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Der Israelit · 1892-12-15 · Heft 99 (15.12.1892) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 99 (15.12.1892)
Date
1892-12-15
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1913 Weßhalb hat er denn eigentlich dem Elternhause den Rücken gekehrt und war in die Fremde gewandert? Er legte sinnend seine schmale Hand an sein Haupt, und an seinem Geiste zog jene Zeit vorüber, da er in jugendlicher Thorheit sich an den Eltern vergangen und in kindischem Trotz die verlassen, denen er nächst Gott alles verdankt hatte. Er war gerade von der Universität gekommen, woselbst er sein medizinisches Staatsexamen mit Auszeichnung bestanden hatte. Wie stolz waren die Ellern auf ihren Sohn, den neugebackenen praktischen Arzt l)r. med. et chir. Walter Delbanko! Welch herrliche Luftschlösser hatten sie gebaut; wie behaglich wollten sie mit ihrem Sohne leben getreu den Gesetzen der israelitischen Religion! Das Chanukafest wurde gefeiert, als der Sohn von seinem Studium in die Heimath zurückkehrte. Es war ein kalter Winterabend und hellblinkend standen die silbernen Chanukaleuchter in der Nähe des Fensters, woselbst Vater und Sohn die heiligen Lichtchen anzünden sollten. Schon hatte der Vater seiner Pflicht genügt und der Sohn sollte die Segenssprüche über die Lichter sprechen. Er sprach den ersten Segensspruch und den dritten Segensspruch, vergaß jedoch die Benediction: Gepriesen seist Du, Ewiger unser Gott, König der Welt, der Wunder gethan hat an unseren Vätern in jenen Tagen um diese Zeit. Der Vater machte ihn lächelnd darauf aufmerksam, daß der gelehrte Sohn, das nicht mehr wisse, was er als kleines Kind schon gelernt und so schön geübt habe. „Mein Vater," hatte er entgegnet, „ich habe diese Beracha nicht vergessen, ich habe sie absichtlich ausgelasien." „Und warum lassest Du diese Beracha aus?" fragte der erstaunte Vater. „Weil ich an keine Wunder glaube und ich durch diese Beracha meinem Gewissen gegenüber zum Lügner und Heuchler würde." Der Vater suchte nun den Sohn zu überzeugen, aber das überlegene Lächeln desselben ließ seinen Zorn aufwallen und es fielen harte Worte auf beiden Seiten. Am folgenden Abend, als der Sohn abermals diese Beracha ausließ, kam es wiederum zum Zank, der damit endete, daß der Vater ihm das Entzünden der Lichter untersagte, wenn er nicht die Beracha, die vorgeschrieben ist, spreche. „Dann werde ich anderwärts entzünden," entgegnete der Sohn. „Und wirst auch anderwärts wohnen und bleiben," erwiederte der Vater gereizt. „Wenn Du es wünschest, Vater, warum nicht. Aber dann hast Du mich für eine lange Zeit gesehen." „Geh nur, ich will Dich nicht sehen, so lange Du Zweifel setzest an unsere Thora, die Wunder leugnest, die Gott an unseren Vorfahren gethan. Du stehst ja jetzt auf eigenen Füßen, brauchst uns nicht mehr, hast viele Kenntnisse erworben und dabei, wie ich leider sehe, Deinen Glauben verloren —" „Rein, Vater," hatte der Sohn erwiedert, „meinen Glauben habe ich nicht verloren, ich bin noch ein ebenso guter Jude wie irgend einer, aber Dinge zu glauben, die mein Verstand nicht begreifen kann, das darfst Du mir, das kannst Du keinem wissenschaftlich gebildeten Menschen zumuthen." „O, Ihr wissenschaftlich gebildeten Männer habt die Weisheit für Euch gepachtet. Wenn Euer großer Verstand alles begreifen könnte, dann hättet ihr nicht nöthig, etwas zu glauben, denn „glauben heißt ja das Fürwahrhalten der Dinge und Ereignisse, die man nicht gesehen hat und nicht begreifen kann." So war der Disput fortgegangen und das Ende war gewesen, daß Walter im Groll sein Elternhaus verlassen und eine Stelle als Schiffsarzt auf einem nach Südafrica fahrenden Segler angenommen hatte. In Südafrica hatte er einen Platz für eine einträgliche Praxis gefunden und die Gefahren, denen er in Transvaal und bei den Boern entgegenging und überstehen mußte, ließen ihn manchmal darüber Nachdenken, ob es jetzt noch Wunder giebt oder nicht. Achtzehn Jahre waren seit jener Zeit verflossen, und er halte in der ganzen langen Zeit nichts von seinen Eltern erfahren; auch diese hatten nichts von ihrem Sohne gehört und mochten ihn längst für verschollen halten. Sie ahnten jedenfalls nicht, daß der Verschollene von Heimweh und Sehnsucht getrieben, auf dem Wege zu ihnen sei, um das Unrecht, das er durch seine Entfernung und sein Schweigen an den Eltern verübt, zu sühnen. Jene Zeit ging an seinem Geiste vorüber und resignirt lächelnd sagte er leise zu sich selber: „Rasch fertig ist die Jugend mit dem Wort. O, könnte ich doch jene Zeit zurückrufen, die ich mir selber geraubt!" Sinnend ging der Arzt in seinem Zimmer auf und ab. Die Schneeflocken wirbelten in der Luft umher und ein scharfer Ostwind fegte heulend über die Straßen. Wer mochte das Weib sein, bei dem er die Bilder seiner Eltern gefunden? Seine Schwester? Als er vor achtzehn Jahren die Heimath verließ, war sie ein Kind von fünf Jahren gewesen, heute mußte sie dreiundzwanzig alt sein. So alt hielt er die Person, die drüben im Fieber lag. Aber wie kam sie in eine solche Lage? Er fand trotz seines Sinnens und Denkens keine Erklärung und beschloß zu warten, bis die Kranke ihm eine Erklärung geben konnte. Ohne daß der junge Arzt es wußte, hatte ihn die Vorsehung in die Stadt geführt, woselbst seine Eltern jetzt lebten, hatte sie ihn ausersehen, der Retter seiner einzigen Schwester zu werden. Schon lange waren seine Eltern von jenem kleinen Marktflecken, wo sie alles, jeder Ort und jedes Ding an den Sohn erinnerte, verzogen und hatten sich in einer ziemlich entfernten Stadt niedergelaffen, woselbst sie von den Zinsen ihres kleinen Vermögens und dem geringen Erwerb, den der Vater sich verdiente, gemüthlich lebten. Ihre Freude und der Trost ihres Alters war ihre Tochter Helene, die sich körperlich und geistig wunderbar entwickelte. Sie besuchte die Schulen der Stadt und war der Liebling all ihrer Lehrer. Sie machte ihre Lehrerinnenprüfung mit Auszeichnung und fand sofort eine Anstellung als Erzieherin in einem frommen und reichen Hause. Ihre Schönheit war es, die sie aus dieser Stellung vertrieb. Die Mutter ihrer sechzehnjährigen Schülerin befürchtete, daß die schöne Erzieherin die Schönheit der eigenen Tochter in den Schatten stellen könnte und entließ dieselbe unter einem nichtigen Vorwände. Helene fand bald eine Stelle in einem Pensionat der etwas entfernt gelegenen größeren Stadt, und hier fühlte sie sich glücklich in ihrem Berufe. Die Eltern waren nahe, ihre Schülerinnen vergötterten sie und die Vorsteherin mochte sie nicht mehr entbehren; sie war in kurzer Zeit ihre rechte Hand geworden. Ein romantischer Jugendstreich hatte sie mitten im Winter ihre Ferienreise zu den Eltern in ihrem letzten Theile zu Fuß machen laffen und wir haben gehört, wie diese Reise hätte enden können, wenn der Lokomotivführer weniger aufmerksam gewesen wäre. Run lag sie im Zimmer eines Hotels ihrer Vaterstadt, der eigene Bruder behandelte sie, während die Eltern sie mit jedem Zuge erwarteten. Wieder war der Herr Delbanko auf dem Bahnhof gewesen, um seine Tochter abzuholen und wiederum war er allein nach Hause gekommen. Die Eltern konnten sich das nicht erklären und horchten auf jeden Schritt, der sich dem Hause näherte. Vielleicht brachte der Briefbote ihnen einen Brief von ihrer Tochter. Aber der Tag verging, der Abend brach früh herein und weder die so sehnlich Erwartete noch ein Brief derselben kam. Immer größer wurde die Angst der alten Leute, denn es wurde spat und ihre Tochter ließ immer noch auf sich warten. Nun schlug die Uhr elf. Der

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