten Elementen, unter der sie so viel zu leiden gehabt haben, zurückweisen. Sie müssen dafür sorgen, daß nicht ganz Israel in Wehklagen ausbricht, wenn irgendwo in der Welt ein Jude unsanft angesaßt wird, weil sonst immer wieder der Verdacht auftaucht und Nahrung erhält, daß sie internationale Interessen haben und ihnen nicht wie den anderen Staatsbürgern des Staates Wohlfahrt oberstes Gesetz ist; sie müssen mit peinlicher Sorgfalt den Schein vermeiden, als nähmen sie immer und überall grundsätzlich für den Juden Partei. Daß ihnen dies schwer wird, dafür haben allerdings Ausschreitungen der Antisemiten gesorgt, die alle Juden in einen Topf werfen, alle Juden den schlechten Juden gleich achten und das Verbrechen jedes einzelnen Juden zu einem Verbrechen der Juden machen. Kein Wunder, daß hiernach die Juden die Neigung haben, das Verbrechen eines Juden zu beschönigen oder verheimlichen, weil sie zu fürchten Ursache haben, es werde jenes Verbrechen ihnen zu Lasten geschrieben werden. Hier ist ein eireulus vitivsus, der durchbrochen werden muß, und es ist nicht unbillig, von den Juden zu verlangen, daß sie den Anfang machen. Ein ähnlicher oireuluZ vitiosus ist bei der Beurtheilung der Beziehungen der Juden zum politischen Radicalismus vorhanden. Es ist widersinnig, die Inden auf die radicale Seite treiben und ihnen dann zum Vorwurf machen, daß sie dort sind. Immerhin aber hätten die Juden schon Verwahrung dagegen einlegen dürfen2), daß die Wortführer der Deutschfreisinnigen und der Socialdemokraten sich gebährdeten, als wäre ihnen die Collectiv Procura für die jüdischen Geschäfte in der Politik übertragen worden. Sie durften, ja sie mußten dies um so eher, als den einsichtigen Juden nicht verborgen sein 2) Ist von uns schon sehr häufig geschehen und man hat auch in nichtjüd. Kreisen desOefteren davon Kenntniß genommen. konnte, wie die Procuraführer zum Theil andere als staatserhaltende Ziele verfolgen, zum Theil recht egoistische Freunde sind. Sie durften, ja sie mußten das thun, um ihrer selbst willen; denn es konnte ihnen nicht verborgen sein, daß der Verdacht sich regte und laut wurde, die Coalirung des Judenthums mit dem Freisinn zeige Analogien mit der Verbindung, in der Welfen, Polen und Protestler mit dem Centrum gestanden. Mit Rücksicht darauf ist es doppelt erwünscht, daß ein öffentliches Bekenntniß des Judenthums in seinen hervorragenden deutschen Repräsentanten dahin erfolge, nicht, daß das Judenthnm antifreisinnig sei, aber wohl, daß Jndenthum und die politische Fraction des Freisinns — oder gar Judenthum und Socialdemokralie — sich nicht decken. Ebenso sollten unsere jüdischen Mitbürger sich öffentlich dahin aussprechen, daß sie nichts weniger als einen Staat im Staate bilden, oder irgendwelche schlechte Elemente der Gesellschaft und insbesondere auch nicht die international-revolutionären gegen den Staat aufbringen oder stützen wollen, daß sie vielmehr von nationaler und monarchischer Gesinnung erfüllt und zu ihrer Bethätigung bereit sind. 3) Dagegen f)at ans der andern Seite allerdings — und es ist die Pflicht der staatserhaltmden Parteien, hierfür Sorge zu tragen — all' die Uebertretbung aufzuhören, die in der Hantirung mit Schlagwörtern wie dem liegt, daß das deutsche Volk bereits so gut wie ganz verjudet sei. Die Unterstellung, daß es 500,000 deutschen Juden gelungen wäre oder noch gelingen könnte, den 50 Millionen deutscher Christen den Stempel ihres Geistes aufzudrücken und die specifische Eigenart zu rauben, enthält ein so starkes Armuthszeugmß, wie es betrübender für eine große Mehrheit noch nie ausgesprochen sein dürfte. In dieser Unterstellung erweist sich der Antisemitismus ganz und gar nicht als das, was er zu sein vorgiebt, ganz und gar nicht als von nationalem Selbstbewußtsein erfüllt. Und noch ein Wort an unsere christlichen Mitbürger: Mögen sie einmal prüfen, ob es klug ist, immer nur von dem ausgezeichneten Erwerbssinn der Juden zu sprechen und im besten Falle die Behauptung aufzuftellen, daß jenen noch andere minder löbliche Mittel zum materiellen Erfolge verhelfen; ob sie nicht vielmehr von unseren jüdischen Mitbürgern das rechte Verftändniß für Werthund Bedeutung der Erwerbsfähigkcit annehmen und lernen sollten, wie man bei der Wahl des Berufs und bei der Lcbenseinrichtung praktische Erwägungen walten 3) Auch dies haben wir schon so oft betont, daß es sogar die „Kreuzzeitung" in einem Leitartikel mit der Ueber-- schrift „Ein Wort im Guten" anerkannt hat. Red. d. Jsr.