Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 99 (15.12.1892)
- Date
- 1892-12-15
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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1914 letzte Zug, der aus der Richtung einlief, wo Helene Herkommen mutzte, war schon angekommen und hatte sie nicht gebracht. Enttäuscht ging der Vater nach Hause und konnte dem fragenden Blicke der Mutter nur mit Achselzucken antworten. Seufzend setzten sie sich an den Tisch, um ihr spätes Nachtmahl einzuuehmen; sie waren beide ganz verstört und kein Bissen wollte ihnen munden. Sie legten sich mit dem Entschluß nieder, am folgenden Tage mit dem Frühesten an die Vorsteherin des Pensionats zu telegraphiren und um Aufschluß zu bitten. Wohl zwanzigmal erhob sich die Mutter in der Nacht und trat ans Fenster, ob ihr Kind nicht Einlaß begehrend vor der Thüre stehe; wohl mußte sie das Murren ihres Mannes über dieses zwecklose Thun hören, aber sie sah, daß auch ihr Gatte keinen Schlaf fand und gespannt horchend in seinem Bette lag. Endlich wurde es Morgen. Der Wintermorgen überrascht uns nicht wie der Morgen eines Sommertags durch seine Pracht und sein plötzliches Erscheinen. Langsam zieht er am Firmament heraus und es dauert lange, bis die Sterne erbleichen, die Geister der Nacht schwinden und das Tageslicht sich die Herrschaft über die Finsterniß erkämpft hat. Wer den Wintermorgen erwartet, muß Geduld haben, denn langsam nur nimmt die Nacht Abschied, und wenn der Morgen endlich da ist, so hat man selten Freude au ihm; er ist ein finsterer Geselle und er macht ein Gesicht, wie ein Mensch, der sich von seinem Lager erhebt, ohne ausgeschlafen zu haben. Trübe Dämmerung herrscht draußen und die fest eingemummelten Menschen, welche über die Straße schreiten müssen, beeilen sich wieder ins Haus zu gelangen. Wer nicht muß, der entschließt sich nicht, das Zimmer zu verlassen, denn die Kälte und der Nebel sind keine Annehmlichkeiten. Delbanko erhob sich schon frühe. Da er das Morgengebet noch nicht verrichten durfte, nahm er ein Andachtsbuch Und vertiefte sich in das Studium desselben. Nicht lange jedoch weilten seine Gedanken bei dem Buche und den scharfsinnigen Ausführungen seines Verfassers. Immer wieder mußte er an seine Tochter denken und an seinen Sohn. Um diese Zeit hatte er vor achtzehn Jahren die Heimath verlassen und keine Kunde war seit jener Zeit über den Verschollenen zu ihnen gedrungen. War er noch am Leben? Und nun bereitete ihm seine Tochter, auf welche sich ihre ganze Liebe jetzt concentrirte, solche Sorge! Seufzend blickte er gen Himmel. Der Tag war da. Das Morgengebet durfte verrichtet werden. Es war gegen neun Uhr, als Delbanco in das Telegraphenamt trat und eine Depesche mit bezahlter Rückantwort aufgab, welche folgendermaßen lautete: „Helene vergeblich erwartet. Drahtantwort, wann dieselbe kommt. Delbanco." Noch war Delbanco nicht lange zu Hause, als auch schon der Telegraphenbote die Ähnlichst erwartete Antwort brachte. Sie lautete: „Helene gestern früh abgereist; mußte schon des Mittags dort sein." Wie wenn ein Blitzschlag die Eltern getroffen hätte, so starrten sie beide in das unglückselige Papier. Helene war schon gestern abgereist und hatte heute die Ihrigen noch nicht erreicht! Ihr mußte ein Unglück zugestoßen sein! Je mehr sie darüber nachdachten, um so größer wurde ihre Angst und schwere Thränen rollten über die blassen Wangen der Mutter und verdunkelten das lebhafte Auge des Vaters. Was sollten sie thun? Vielleicht hatte ihre Tochter den Anschluß versäumt; aber sie hätte dann ja mit einem der nächsten Züge kommen können. Wo hatte sie die Nacht verbracht? Die Angst schnürte ihnen die Kehle zu, wenn sie an all die Möglichkeiten dachten, welche die Ankunft ihrer Tochter so verzögern konnten. Unterdessen saß die, um welche die Eltern in solche Angst waren, an der Seite des Bruders in dem Zimmer desselben und berieth mit ihm, auf welche Weise sie die Ankunft desselben ihren Eltern am besten mittheilen könnte. Ihre Jugend und die kräftige Natur halten den Unglücksfall, der sie betroffen, rasch überwunden. Die aufmerksame Pflege, die Ruhe der Nacht hatten sie so weit gekräftigt, daß als der Arzt am Morgen kam, sie zu besuchen, sie gerade aufstchen wollte. Die Wärterin hatte große Mühe, sie so lange im Bett zu halten. Sie jammerte nach ihren Eltern, wie die sich ängstigen würden und verlangte, daß man sie sofort entlasse. Die Wärterin hatte ihr erzählt, auf welch' wunderbare Weise sie gerettet worden und wie der fremde Arzt für sie gesorgt habe. Dann war der Arzt selbst gekommen und hatte sich nach seinem Schützling erkundigt. Er war mit ihrem Befinden zufrieden und gestattete ihr aufzustehen. Kaum hatte sie mit Hilfe der Wärterin ihre Toilette gemacht, da erschien der Arzt schon wieder. In seiner Hand trug er eine Medaillon, welches er dem jungen Mädchen zeigte. Als sie es sah, sprang sie crröthcnd auf und sagte: „Das Medaillon gehört mir, Herr Doktor; es ist ein Andenken an meinen Bruder." „Und die Bilder, die darinnen sind?" „Es sind meine lieben Ellern, die sich Gott weiß, wie sehr um mich ängstigen werden; entlassen Sie mich, daß ich zu ihnen eile und die Angst von ihnen nehme." Der Arzt schwieg. Unter seinen forschenden Blicken errothete sie, und als er nun mit vor Bewegung zitternder Stimme sagte: „Solch eine Schönheit ist aus der kleinen Helene geworden!" da sah sie ihn erstaunt an. Er kam ihr bekannt vor, und doch konnte sie sich nicht erinnern, ihn gesehen zu haben. Sie sann und sann und endlich sagte sie: „Sie scheinen mich als Kind gekannt zu haben und auch meine Eltern zu kennen." „Ob ich Ihre Eltern kenne! Vor achtzehn Jahren war ich täglich in ihrem Hause." „So sind Sie vielleicht ein Freund meines verschollenen Bruders? O, haben Sie etwas von ihm gehört, so kommen Sie mit und erzählen es meinen Eltern, denn wenn sie ihn auch im Groll entließen, so besitzt er dennoch ihre Liebe und sein Andenken ist geehrt." „Ich danke Ihnen für dieses Wort, mein Fräulein. Und wenn er nun selbst käme, Ihr Bruder, und Vater und Mutter um Verzeihung bitten würde für den Gram, den er ihnen bereitet, würden sie ihm verzeihen und ihn wieder als Sohn aufnehmen?" „Und das können Sie noch fragen? O, Ihre Eltern haben Sie wohl nie entbehrt; ihr Sehnen nach dem Antlitz des geliebten Sohnes blieb nie ungestillt. Mein Herr! geben Sie meinen Eltern ihren Sohn, mir meinen Bruder wieder und alles, was wir besitzen, gehört Ihnen. Das Unglück, das mich betroffen, will ich als einen Fingerzeig des Himmels ansehen, der durch ein Wunder mein Leben erhalten und mir meinen Bruder wiedergegeben hat." „Und wenn Ihr Bruder nun anders geworden ist, als Sie sich ihn vorstellen, wenn er ein Krüppel ist, welcher der Hilfe anderer bedarf und den Seinen nur zur Last fallen würde?" „Er möge kommen, wie er auch ist; ich will ihn pflegen.—" „Und wenn er dem Glauben seiner Väter untreu geworden und einen anderen Glauben angenommen hätte?" «Das hat er nicht gethan, das bin ich sicher, das konnte er nicht thun." „Und wenn er es dennoch gethan?" Gespannt mit shörbarem Herzklopfen sah Helene den Arzt eine Weile an, dann sagte sie leise, doch bestimmt: