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Der Israelit · 1892-12-22 · Heft 101 (22.12.1892) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 101 (22.12.1892)
Date
1892-12-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXX11I. Jahrgang. Erste Beilage M M 101 des „Israelit". Zeituugsttacheichte« und Correspoudenzen. Deutschland. Berlin. (General und Judenprediger.) Bet einer conservativen Versammlung in Fürstenwalde hielt der General von Blücher einen Vortrag über die Aufgaben der conservativen Partei und sprach darin u. A. folgende Worte: „M. H. Ich habe gesucht mich über die jüdischen Sittenlehren zu informiren und zu diesem Zwecke den Vortrag des Predigers Wolff über den Talmud angehört. Ich weiß nicht, worüber ich mehr erstaunt sein soll, über die Frechheit des Judenpredigers, wie er über die Angriffe gegen das Judenthum zu Felde zieht, oder über die Geduld des Publikums, das Vj2 Stunden geduldig zugehört." Am anderen Tage erhielt der General folgenden Brief vom Prediger Wolff: „Ew. Hochwohlgeboren! Verschiedene Mitglieder der conservativen Partei brachten mir die Mittheilung, daß Sie in der Versammlung bet der Beurtheilung meines Vortrags folgende Kritik geübt (folgen obige Worte.): Herr General! Ich bin Jude und ebenso stolz auf meine Abstammung, wie Sie auf Ihren Adel; ich bin auch jüdischer Geistlicher und habe die Pflicht die böswilligen und verleumderischen Beleidigungen unserer Sittenlehren zu vertheidigen. Es ist mir unglaublich, daß ein Edelmann, ein Mitglied jener Gesellschaftsklasse, von der das Wort noblesse oblige! gilt, den Versuch eines pflichttreuen Beamten, der in schwerer Zeit seine Religion vertheidigt, als Frechheit bezeichnet und ich bitte im beiderseitigen Interesse um gütige Aufklärung". — Der General von Blücher antwortete: Ew. Wohlgeboren erlaube ich mir zur Nachricht zu geben, daß meine Worte folgende waren: „Ich weiß nicht, worüber ich mehr erstaunen soll über die Unverfrorenheit dieses Herrn u. s. w. Dies ist noch heute meine Meinung. Mit Ihren sonstigen Auslassungen bitte ich Sie mich für die Folge in Ruhe zu lassen. Ergebenst von Blücher. Replik. Ew. Hochwohlgeboren! Ueber die Nekrutenjahre bin ich hinweg und habe darum kein Verständniß mehr für die Worte eines militärischen Vorgesetzten, wenn er sein: „Schweig' er!" mir zuruft. Sie haben mich in öffentlicher Versammlung beleidigt und wenn mir auch gerichtliche Schritte unsympatisch sind, so habe ich doch das Recht, Ihnen meine Meinung darüber nicht vorzuenthalten. Ich kann nur mein Bedauern darüber aussprechen, daß solche Worte überhaupt fallen konnten; aber sie find ganz im Geiste des neuen Programms der Konservativen Partei, das ja ausdrücklich selbst die Ausschreitungen des Antisemitismus billigt. Es ist bedauerlich, daß Ihre Partei vergessen hat, daß einst ein Jude Stahl der Vater von der Lehre des Conservativismus war, daß die Lehre dieses Juden von dem „christlichen Staate" heute noch bei Ihnen als Dogma gilt. Die Früchte der demagogischen Bestrebungen aller Parteien werden die Socialdemokraten ernten und das Ende wird sein — die soziale Revolution! Mit dieser mir nöthig erscheinenden Erklärung bin ich meinerseits mit Ihrer Kritik fertig und zeichne ergebenst Prediger L. Wolff. Anmerkung der Red. d. Jsr. Hoffen wir, daß das mannhafte (nicht freche) Auftreten des Herrn Wolff Schule macht, wir haben wirklich lange genug geschwiegen. Posen, im Dez. Schon seit längerer Zeit ist aus hiesiger Gemeinde nichts berichtet worden, woraus jedoch kein Schluß auf Stagnation der Gemeindeverhältniffe, sondern eben auf den gefestigten Zustand derselben zu ziehen ist, was bei einer Gemeinde, deren Geschichte fast ein Jahrtausend zählt, wohl nur natürlich sein kann. Freilich ist die Gemeinde seit Jahren, sowohl hinsichtlich als auch po leider im Rückgänge begriffen. Viele reiche Familien sind verzogen, sodaß seit der Zählung von 1885 die Anzahl der jüdischen Seelen Posens ungefähr um 600 abgenommen hat, während hinsichtlich der Einwohnerzahl der Stadt eine allerdings nicht bedeutende Zunahme zu verzeichnen ist. Nichtsdestoweniger sind, wie erwähnt, die Institutionen der Gemeinde in ungestörter Function und in nicht allzuferner Zeit wird dieselbe ein stattliches Krankenhaus besitzen, dessen Bau eben begonnen hat und das der Munisicenz des Herrn Moritz Rohr zu Breslau seine Entstehung zu verdanken hat. Ferner steht der Bau eines Gemeindehauses bevor, das außer den Kassen- und Sitzungsräumen auch die Localitäten der Religions- und Talmud-Thora- (jüd. Frei)-Schule enthalten soll. Derselbe Herr Moritz Rohr, der für das Krankenhaus den Betrag von 200,000 Mark aufgewendet, hat eine fernere Summe von 220,000 Mark der hiesigen Gemeinde überwiesen, deren Zinsen zu *•/n der Gemeinde Jarocin, zu 1/11 der hiesigen Gemeinde zur Verfügung gestellt sind zum Zwecke der Beförderung des Handwerks und des Gartenbaues unter den Juden.

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