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Der Israelit · 1892-12-22 · Heft 101 (22.12.1892) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 101 (22.12.1892)
Date
1892-12-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1936 Anschauung, daß der Geldhandel Bedeutung habe vor jeder anderen Thätigkeit, und das Streben nach schnellem, mühelosen Gewinn den ersten Preis verdiene. Gerade in einer Zeit starker Verschiebung der Besitzverhältnisse müssen es die in harter und redlicher Arbeit um den oft kargen Lebensunterhalt sich mühenden Erwerbsstände der Nation als eine Herausforderung empfinden, wenn der Geldhandelsmann an einem Tage so viel Tausende gewinnt, (und verliert? Red.) wie selbst die bestgestellten Beamten und der Specnlation fernstehende Geschäftsleute in einem Jahre nicht verdienen können, obwohl die Verpflichtung standesgemäßer Lebensführung und die Sorge für eine mehr oder minder zahlreiche Familie auf ihnen lasten. Der Jnstinct des Volkes protestirt gegen die Anhäufung immer größeren Capitals in immer weniger Händen, protestirt gegen den der ausdrücklichen Formulirung nicht bedürfenden Herrschafts- Anspruch des Capitals. Es mag mit noch so viel Recht eingewendet werden, das Judenthum als solches oder die Mehrzahl der Juden weise die oben erwähnte Jdentificirung zurück, die eine bloße Unterstellung sei. Wenn schon die Jdentificirung nicht vorhanden ist, die Unterstellung ist eine Thatsache und wirkt wie eine Thatsache. Man sieht und nennt nicht die armen Juden, aber man sieht und nennt und — beneidet die reichen Juden, wobei es oft genug geschehen kann, daß man den Manu von notorischem Reichthum einen Juden nennt, blos weil er reich ist. Man sieht vielleicht den jüdischen Reichen, der die Unarten des Protzenthums an sich hat, mehr als den christlichen, obwohl es an Exemplaren wahrlich nicht fehlt, als deren Abbild Fritz Reuters Pommuchelskopp gelten könnte, weil die Neigung zum äußerlichen Aufwand von der speculativen Thätigkeit und ihrer Nervosität hervorgerufen wird. Die Juden haben sich — Jahrhunderte hindurch nicht freiwillig — dem Handel zugewendet, sie sind deshalb im Handel sehr stark vertreten, und demgemäß stellen sie einen übergroßen Procentsatz zu der Sveculantenwelt, von der wir oben gesagt haben, daß sie ein zum Thetl sehr berechtigtes Mißwollen auf sich gezogen hat. Man kann von dem Volk nicht verlangen, daß es den Dingen auf den Grund gehe und das ganze Bild einer nothwendigen culturgeschichtlichen Entwicklung sich vergegenwärtige, ehe es seinem Gefühl Namen und festes Gepräge gibt. Es sieht unter den reichen Geldhandelsleuten viele Juden — so werden ihm die Geldhandelsleute zu Juden, die Juden zu Geldhandelsleuten, und alle üblen Erscheinungen, die hier hervortreten, sind ihm jüdische Erscheinungen. Das verhältnißmäßige Ueberwiegen der Juden auf diesem Gebiete, allerdings theilweise verursacht durch die bestehenden Verwaltungsgrundsätze, ist den Juden zum Fallstrick geworden. Nicht ganz ohne eigenes Verschulden, denn es wäre ihre Aufgabe gewesen, bet Zeiten für eine bessere Vertheilung, soweit dies in ihrer Macht lag, zu sorgen, damit nicht ihre Minorität, auf ein Gebiet zusammengeschaart, den Eindruck einer geschlossenen und nicht ungefährlichen Masse mache, und damit nicht — wenn auch nur dem Anschein nach — zum Stammesfehler werde, was ein Fehler bloß des Berufes war. Hier stehen auf dem Conto der Juden Unterlassungssünden, in Folge deren der Antisemitismus selbst in solchen Kreisen Raum gewinnen kounte, die ursprünglich frei von Intoleranz waren und den Juden keine Abneigung entgegenbrachten. Hätten die Juden bei Zeiten ein offeneres Auge für die thatsächlichen Verhältnisse gehabt, hätten sie spontan den guten Willen bekundet, zu bessern, wo zu bessern war, die antisemitische Bewegung wäre wohl nicht erstickt, aber in stille Ufer zurückgeleitet worden. Das geschah nicht, und nun wiederholte sich eine Erfahrung, die man schon im Kulturkämpfe und später bet dem Kampfe gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Socialdemokratie gemacht hatte: es trat eine völlige Verschiebung der Grundlage ein; aus dem Feldzuge gegen die Auswüchse wurde eine heftige Agitation gegen das Judenthum um die Juden selbst. Den Schaden trugen nicht durchaus die Angegriffenen, und Wunden gab es auf Seiten des Christenthums mehr, als auf Seiten des Judenthums. Denn die Juden schloffen sich, wie natürlich, fest zusammen, und zu ihnen traten, wie nicht minder natürlich, zahlreiche Nichtjuden, die es als eine Schmach ansahen, daß man mit dem Ungerechten den Gerechten wollte leiden lassen, daß man um schlechter jüdischer Elemente willen unterschiedslos alle Juden verfolgte und mit der Beraubung ihrer bürgerlichen Rechte bedrohte. Hatte der Antisemitismus zunächst nach der ethischen Secte sich verfehlt, indem er leugnete, daß es viele edle und sittliche hochstehende Juden gebe, und hatte er dadurch Widerspruch erweckt und die Position der ungerecht Angegriffenen gestärkt, so war nachmals die Formulirung seiner Forderungen nur dazu angethan, dem engen Zusammenhalt der Juden eine politische und wtrthschaftliche Tragweite zu geben, die manchem Antisemiten den Unterschied zwischen Wollen und Können, zwischen dem Lande Utopien und der Welt der Wirklichkeit greifbar deutlich machen mußte. „Menschenrechte müssen die Juden haben, ob sie gleich uns dieselben nicht zugestehen; denn sie sind Menschen, und ihre Ungerechtigkeit berechtigt uns nicht, ihnen gleich zu werden. Aber ihnen

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