Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 98 (12.12.1892)
- Date
- 1892-12-12
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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1391 eine antisemitisch-demagogische. Der ganze Parteitag, an dem etwa 1200 Personen aus allen Theilen des Landes Teilnahmen, ist in der Hauptsache nichts Anderes, als eine begeisterte Kundgebung für den Antisemitismus, deren Grad und Charakter durch die wiederholten stürmischen Hochrufe auf Ahlwardt ganz zweifelsfrei klargestellt wird. Alles Andere, worüber noch gesprochen wurde, die Berührung der wirthschaftlichen Fragen, die Stellung zur Sozialdemokratie war nach Inhalt und Umfang nur Beiwerk. Die ganzen Berathung des erweiterten Programms drehte sich nur um den einen Punkt, die Judenfrage. Die Streichung des Satzes in dem Entwurf, welcher die Ausschreitungen des Antisemitismus verwirft, wurde ebenso heftig wie energisch von den meisten Rednern verlangt. Gegen den antisemitischen Theil des Programms sprach sich u- Ä. Herr v. Diest-Daber aus. Er verlangte eine vermittelnde Stellung. Ein Herr Ulrich aus Chemnitz erklärte rund und nett, die Konservation müßten demagogischer auftreten und die Fahne des Antisemitismus Hochhalten so lange, bis die Juden so klein feien, wie sie jetzt groß find. Diese Worte entfesselten minutenlangen Beifall, der auch Herrn Rechtsanwalt Klasing au? Bielefeld zu Theil wurde, als er erklärte, der Todfeind des Konservatismus sei das Judenthum und das Volk lechze darnach, daß die Konservativen die Führung des Antisemitismus übernehmen. Dieser Herr war noch so klug, zu versichern, die Konservativen brauchten sich nicht mit den Antisemiten zu vermischen und sich auch nicht gewisse Personen an die Rockschoße hängen zu lassen. Die späteren Redner gingen viel weiter. Sie hängten sich direct an die Rockschöße Ahlwardt's und es wurde stürmisch bejubelt, als der konservative Kandidat aus Arnswalde, Herr v. Waldow, und ein Rechtsanwalt ans derselben Stadt versicherten, sie hätten in der Stichwahl für Ahlwardt gestimmt. Am Entschiedensten gegen den Antisemitismus sprach sich ein Kammerherr von Blumenthal aus. Er verwarf die Programmforderungen der Antisemiten ebenso wie ihre Agitationsweise. Man könne nicht konservativ sein und einen Ahlwardt wählen. Dieser Redner wurde wiederholt niedergelärmt, namentlich durch Hochrufe auf Ahlwardt; der Vorsitzende mußte zu seinen Gunsten interveniren. Die Streichung des Passus, welcher die Ausschreitungen des Antisemitismus verwirft, wurde mit Begeisterung vollzogen, und in derselben Stimmung verlief der ganze Parteitag, der eigentlich eine große Verherrlichung Ahlwardt's darstellt. Theilgenommen baben u. A. der Hausminister v. Wedel, der Reichstags-Präsident von Levetzow und Graf Eulenburq-Prassen. Die konservativen Abgeordneten waren fast alle anwesend mit Ausnahme der Herren, die zum Helldorff'schen Flügel gehören und die folgende Erklärung verlesen ließen: „Die Fraktion der deutschen Konservativen des Reichstags hat widerspruchslos den Beschluß gefaßt: 1) An dem bisherigen Programm festzuhalten, 2) den Vorstand der Wahlmänner der deutschen Konservativen zu ersuchen, dem Parteitage eine Erklärung vorzulegen, in der Stellung zu den konkreten, zur Zeit das öffentliche Leben beherrschenden Fragen zu nehmen ist. Wir erklären, daß wir auch auf diesem Standpunkt verharren, demzufolge wir an dem Programme von 1876 festhalten und den dem Parteitage vorzulegenden Entwurf lediglich als den Entwurf einer Erklärung zu den gegenwärtig das öffentliche Leben beherrschenden Fragen betrachten." Unterschrieben ist dieselbe von Ackermann, Graf Douglas, Helldorff, v. Flügge, Schier, v. Steinrück, Klemm, GrafSaldern- Ahlimb, Holleufer, v. Gerlach, Dodillet, v. Weisberg, Graf Kleist-Schmenzin, Graf Schlieffen-Schwandt, Uhden, Cork- Minden, Graf Holstein, Hultzsch, Tr. Hartmann-Plauen. Berlin, 9. Dec. Die Tivoli-Hallen erdröhnten heute wieder unter dem Toben der Brand- und Schandreden conservatioer Judenfeinde. Gift und Galle sprühten nach allen Richtungen hin. Man merkte es den Rednern an, daß die verlorene Schlacht, die im Moabiter Justizplatz so rühmlos geendet, sie bis zur höchsten Erbitterung getrieben hat. Man erfuhr aber auch, daß es den Rednern sowohl wie der großen Versammlung bitterer Ernst sei, und daß hier nicht leeres Waffengeklirr erdröhne. — Ein Redner verstieg sich zu der infamen Lüge, die Juden die Todfeinde der Eonservativen zu nennen. Der Kammerherr v. Blumenthal, der gegen den Antisemitismus plaidirte, wurde Niedergeschrieen, und ein Rechtsanwalt, der den Muth hatte, öffentlich einzugestehen, daß er für Ahlwardt gestimmt, wurde mit einer Beifallssalve begrüßt. Wir dürfen unS nicht verhehlen, daß diese Symptome der Verrohung und Verwilderung höchst gefährlicher Natur sind. Das jüdische Volk untersteht trotz der Behauptung der Antisemiten keiner einheitlichen Leitung. Wir können nicht wissen, wohin dieser verbitterte Kampf, der nunmehr auch von dieser Seite gegen Inden und Judenthum losbricht, führen wird. Daß diese Sorte Conservatioer den tiefsten Groll gegen uns hegt, daß sie uns in die mittelalterlichen Ghettis hineinwünschen, um für sich das alte Raubritterthum zurückzuerobern, das war uns längst bekannt. Wir hofften jedoch, daß die Liebe zu dem gemeinsamen Vaterlande ihnen Reserve auferlegen wird, daß sie, um des drohenden Unheils willen, sich bezähmen und die Hyänenwuth bändigen würden. Leider sind unsere Hoffnungen getäuscht worden. Der schäumenden See gleich brach die entfesselte Wuth heute hervor, mir graute ganz entsetzlich vor den drohenden Gestalten, ich eilte von dannen und verrichtete mit ganz besonderer Andacht mein Minchahgebet und betete in tiefster Inbrunst: mpn ’nn DW?o^. Möge es den Verleumdern nie und nimmer gelingen, ihr schmachvolles Ziel zu erreichen.' Aber mögen auch wir auf der Hut sein, denn der Feind ist mächtig und kennt kein Erbarmen!! Telegramm. Berlin. Auf die Interpellation der nationalliberalen Abgeordneten Buhl und Marquardsen erklärte der Reichskanzler, daß das deutsche Jnfanteriegewehr im Modell und Ausführung ein durchaus gutes sei und allen heutigen Anforderungen entspreche. Im ganzen Umfange gelte dies auch füi die von der Firma Löwe gelieferten Gewehre. Worms. Wer das bedeutende Werk des Hofraths Schneider über Kaiser Wilhelm I. gelesen, der wird staunen, wie hervorragend thätig der selige Abgeordnete Las ke r vor der Entstehung des deutschen Reiches gewesen. Nimmt man noch