Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 99 (15.12.1892)
- Date
- 1892-12-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1904 die öffentliche Meinung wach geworden; edle Männer gaben ihren würdigen Ausdruck, so Marquis d'Azeglio in einer vorzüglichen Broschüre, in der er die gerechten Ansprüche der Israeliten auf eine Verbesserung ihrer Lage verteidigte. Der Abbe Ambroßli wagte es, in der großen Kirche Santa. Maria di Trastevere, nahe bei dem alten Ghetto, eine Predigt über die „Toleranz" zu halten, '.die einen solchen Eindruck hervorrief, daß mehrere Zuhörer, — die Heiligkeit des Ortes vergessend — sich im Tumult erhoben und laut ihre Absicht erklärten, die Mauern und Thore des Ghetto niederzureißen. (Schluß folgt.) Telegr. Reichstagsbericht. Liebermann v. Sonnenberg begründet den Antrag auf Einstellung des Strafverfahrens gegen Ahlwardt. Hartmann: Derartige Fragen müsse man zwar ohne Ansehen der Person erledigen, hier erheische die Sache aber eine besondere Prüfung, weil Reichsinteressen mitspielren; zudem könne Ahlwardt jetzt von dem Rechte der Immunität keinen Gebrauch machen. Redner beantragt Verweisung an die Geschäftskommission. Bö diker plädirt für sofortige Annahme des Antrages. Gleiches Recht müsse für Alle gelten, auch für die Antisemiten. Aehnlich spricht sich Singer aus. Richter: Der Antrag bezwecke nur, die Verjährung anzubahneu. Wir haben kein Recht, unter Berufung auf ein parlamentarisches Privilegium die Justiz zu hemmen. Anders läge die Sache, wenn der Antrag unmittelbar nach den Ferien eingebracht würde. Der Antrag auf Ueberweisung an die Kommission wird schließlich mit 114 gegen 100 Stimmen abgelehnt und der Antrag Liebermann angenommen. Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzeu. Deutschland. Aus Grebenhain (Oberhessen) wird dem „Lauterb. Beobachter" geschrieben: „Die hier seit einiger Zeit bestehende Ortsgruppe des Böckel'schen Bauernvereins hat sich aufgelöst und beabsichtigen die Mitglieder ein kaufmännisches Handelsgeschäft zu gründen." Scheint also doch nicht alles Gold zu sein, was Böckel als Gold anpreist! Herr Dr. meä. König in Witten, laut „Westph. Ref." der „allgemein geachtete" Antisemit, ist dieser Tage, wie das citirte Blatt mittheilt, mitten in der Stadt von 2 Bergleuten gründlich durchgeprügelt worden. Juden waren das nicht, aber es wird wohl — nach bekannten Mustern — leicht nachzuweisen sein, daß die Leute im Aufträge der „Alliance Jsraelite" gehandelt haben. Berlin, 5. Dezember. Unter der Spitzmarke „Deutschberlin" sagen die „Preußischen Jahrbücher", nachdem sie darauf hingewiesen, daß Berlin 79,286 Juden habe, somit sei der zwanzigste Mensch in Berlin ein Jude. Das Verhältniß werde aber noch auffallender, wenn man bedenke, daß „diese 79,286 Juden nicht zur dienenden und arbeitenden Klasse gehören, sondern zur besitzenden und genießenden". Allerdings auffallend! Also unter den 79,286'Juden7(von welcher Zahl man natürlich die Frauen und Kinder erst abziehen muß, wodurch sie beträchtlich kleiner wird) giebt es weder dienende, noch arbeitende, sondern Alle besitzen und genießen! Ich weiß nicht, ob der Artikelschreiber die Steuerliste zur Grundlage seiner Behauptung macht, ich bezweifle es; aber billig frage ich mich: Gibt es in Berlin keine jüdischen Dienstboten, keine jüdischen Lehrlinge oder Gesellen, keine jüdischen Handwerker, keine Künstler oder Gelehrte, keine jüdischen Lehrer, Musiker, überhaupt keine jüdischen Beamten und Angestellte irgend welcher Art, keine Kommis oder Handlungsreisende u. s. w.? Thun denn alle diese nichts? Und gibt es keine selbständigen Kaufleute und Fabrikanten, die arbeiten? Sollten wirklich alle jüdischen Berliner nur besitzen und genießen? Gibt es in Berlin keine armen Juden? Genug, der Verfasser "des genannten Artikels ersieht aus diesen Fragen, die ich noch vermehren könnte, daß seine Behauptung in unbefangenen Gemüthern manchen Zweifeln an der Wahrheit Raum läßt. Er verwahrt sich zwar gegen den Vorwurf, als wolle er in's antisemitische Horn stoßen, fühlt also doch ein gewisses Unbehagen wegen seiner leichtfertigen Behauptung; allein die „Tägl. Rundschau" und wahrscheinlich auch andere antisemitische Blätter drucken diese Behauptungen ä la Ahlwardt mit innigem Behagen ab. So macht man Stimmung und so weckt man die „Volksseele". Berlin, 7. Dez. Die folgenden treffenden Bemerkungen macht Abgeordneter Barth in der „Nation" am Schluffe eines Artikels über „Ahlwardts politische Ahucnreihe": „Die Juden sollten sich andererseits klar machen, daß man den Antisemitismus nicht dadurch los wird, daß man über ihn lamentirt und ihn ausschließlich defensiv bekämpft. Der Antisemitismus ist^nur im Rahmen der allgemeinen Politik wirksam zu bekämpfen. Wenn manche jüdische Geheimen Kommerzienräthe und geadelte, ungetanste und.'getaufte, Parvenüs, die ihre Töchter mit verkrachten Junkern verheirateten, das noch nicht begriffen haben und sich womöglich eine Ehre daraus machen, in politischen und gesellschaftlichen Kreisen zu^verkehren, wo man sie blos duldet und mit Recht verachtet, weil sie mit einer so demüthtgenden Rolle verlieb nehmen,