Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 100 (19.12.1892)
- Date
- 1892-12-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1923 Als zweiter Vertreter ging aus der Wahlurne der von beiden Parteien aufgestellte Herr Moritz Mannheimer hervor. Derselbe ist durch seine bedeutenden Zuwendungen, durch Erbauung einer Alterversorgungsanstalt rc. weit über das Weichbild der Stadl Berlin hinaus wohlbekannt. 3402 Wähler spendeten diesem hochherzigen Menschenfreunde ihre Anerkennung. Einer berühmten Familie Altberltns gehört der mit 3375 Stimmen gewählte Louis Libermann. Die Familie Libermann hat ihre Berühmtheit schon zur Zeit der Regierung des hochseligen Königs Friedrich Wilhelm III. erlangt. Damals mid auch später standen die Häupter derselben mit Herz und Seele zur streng religiösen Partei. Noch heute wird durch die Familie die alte Libermannsche Synagoge in der Spandauerstraße erhalten. Herr Leonhard Sachs, der Sohn unseres unvergeßlichen Rabbiner Dr. Michael Sachs s. A. siegte mit 3360 Stimmen. Die Heißsporne der Sonntagsreform erbeben noch immer, wenn in ihnen die Erinnerung an das Feuerwort des sel. Sachs, das ihre Reihen wie zuckender Blitz traf, wachgerufen wird. Es bedarf nicht der Versicherung, daß Herr L. Sachs im Geiste seines gottbegnadeten Vaters y'sn seine Wirksamkeit als Gemeindevertreter erfaßt und stets bestrebt ist der verheerenden Wirkung der Reformsucht Einhalt zu gebieten. Wir wollen hoffen, daß die neue Majorität seine Vorschläge sympathischer aufnehmen wird. Sachs energisches Auftreten gegen die großen Festtagspausen ist noch in aller Erinnerung.- Rechtsanwalt Dr. Tiktin, — der Breslauer Familie Tiktin entstammend — erhielt 3355 Stimmen. Wir irren wohl nicht, wenn wir auch von diesem Gemeindevater das Veste hoffen. Der verdienstvolle Stadtverordnete Louis Sachs, der sich nicht zu den glühenden Verehrern der Reform zählen läßt, erhielt 3351 Stimmen, Herr Landgerichtsrath Dr. Marcus 3156 Stimmen. Herr Martin Simon, der das Programm des „Centralvereius" rückhaltslos acceptirte, wurde mit 2120 Stimmen, der bisherige Repräsentant Hermann Landsberger mit 1892 Stimmen gewählt. Rudolf Moste, der Verleger des „Berliner Tageblatt" und der „Zeitung des Judenthums" erhielt 1875 Stimmen. Endlich wurde der Landschaftsmaler I. Bodenstein mit 1804 Stimmen znm Repräsentanten erwählt. Ueber die 15 Stellvertreter und die Schlüffe, die aus dem Ergebniß zu ziehen sind, behalten wir uns vor demnächst^zu berichten. Vorläufig sei nur bemerkt, daß der „C. V." von den 26 zur Wahl gestellten Candidaten seine 17 durchgebracht hat, daß zwei bisherige Repräsentanten, welche der „C. V." nicht acceptirte, durchgefallen, und daß von den 26 Candidaten der sogenannten liberalen Partei nur 11 durchgedrungen sind. Doch ist zu beachten, daß 7 derselben auch vom „C. V." ausgestellt wurden. — Die liberale Partei hat nur die 9. und 10. Repräsentanten und 2 Stellvertreter durch eigene Kraft an den grünen Tisch geleiten können. Welche Hoffnungen wir an den Sieg der „C. V." knüpfen, das haben wir in einem bereits seit vielen Tagen in Ihren Händen befindlichen Artikel ausgesprochen.*) Vielleicht finden meine Zeilen jetzt Raum in den Spalten Ihres geschätzten Organs. 17. Berlin, 12. Dez. Auf Ansuchen des Rector Ahlwardt und dessen Familie hat der „Staatsbürgerzeitung" z» Folge, Rechtsanwalt Hertwig aus Charlottenburg die Verteidigung in dem „Judenflinten"-Prozeß wieder übernommen und bereits die Revision gegen das am Freitag verkündete Erkenntniß eingelegt. Auch ein Antrag auf Herausgabe der Caution wird gestellt werden. Berlin, 12. Dez. Die „Freis. Ztg." berichtet: Die schamlose Art des Ausrufens der antisemitischen Schmutzbroschüren, durch die das Publikum der Friedrichstraße in Berlin längere Zeit in unangenehmster Weise belästigt worden ist, hat einem dieser Straßenverkäufer eine empfindliche Strafe eingetragen. Der Druckschriftenhändler Hecht hatte sein Gewerbe in so anstößiger Weise betrieben, daß zuerst ein Stabsoffizier den vor dem Cafe National postirten Schutzmann aufforderte, dem Unfug ein Ende zu machen, und kurz darauf ein Buchhalter bei demselben Schutzmann um Schutz gegen die Jnvektiven des Verkäufers ersuchte, weil dieser ihn beleidigt hätte. Der Schutzmann forderte Hecht auf, ihm zur Wache zu folgen. Dieser aber leistete ihm passiven Widerstand. Das Schöffengericht hatte auf Freisprechung erkannt, nachdem der Buchhalter selbst auf Anstrengung einer Beleidigungsklage Verzicht geleistet hatte. Die Berufungsstrafkammer verurtheilte dagegen den Angeklagten wegen groben Unfugs zu der höchst zulässigen Strafe von sechs Wochen Haft und wegen des Widerstands zu sechs Wochen Gefängniß. Andernach, 7. Dezember. Ein eigenthümlicher Vorfall passirte, wie die „D. Reichsztg." erfährt, kürzlich in der Synagoge in Sassey. Während des Gebetes am Sabbat betrat plötzlich der Polizeidiener R. die Synagoge; das Synagogen-Vorstaudsmitglied K. ging auf den Vorbeter zu und ersuchte ihn, im Gebete aufzuhören, da der Polizeidiener eine Mittheilung zu machen habe. Dieser forderte hier „im Namen des Gesetzes,, drei der Anwesenden, namens Simon, Jonas und Marcus K., auf, die Synagoge sofort zu verlassen, ihre Bücher mitzunehmen und nicht eher wieder das „Lokal" zu betreten, bis ihnen Weiteres mitgetheilt werde. Die *) Muß wegen Vorlage dringlicherer Nachrichten zu unserem Bedauern nochmals zurückgestellt werden. Redaction.