Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 101 (22.12.1892)
- Date
- 1892-12-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1937 Bürgerrechte zu geben, dazu sebe ich wenigstens kein Mittel als das, in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschnetden und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei. Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein anderes Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu e-obern und sie alle dahin zu schicken." In diesem Satze Fichte's ist der Kern der radicalen antisemitischen Forderungen ausgesprochen, und selbst Herr Stöcker, der sonst eine andere Ansicht vertrat, meinte dieser Tage: das Beste sei, die Juden nach Palästina zurückzubringen. Einiges Nachdenken genügt, die Unüberwindlichkeit der Schwierigkeiten zu zeigen, die der Ausführung eines solchen Planes entgegenstehen. Die meisten Antisemiten haben wohl auch der Ansicht des Fürsten Bismark beigepfltchtet, daß die Veranstaltung einer Bartholomäusnacht gegen die Juden nicht angängig sei und sich deshalb auf die Forderung beschränkt, die Juden sollten von einzelnen oder von allen bürgerlichen oder staatsbürgerlichen Rechten ausgeschlossen werden. In einem Organ der gemäßigteren Conservativen, in der dem Grafen Udo von Stolberg nahestehenden Ostpreußischen Zeitung hieß es mit Bezug hierauf: „Ein Zurückgehen auf die Gesetzgebung von 1812 würde nicht nur ein Fehler, sondern auch eine Unmöglichkeit sein; der weitaus größte Theil der deutschen Conservativen würde es als eine empörende Schande ansehen, wenn der deutsche Staat hierin in die Fußstapfen des russischen treten wollte. Die baltischen Protestanten würden ja in Rußland nicht besser oder noch schlimmer behandelt als die Juden." (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten nnd Correspoudeuze«. Deutschland. Frankfurt a. M-, 19. Dez. Gestern Abend fand unter großer Betheiligung die Prüfung der Hörer der hiesigen Jeschiba statt; die ihnen gestellten schwierigen Fragen wurden mit größtem Scharfsinn und zur Zufriedenheit der Anwesenden beantwortet. Berlin, 17. Dez. Das Gnadengesuch, das der Vorstand des deutschsozialen Vereins zu Steglitz für Ahlwardt eingereicht hatte, ist nach einem Bescheide des ersten Staatsanwalts Drescher abgelehnt worden. Berlin, 18. Dez. Daß die Antisemiten die Absicht haben, ihren Wirkungskreis zu erweitern, ist durch die Ersatzwahl in Friedeberg-Arnswalde zur Genüge bewiesen worden. Nach einer Mittheilung der „Kreuzztg." scheint man die Kraft besonders auf den Osten richten zu wollen. In Schlesien find danach innerhalb eines Jahres allein über zwanzig deutsch-soziale Vereine mit einer sehr erheblichen Mitgliederzahl gegründet worden und fortgesetzt sind neue Vereine im Entstehen begriffen. In der nächsten Zeit sollen auch die andernen östlichen Provinzen für die Bewegung gewonnen und organistrt werden. Ein in Aussicht stehender allgemeiner deutsch-sozialer Parteitag soll die Direktiven für die weitere Ausdehnung der Bewegung feststellen. Wenn hierbei auch ein großer Theil Flunkerei mitspricht, so darf doch die Gefahr, die aus einer Verhetzung der Volkskreise droht, nicht unterschätzt werden. Bei der Gewissenlosigkeit, mit der die Agitation betrieben wird, bei der Rücksichtslosigkeit der zahlreichen Agitatoren und bet den großen Geldmitteln, über die der Antisemitismus augenscheinlich verfügt, ist es angebracht, überall die Augen offen zu halten, um den Hetzereien rechtzeitig entgegen treten zu können. Hamburg, 15. Dez. Vom Oberrabbiner M. Hirsch sind so eben im Verlage von A. Goldschmidt, Kohlhöfen 35, unter dem Titel. „AuS Hamburgs schwerer Leidenszeit" die fünf Predigten gesammelt erschienen, welche derselbe an den hohen Feiertagen gehalten hat. Der Preis des Buches beträgt 75 Pf. Der Erlös ist einem wohlthätigen Zwecke zugedacht. Hamburg, 15. Dezember. In der gestrigen Bürgerschaftssitzung (gesetzgebende Versammlung des Hambnrgischen Freistaates) wurde an Stelle des unlängst zum Senator erwählten bisherigen Präsidenten Herrn Dr. Mönckeberg, Herr Siegmund Hinrichsen zum ersten Präsidenten der Bürgerschaft gewählt. Wenngleich derselbe nicht der erste Israelit ist, welcher diese hohe Würde bekleidet, da schon vor ihm Herr Dr. Jsaac Wolfsohn und noch früher der sel. Dr. Gabriel Rießer dazu berufen worden waren, so zeugt diese Wahl doch bet der heutigen Strömung von dem gesunden und toleranten Sinne der Hamburgischen intelligenten Bevölkerung und gilt gleichsam als ein Protest gegen das wüste Treiben der Ahlwardt's, Stöcker, Ltebermann und Consorten. Die Wahl des Herrn Hinrichsen gewinnt noch mehr an Bedeutung und ehrt denselben in noch höherem Maße, als derselbe der erste Präsident der Bürgerschaft ist, welcher dem Kaufmannsftande angehört und sein Gegencandidat ein hervorragender Jurist und Oberlandesgerichtsrath gewesen war. In seiner mit allseitigem Beifalle aufgenommenen Antrittsrede betonte Herr Präsident Hinrichsen diesen Umstund, indem er die hohe Versammlung ersuchte, ihn, den Ntchtjuristen, bei der Ausübung seines schwierigen Amtes mit Nachsicht unterzen zu wollen und verwach, in unparteiischer, sachlicher Weise die Prästoialgeschäfte der Bürgerschaft zu führen.