Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 99 (15.12.1892)
- Date
- 1892-12-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXX11I. Jahrgang. Erste Beilage M M 99 des „Israelit". Leitender Artikel. Pie Kirche und die Juden. Von Dr. A. Berliner (Berlin). Unter diesem Titel ist eine Schrift des Pfarrers Dr. Frank erschienen, welche in Nr. 97 dieses Blattes eine nähere Besprechung gefunden hat. Ich kenne die Schrift nicht, und nur die mitgetheilte Stelle aus dem Vorwort gibt mir Veranlassung, einen Satz daraus, der den Vorwurf der Undankbarkeit der Juden Rom's gegen den Papst Pius IX. enthält, entschieden zurückzuweisen. Nachdem nämlich die einzelnen Wohlthaten vorgeführt werden, welche dieser Papst in den ersten Jahren seiner Regierung den Juden Roms zuwendete, ist von Undank dieser Juden die Rede. „So sollen die Juden in Rom nach der Einnahme der ewigen Stadt durch die piemontesischen Truppen im Jahre 1870 an den König Victor Emanuel eine Adresse eingereicht haben, die mit Ausdrücken kriechender Ergebenheit an die neue Regierung neben schmählichen Ausfällen gegen die päpstliche Regierung angefüllt gewesen sei. Wir wollen nicht untersuchen, ob die Echtheit des Schriftstückes über allen Zweifel erhaben ist, wer die Verfasser der Adresse gewesen sind, unter welchen Einflüssen und Eindrücken sie abgefaßt wurde, aber fragen dürfen wir doch, ob denn dieser Undank der römischen Juden nicht ganz verschwinde, gegenüber dem gewiß viel schmachvolleren Undank, dessen sich selbst Christen gegen den Papst schuldig gemacht haben." Ich habe mit besonderer Absicht den ganzen Satz mitgetheilt, damit man erfahre, daß der Verfasser auch die Echtheit des von den Juden Rom's verfaßten „Schriftstückes" bezweifeln möchte und die Undankbarkeit der Juden gegenüber der der Christen milder zu beurtheilen geneigt ist. — Ich aber werde mich ganz auf historischen Boden stellen, wobei jeder Zweifel ausgeschlossen ist, und die wirklichen Thatsachen im Lichte der geschichtlichen Wahrheit darstellen, damit der Herr Verfasser, und mit ihm alle Freunde der Wahrheit, das allein richtige Urtheil über diese vermeintliche Undankbarkeit der Juden Rom's sich bilden können. Es ist wahr, daß der Papst Pius IX. in den ersten Jahren seiner Regierung nationale Anwandlungen gezeigt hat, welche ihn auch zu einer humaneren, liberalen Behandlung der Juden im Ghetio führten. Man gestalte mir, hierüber Einiges aus meiner Schrift: „Aus den letzten Tagen des! röm. Ghetto" (Berlin 1886) mitzutheilen:,, Pius IX. versicherte bald nach seinem Antritte einer israelitischen Deputation sein besonderes Wohlwollen, verfügte auch bald darauf, daß auch die Armen unter den Israeliten Antheil an den von ihm bestimmten Wohlthaten haben sollten, sorgte dafür, daß das vexatorische Verfahren ^welches mit dem Ghettozwange verbunden war, aufhöre, so daß sogar einige angesehene Israeliten sich ungestört außerhalb des Ghetto ansiedeln konnten, und ließ am Tage der Amnestie auch den jüdischen Armen im Ghetto außer einer bedeutenden Quantität Brod auch eine Summe von 300 Scudi zustellen. Dafür nahmen auch die Juden Theil an dem Enthusiasmus, mit dem der neue Papst überall gefeiert wurde. Dr. Moise Finzi ließ ein poetisches Bild erscheinen, worin es heißt: Dolo« in punir, in perdona nn dio, questa 6 la vera imagine di Pio. „Sanft im Bestrafen, ein Gott im Verzeihen, das ist das wahre Bild des Pius." Die jüdische Gemeinde in Rom überreichte ein reich verziertes Album, mit einem Gedichte in hebräischer, lateinischer und italienischer Sprache mit der hebräischen Aufschrift: •ran tjjh n^>yjm Ntm "ivb'dkh rbyin wb tz« tjb man nan» iba nwyoa Tom D3nn r6n:6 wn nijrjaa rwan »ona nacr n^np ma^o "nn .nrao ntwDi nnora maiy «im rftvu Noch in demselben Jahre — zu Ende 1846 — trat das ganze Elend des Ghetto vor Augen! Es stieg der Tiberfluß bis über das erste Stockwerk der Häuser im Ghetto. Man mußte die Bewohner derselben mit Booten aus den Wohnungen holen. Der neue Papst fühlte hierbei ein menschliches Rühren; es wurde als ein Gnadenakt defselben bezeichnet, daß er die Erlaubniß ertheilt hatte, die Unglücklichen dürften außerhalb ihres Quartiers (das sonst jeden Abend bei einbrechender Nacht mit eisernen Thoren verschlossen wurde), so lange in dem christlichen Rom zerstreut leben, bis die Wasser sich verlaufen haben und die Häuser völlig ausgetrocknet sein würden. Ein neuer Gnadenakt erfolgte im Februar 1847; der Papst schaffte die entwürdigende Ceremonie ab, mit der die israelitische Gemeinde am ersten Carnevalstage auf dem Capitol den Tribut von 800 Skudi knieend zu überreichen hatte, zugleich um fernere Duldung für das kommende Jahr bittend. Mit einem Fußtritt, wenn auch nur in effigie, begleitete der Senator die nachgesuchte Erlaubniß. Pius IX. schaffte — nicht den Tribut aber die die schimpfliche Art ab, mit der er bisher alljährlich überreicht werden mußte. Noch Größeres sollte geschehen; es war im März des Jahres 1848