Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 102-103 (28.12.1892)
- Date
- 1892-12-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448314--35447-2483432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1957 1'wti naA Von dem Fremdling magst Du Zinsen nehmen, da ist die Rede von Götzendienern, welche selbst die 7 Noachidischen Gebote*) nicht beobachten und von solchen ist nach der Uebereinstimmung aller Gesetze, (also auch nach den Gesetzen aller anderen civilisirten Völker) das Leben zu nehmen erlaubt, denn auch sie (die nichtjüdischen Philosophen und Gesetzeslehrer sagen „Tödtet die Gesetzlosen" (d. h. Tödtet diejenigen, die ein Verbrechen begangen, auf welches das Gesetz eine Todesstrafe befiehlt), denn so sagt die Thora, „von denen sollst Du keine Seele am Leben lassen. Ist nun sein Leben proseribirt, wie viel mehr sein Vermögen." Denn den Götzendiener soll man lösten und sich seiner nicht erbarmen. — Wenn der Verfasser des Flugblattes die Stelle gekannt hätte und wissen würde, wer R. I. Albo war — er würde es unterlassen haben, ein Bruchstück aus seinem Buch zu nehmen, durch welches alle die von ihm genannten Stellen aus ]vn DDffD ihre Erklärung finden und er würde erkannt haben, daß diese keinen Anlaß zur Verleumdung bieten können. — Doch wir wollen den Choschen Mischpat selbst zur Hand nehmen. (Fortsetzung folgt.) Gin Irikdenswort. (Schluß.) Der conservative Parteitag vom 8. Dezember cr. hat in das conservative Programm hineingesetzt, was in einem conservativen Blatte ein Fehler und eine Unmöglichkeit genannt ist. Doch wenn selbst der conservative Parteitag dies nicht gethan hätte, wenn es im Ungewissen geblieben wäre, wie ein großer Theil der Conservativen eine Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden wünschte, schon das Auftauchen solcher Absicht mußte ausnahmslos alle Juden in das Lager derjenigen Parteien treiben, bet denen sie mit Sicherheit auf Schutz gegen solche Maßregeln rechnen durften. Ein solcher förmlicher Zwang für die Juden, sich politisch linkswärts zu wenden, war auch dann noch vorhanden, wenn die Juden sich darüber Rechenschaft gaben, daß doch eigentlich in unserer Zeit eine Zurückrevidirung der Verfassung in der angedrohten Richtung eine Unmöglichkeit sei. Der Roth gehorchend, wandten sich die Juden dem volitischen Radicaltsmus zu und stärkten ihn in bemerkenswerthem Maße.!) *) Die sieben noachidischen Gesetze lauten: Das Verbot 1) des Götzendienstes, 2) des Mordes, 3) der Unzucht, 4) des Genusses von Theilen, die lebenden Thieren abgetrennt sind, 5) der Gotteslästerung, 6) des Raubes, 7) das Gebot der Einsetzung von Gerichtshöfen. 1) Die echten Juden sind trotz alledem echt konservativ, auch wenn sie nicht der antisemitisch-pseudo konservativen Partei angehören können. Unter konservativ verstehen wir regierungstreu und das muß jeder Jude nach den Lehren seiner Religion sein. Red. d. Jsr. Freilich ist hier eine zweite Unterlassungssünde auf jüdischer Seite zu verzeichnen. Gerade die Juden in bevorzugter Stellung, die auch mit den maßgebenden Kreisen in ununterbrochener Verbindung standen, mußten und konnten bezeugen, daß es der Reichs- oder der preußischen Regierung nie und nimmer einfallen werde, die den Mitbürgern jüdischen Glaubens verfassungsmäßig zugesprochenen Rechte zu beschränken. Dieses Zeugniß ist nicht abgegeben worden. Auch sonst sind den Gebildeten und Unterrichteten unter den Juden Unterlassungssünden zum Vorwurf zu machen, die sie vom Beginn der antisemitischen Bewegung an sich haben zu Schulden kommen lassen. Das Leipziger Tageblatt formulirte einen solchen Vorwurf nicht unzutreffend folgendermaßen: „Hätten die deutschen Juden nur einen kleinen Theil der Energie, die sie der Bekämpfung Stöcker's Böckel's und Anderer zuwandten, auf die Disciplinirung und wo nöthig Einschüchterung der schlechten Elemente in den eigenen Rethen aufgewendet — dem deutschen Reichstage wäre es dann erspart geblieben, den Verfasser der „Judenflinten" aufnehmen zu müssen." Eine einzige Erklärung schon, von autoritativer jüdischer Seite in dieser Richtung abgegeben, hätte großen Nutzen gebracht. Wenn auch der Protest, daß das Judenthum als solches weder mit den Ausschreitungen Einzelner auf ethischem und socialem Gebiet, noch mit dem politischen Radicalismus sich identificire, im Grunde nur etwas Selbstverständliches sagte — zuweilen ist es rathsam und sogar nothwendig, das Selbstverständliche zu betonen. Im vorliegenden Falle wäre viel Streit und große Verbitterung, Vergiftung unseres politischen und socialen Lebens, wären endlich Aufwendungen, die weit nützlicheren Zwecken hätten dienen können, erspart worden, wenn bei Zeiten die selbstverständliche Erklärung jüdischer Notablen kam: „Wir haben keine Gemeinschaft mit den Juden, welchen berechtigte Vorwürfe gemacht werden, wir verbitten uns ernstlich eine Jdentifieirung mit ihnen!"*) Und noch jetzt ist es nicht zu spät, Versäumtes nachzuholen; gerade der gegenwärtige Augenblick ist sehr geeignet, da sehr weite Kreise von dem Bewußtsein durchdrungen sind, es dürfe zu einer ferneren Verschärfung der bekannten Gegensätze nicht kommen. Es kann und darf nicht unmöglich sein, der Schwierigkeiten Herr zu werden, die nicht zum geringsten Theile aus der in Folge jener Versäumniß gesteigerten Verbitterung hervorgegangen sind. Es kann und darf nicht unmöglich sein, denn auf beiden Seiten sind Erinnerung an Dienste lebendig, die man gern geleistet und gern entgegengenommen hat. Die Juden in Deutschland würden *) Man vergleiche hierzu die Auslassung des Ober- Rabbiners X in heutiger Nr. Red.