Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 99 (15.12.1892)
- Date
- 1892-12-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1905 so ist das allerdings bedauerlich. Es sollte aber die andern Juden, die nicht geduldet, sondern geachtet sein wollen, nur um so mehr veranlassen, jene politischen Richtungen mit allem Nachdruck zu bekämpfen, die ihnen nur ein Titelchen von ihren staatsbürgerlichen Rechten nehmen wollen. Denn im politischen Leben wird nur der respektirt, der sich keinerlei Ungerechtigkeit gefallen läßt." Berlin. In der Stöckerschen Kirchenzeitung wirft ein evangelischer, der positiven Richtung angehöriger Geistlicher, Apfelstedt zu Leubnitz bei Dresden, die Frage auf, ob man als Christ Antisemit sein könne. Ec weist in seiner Antwort auf das „Treiben, Agitiren und Hetzen" der Antisemiten hin und kommt zu einer entschiedenen Verurteilung derselben und ihrer Vereine. Er erklärt, daß die Grundsätze derselben sich mit wahrem Christenthum nicht vertragen, weil sie sich thatsächlich — trotz ihrer Bemäntelung — gegen die Juden als Juden richten und die Verfolgung und Vertreibung derselben fordern. Das sei aber nicht der Geist des Stifters der christl. Religion. Daß solche Erklärungen von evangelischen Pastoren Herrn Stöcker nicht passen, ist ja natürlich; immerhin ist es aber interessant und zugleich dankenswerth, daß evangelische Geistliche derart offen jedem antisemitischen Unwesen entgegentreten. Und das um so mehr, wenn es nun gar in dem Leiborgan des Herrn Stöcker geschieht. „Helfe jeder Christ" — so schließt der genannte Geistliche seine Auseinandersetzungen —, „daß es keinen Antisemiten nach der Art der jetzigen Vereine mehr gebe." Berlin, 13. Dez. Die meisten Morgenblätter erkennen in den gestrigen Reden Caprivi's eine wohlüberlegte scharfe Absage an den antisemitisch gewordenen Theil der Konservativen. Die „Vossische Ztg." meint, wenn Caprivi keinen dunkleren Tag. wie den.' gestrigen erfahren hätte, so dürfte man ihm noch eine lange Amtszeit Voraussagen; denn mit seinem gestrigen Auftreten werde die Mehrheit des deutschen Volkes einverstanden sein. Die „Nationalztg." meint, die klare Stellungnahme der Reichsregierung, zu der die preußische Regierung schon früher Anlaß gehabt hätte, werde auf die weitere Entwickelung im konservativen Lager wirken. Die„Krztg>" schreibt: Ahlwardthabeüber die Alliance Jsraelite zwar allerhand Unbeweisbares, an sich Unwahrscheinliches vorgebracht; es fehle aber doch nicht an Anzeichen, daß die Leitung der gesammten jüdischen Interessen von einem Centralpunkt ausgehe. Einen Beweis dafür erblickt das genannte Blatt darin, daß die genannte Centralleitung jetzt die Konservativen wegen ihres Parteitages an den Pranger zu stellen suche. Das Volk aber werde sich dadurch nicht beirren lassen. Auch die Regierung sollte das beherzigen und aus der Haltung der Judenpresse erkennen, wessen Geschäfte sie besorge, wenn sie, wie gestern Caprivi, gegen den konservativen Parteitag verstoße. Es fehlt blos noch, daß die „Kreuzztg." Caprivi als einen Beauftragten der Alliance Jsraelite hinstellt. Berlin. (Zur antisemitischen Agitation.) Der „Hannöv. Courier" läßt sich von hier Folgendes melden: „Aus Anlaß der Erfahrungen, die neuerdings mit den verschiedenen Fällen Ahlwardt gemacht worden sind, ist an maßgebendster Stelle in Frage gekommen, ob es richtig sein möchte, der antisemitischen Agitation gegenüber in der bisherigen Weise auf dem Standpunkte des Gehen- und Geschehenlassens zu beharren. Ganz besonders anstößig wird nach wie vor und nicht nur von jüdischer Seite, sondern von allen den Elementen der Bevölkerung, die im besten Sinne des Wortes zu den ordnungsliebenden zählen, die Art und Weise gefunden, wie auf öffentlicher Straße Broschüren und Bilder, die sich speziell gegen die Juden richten und dementsprechend auch schon in ihrem Titel etwas Aggressives haben, ausgeschrieen werden können. Es darf mit ziemlicher Sicherheit darauf gerechnet werden, daß solchem Unfug in Zukunft wird gesteuert werden. Andererseits ist auch davon die Rede, daß von jüdischer Seite eine Ermahnung an die jüdischen Bewohner Deutschlands werde gerichtet werden, sich aller solcher Handlungen und Aeußerungen zu enthalten, welche auf nichtjüdischer Seite Anstoß erregen und der antisemitischen Propaganda neue Nahrung zuführen möchte. Man sieht den bezüglichen Kundgebungen, von denen man sich einen günstigen Einfluß auf die zukünftige Gestaltung des Verhältnisses der verschiedenen Bevölkerungsklassen, die hier in Frage kommen, verspricht, in Bälde entgegen. Cassel. „Die deutsche Wacht", die Vertreterin des „nationalen Deutschthums", ist eben wieder bei der Arbeit, die deutsche Justiz mit Schmutz zu bewerfen. Sie leistet sich in ihrer Nr. 49 v. 4. Dez. folgenden Passus: Wie man auch über die Ausrüstung unseres Heeres mit Judenflinten denken möge, soviel wird man zugeben müssen, daß die alten klassischen Wächter unserer Wehrkräfte nicht in jüdische Fabriken gelaufen wären. Der soeben begonnene Prozeß gegen Ahlwardt rührt diese traurige Angelegenheit wieder bis auf den Grund auf. Interessant ist der Prozeß insofern schon, als der erste Staatsanwalt schon von vornherein alle Behauptungen Ahlwardts für Erfindungen erklärte. Auch im Buschhoffprozesse wurde der Ausgang gleich zu Anfang verkündet: Buschhoff — dies Kind — kein Engel ist so rein! —