Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 101 (22.12.1892)
- Date
- 1892-12-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448313--35433-2483417- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1044 Hervorzuheben ist hierbei, daß bei allen durch die Gemeindeverwaltung angeordneten Bauten die Bauthätigkeit am Sabbat ruht und schon am Freitag eine Stunde vor Beginn der Dunkelheit eingestellt wird. Die Zahl der israelitischen Schüler an den hiesigen höheren Schulen und der Mittelschule beträgt nach den zu Ostern ausgegebenen Jahresberichten an dem Königl. Frtedr. Wilhelms-Gymnasium unter 528 Schülern 197, an dem Königl. Marien-Gymnasium unter 622 Schülern 72, an der vereinigten Vorschule unter 209 Schülern 67, an dem Königl. Berger-Neal-Gymnasium unter 301 Schülern 101, an der Vorschule dieses Gymnasiums unter 50 Schülern 11, an der Knaben-Mittelschule unter 1069 Schülern 196. Jüdischer Religtonsunterricht wird nur an dem simultanen Berger- Real-Gymnasium resp. dessen Vorschule und der Mittelschule ertheilt. An dem Berger-Real-Gymnasium sind auch seit mehreren Jahren zwei jüdische Lehrer angestellt, ebenso an der Mädchen-Mittelschule zwei jüdische Lehrerinnen. An sämmtlichen Schulen herrscht hinsichtlich der Religion die weitgehendste Toleranz; es wird in Bezug auf das Schreibverbot am Sabbat keine Schwierigkeit in den Weg gelegt und fleißige jüdische Schüler finden immer die verdiente Anerkennung. So wurden bei der letzten Abiturienten-Prüfung zu Ostern nur zwei und zwar jüdische Schüler von der mündlichen Prüfung dispensirt. Es ist nun wohl nicht überflüssig, in diesem, den religiösen Interessen gewidmeten Blatte Mittheilung von der Errichtung eines Instituts zu machen, das thatsächlich einem lokalen und provinziellen Bedürfnisse jüdischer Kreise abhilft. Von den Töchtern der vor Kurzem verstorbenen Frau Dr. H i r s chseld, geprüften Lehrerinnen, die durch Unterricht in Privathäusern und in der R^ligionsschule der hiesigen Gemeinde bereits reiche pädagogische Erfahrung erlangt haben und von denen die eine an der städtischen Mittelschule angestellt ist, wird ein Pensionat für Mädchen errichtet. Wenn gesagt ist, daß damit einem Bedürfnisse abgeholfen wird, so ist dies keine bloße Phrase, denn nur selten bietet ein Mädchenpensionat neben anderen Vorzügen auch den einer wirklich religiösen Erziehung. Die auf religiösem Gebiete leider vorherrschende Halbheit ist in Mädchenpensionaten besonders heimisch und gerade hier von bedenklicher Tragweite, weshalb die Begründung eines solchen Instituts durch die Geschwister Hirschfeld nur freudig begrüßt werden kann. Die Begründerinnen, schon ihrer gediegenen und vielseitigen Bildung wegen hochgeschätzt, Enkelinnen des hochverehrten, in weitesten Kreisen bekannten R. Salomo Pleßner, wirken, wie sie selbst erzogen worden, im Geiste ihres berühmten Großvaters und ihrer Eltern, die es verstanden, wahrhaftes Judenthum mit echter Bildung zu vereinigen. Die Zöglinge eines in diesem Geiste geleiteten Instituts werden daher sicherlich nicht nur zu gesellschaftlich und häuslich gebildeten, sondern auch, was ja Gottlob vielen Eltern von unschätzbarem Werthe ist, zu wahrhaft jüdischen Jungfrauen erzogen werden. Osnabrück, 29. Dcc. Die „Osnabrücker Zeitung" schreibt: Der Bildhauer Heinrich Wesendrup ist gestern Abend 9 Uhr hier verhaftet worden. Es wurde mit Rücksicht auf die umlaufenden Gerüchte, wonach Wesendrup sich als Thäter des Xantener Knabenmordes bekannt haben sollte, von hier bereits am Sonntag nach kanten Mittheilung gemacht und angefragt, ob Wesendrup zu verhaften sei. Erst gestern Abend traf der Haftbefehl hier ein, der unverzüglich ausgeführt werden konnte. Bad Ems. Der fünfte Jahresbericht der „Emser Heilquelle" (24ajn6 Hajeschuoh), des Unterstützungsvereines für arme jüdische Kurbedürftige für das Jahr 1892 ist erschienen und bietet ein interessantes Bild der segensreichen Wirksamkeit dieses Vereines während der ganzen Zeit seines Bestehens. Es zeigt sich da, wie von Jahr zu Jahr mehr Kranke ausgenommen und mehr Sorgfalt für die Pflege jedes einzelnen Kranken verwendet wurden, obwohl die Einnahmen nicht in gleichem Maße gewachsen sind. Während z. B. die Einnahmen und Ausgaben des vorigen Jahres zwischen 2343 50 Mark und 1568.73 Mark balancirten, betrugen die Einnahmen dieses Jahres blos 2272.13 Mark und die Ausgaben 2169.48 Mark. Daß in diesem Jahre eine so hohe Summe verausgabt wurde, hat, wie bemerkt, zunächst darin seinen Grund, daß mehr Kranke als früher Aufnahme fanden und dann, daß es zunächst schwere Kranken waren, welche 4, 5, 6 und sogar 7 Wochen vollständig unterhalten wurden. Wenn die Einnahmen hinter denen des vorigen Jahres zurückblieben, so war hauptsächlich der durch die Cholerafurcht veranlaßte frühe Schluß der Saison daran schuld, sodaß es den Herren Bezirksrabbiner Dr. Weingarten und Dr. Aronsohn, auf deren Schultern die ganze Last des Vereines ruht, nicht möglich war, ihre Sammlungen bet den Kurgästen in dem Maße fortzuführen, in dem sie dieselben begonnen hatten. Von Gemeinden haben sich außer Berlin und Köln keine mehr angeschlossen. Möge man baldigst die Wohlthat des Bestehens eines Vereines „Emser Heilquelle" allgemein einsehen und die Leistungsfähigkeit desselben durch recht zahlreiche Beiträge erhöhen. Geldsendungen wolle man an Herrn Bezirksrabbiner Dr. Weingarten adressiren, der die