Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 99 (15.12.1892)
- Date
- 1892-12-15
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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IS12 ein Sprung in einer Schiene kann den Zug zum Entgleisen bringen und namenloses Unglück, unberechenbaren Schaden verursachen. Sorglos plaudernd sitzen die Reisenden in den bequemen Favteils der Salonwagen und denken nicht an die Gefahr, in der sie sich befinden; lachend und scherzend vertreiben sie sich die Zeit und fühlen sich so sicher, als ob sie sich zu Hause in angenehmer Gesellschaft befanden. Da ertönt dreimal in kurzen Zwischenräumen die Dampfpfeife der Maschine und der Zug hält nach kurzer Zeit auf freiem Felde. Nun giebt es ängstliche Gesichter. Man eilt an die Fenster und fragt was es gebe. Die Schaffner wissen es nicht, aber sie sehen, wie der Heizer und der Lokomotivführer von der Maschine abspringen, vor dieselbe eilen und nach kurzer Zeit mit einem Gegenstände, der quer über den Schienen lag und den sie zum Glück rechtzeitig bemerkt hatten, zurückkamen. Nachdem sie ihre Last im Packwagen abgelegt hatten, begaben sie sich wieder auf ihre Posten, der Zug setzte sich langsam in Bewegung und hatte bald wieder seine vorherige Fahrgeschwindigkeit wieder erreicht, die Passagiere beruhigten sich und lachten und scherzten weiter, oder sie schallen über den kurzen, unfreiwilligen Aufenthalt, der sie vielleicht den nächsten Anschluß versäumen ließ, oder sie schliefen weiter ohne sich um den Zwischenfall zu kümmern. Und doch war der Zwischenfall hochdramatisch In dem Packwagen lag auf dem Mantel des Packmeisters und de- Zugführers gebettet ein erstarrtes junges Weib von berückender Schönheit und die beiden Beamten mühten sich, das Leben, das scheinbar den Körper verlassen hatte, in denselben zurückzurufen. Der Zugführer hatte rechtzeitig den quer über den Schienen liegenden Körper gemerkt und ein gräßliches Unglück verhüten können. Aber wie war das Weib dahingekommen? Lag ein Unglück oder ein Verbrechen oder ein Selbstmordversuch vor? Wer vermochte es zu entscheiden. Wenn die Erstarrte zum Leben zurückkehrte, vermochte man wohl Auskunft darüber bekommen, im anderen Falle blieb es ewig ein dunkles Geheimniß. Die Bemühungen der beiden Beamten blieben erfolglos. Das Leben schien aus dem Körper entflohen zu sein und der Tod schien sich seine Beute nicht entreißen lassen zu wollen. „Unser Mühen ist vergeblich," sagte der Packmeister, sich den Schweiß von der Stirne trocknend, „die Person ist sicher todt." „Vielleicht befindet sich ein Arzt unter den Passagieren," sagte der Zugführer. „Wir müssen unsere Pflicht thun. Ich will den Zug nach einem Arzte absuchen." Und trotz der rasenden Schnelligkeit, mit welcher der Zug dahrneilte, kletterte der brave Mann an den Wagen dahin und fragte bei jedem Coups, ob unter den Passagieren kein Arzt sei. Endlich fand er einen solchen in einem Coupö des vorletzten Wagens. Er theilte diesem die Sache mit und bat ihn, mit in den Packwagen zu kommen, um, wenn es möglich wäre, einen Menschen vom Tode zu erretten. Der Arzt, ein noch junger Mann, war sofort zur Hülfe bereit und unter Führung des Zugführers und des herbeigeeilten Schaffners machte er sich auf den gefährlichen Weg nach der Erstarrten. Die braven Männer waren auf diesem Wege dem Tode nahe; ein Fehltritt, ein Abrutschen von dem nassen glatten Trittbrett und sie lagen zermalmt zwischen den Schienen. Aber Gottes Schutzengel geleitete sie auf der glatten und gefährlichen Bahn und ohne Unfall erreichten sie den Packwagen. Sofort machte sich der Arzt ans Werk und begann seine Wiederbelebungsversuche. Lange schienen auch seine Bemühungen fruchtlos, und schon wollte er mit seinen Versuchen aufhören, als das Gesicht der Erstarrten sich röthete, der Puls anfing fühlbar zu werden. Nun hatte man gewonnen. Rastlos wurden die Glieder mit Schnee gerieben, bis auch sie roth und heiß geworden waren. Jetzt wurde auch der Puls kräftiger, der Athem begann sich wieder einzustellen und wie im Schlafe lag die Verunglückte da, ein entzückendes Bild weiblicher Schönheit. Nun hüllte sie der Arzt in Decken und Kleider fest ein und er wollte sie gerade verlassen, als sie mit einem Seufzer die Augen öffnete, verständnißlos um sich blickte und dann in ein krampfhaftes Weinen ausbrach. „Nun ist sie gerettet," sagte der Arzt „und auf der nächsten Station kann sie ausgesetzt und bis zu ihrer Genesung einem Krankenhause übergeben werden." Der Arzt wollte nun wieder den Rückweg zu seinem Coupb antreten, aber der Zugführer gestattete es nicht. Er sagte: ..Nun müssen Sie bei uns bleiben bis der Zug hält, denn Ihr Leben noch einmal der Gefahr auszusetzen wäre Sünde." Der Zug sauste in ungeminderter Schnelligkeit durch die schneebedeckten Fluren. Die Passagiere sprachen kaum mehr über diesen Vorfall, denn es betraf ja keinen von ihnen selbst und fremdes Leid, fremdes Unglück vergißt sich überaus rasch. Der Arzt saß auf einem Reisekoffer neben dem Lager des jungen Weibes und beobachtete dieselbe aufmerksam. Obschon das Bewußtsein zurückgekehrt war, lag sie aphatisch da und nur das Heben und Senken ihrer Brust zeigte, daß Leben in dem Körper war. Jetzt bewegten sich auch ihre Lippen, aber die Worte, die sie sprach, waren unverständlich. Ihrem ganzen Aussehen nach gehörte sie zur gebildeten Classe und die Zartheit und Feinheit ihres Teints sowie die weißen, schlanken Hände zeigten, daß sie keine schwere körperliche Arbeit zu schaffen gewohnt war. Wer war die Unglückliche, und wie war sie in diesen Zustand,' an solcher Stelle in diese gefährliche Lage gekommen? Der Arzt zerbrach sich den Kopf mit diesen Fragen, ohne daß er eine befriedigende Antwort darauf finden konnte. Plötzlich fiel sein Blick auf ein kleines Medaillon aus blauem Email, welches an der Seite des Wagens lag und jedenfalls der Verunglückten gehörte. Er hob es auf und wollte es in die Tasche stecken, um es der Kranken abzuliefcrn. War es Zufall oder that er es unbewußt, daß er auf einen kleinen Stift drückte, kurz das Medaillon sprang auf und aus dem Innern desselben blickten ihm die Bilder — seiner Eltern entgegen. Erstarrt sah er auf die geliebten Züge, die er seit achtzehn Jahre nicht erblickt; wie kamen die Bilder seiner Eltern in den Besitz dieser Person? Und das Interesse des Arztes verband sich nun mit dem Interesse des Menschen, und er beschloß so lange bei der Kranken zu weilen, bis sie genesen war und ihm Auskunft über das Medaillon geben konnte. Damit es nicht abhanden komme, steckte er es in seine eigene Tasche, und als nun der Zug in die Station einlief, der Stationsvorsteher die Kranke durch die Polizei transportiren lassen wollte, da erklärte der fremde Arzt, daß er die Sorge für die Patientin übernehmen wolle. Er ließ sie sofort in ein Hotel schaffen und bestellte eine Wärterin, welche die Kranke pflegte. Er hoffte, daß sie in kurzer Zeit genesen und ihm befriedigende Auskunft geben werde, damit er alsdann die Reise zu seinen Eltern fortsetzen könne. Seine Eltern! Wußte er denn, daß sie noch lebten, und wenn sie lebten, ob sie des ungehorsamen und undankbaren Sohnes noch gedachten, seiner sich noch erinnern wollten? Er wagte es kaum daran zu denken, daß all sein Sehnen während der letzten Jahre vergeblich hätte gewesen sein können, daß so nahe am Ziel vielleicht er vor einer verschlossenen Thüre oder gar vor der dunklen Pforte des Grabes umkehren müsse. Achtzehn Jahre sind eine lange Zeit-doch wozu sich solchen Betrachtungen hingeben? Gott, der ihn beschützt hat in der Fremde, der in den Gefahren des Urwaldes ihn nicht verlassen, er wird auch seine Eltern behütet und vor jedem Ungemach bewahrt haben.