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Der Israelit · 1892-12-12 · Heft 98 (12.12.1892) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 98 (12.12.1892)
Date
1892-12-12
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1889 beginnt der Erste Staatsanwalt fein überaus glänzendes Plaidoyer, das mit folgenden Worten schließt: Gegen Lowe und Kühne ist gar nichts Belastendes zu Tage gefördert worden, besonders gegen Lowe ist kein einziger Zeuge ausgetreten und gerade gegen diesen Mann, den einzigen Juden, wendet sich der Inhalt der Broschüre. Als gegen Lowe nichts mehr anzubringen war, da konzentrirte sich der ganze Haß gegen Kühne. Die Unregelmäßigkeiten, die in der Lowe'schen Fabrik vorgekommen sind, mögen den Inhabern zur Warnung dienen, sie werden in Zukunft noch vorsichtiger sein, wie bisher Außerdem hatten die Nebenkläger gar kein Interesse daran, die Unregelmäßigkeiten zu dulden, sie hatte nur ein Interesse daran, gute Gewehre zu liefern. Man sehe sich doch die Persönlichkeit des Kühne an. Ein Mann, der seit einer langen Reihe von Jahren dem Offizierkorps angehörte, der mit Ehren seinen Abschied nahm, der sollte ein Landesverräther sein, er sollte den Leuten, die er früher kommandirt, ein Gewehr in die Hand geben, das sich gegen die Träger richtet, er sollte unsere ruhmreiche Hohenzollern-Dynastie zu Grunde richten wollen? Ich halte es einfach für unmöglich. ES ist kein Zweifel, der Angeklagte hat durch seine Behauptungen das Vertrauen zu unserer Heeresverwaltung stark erschüttert, die Disziplin in unserem Heere untergraben, das Vertrauen des deutschen Soldaten zu seiner Waffe stark erschüttert. Ja, die Behauptungen des Angeklagten sind geeignet, das Ansehen der deutschen Armee im Auslande herabzusetzen. Der Angeklagte nennt sich mit Vorliebe Patriot, betont mit besonderer Vorliebe seinen Patriotismus, seine Liebe zu Kaiser und Reich. Das Vorgehen des Angeklagten ist das gerade Gegentheil von Patriotismus. Aber trotzdem befürchte ich, der Angeklagte wird mit seinen Verleumdungen nicht aufhoren. Was dann die weiteren Behauptungen über die den Herren Jansen und Thormälen und der Zintgraff'schen Expedition gelieferten schlechten Gewehre betrifft, so haben wir ja gesehen, wie es damit steht. Es erübrigt sich jedes Wort dazu. Dann ist der Angeklagte mit einem großen Coup gekommen und hat hier eine Anzahl von Dokumenten überreicht, die ihn entlasten sollten. Ich hatte einen Blick in diese Schriftstücke geworfen, und da ich die verblüffende Thatsache sah, daß es sich wirklich um amtliche Schriftstücke handelte, habe ich es für meine Pflicht gehalten, für diesen Theil den Antrag auf Ausschluß der Oesientlichkeit zu stellen. Daraus sind dann in der Presse des In- und Auslandes die unsinnigsten und unrichtigsten Schlüsse gezogen worden und namentlich im Auslande hat diese Thatsache großes Erstaunen hervorgerufen. Mir liegen hier beispielsweise französische Preßstimmen vor, welche sagen: Seht, da habt ihr ja einen deutschen Panama-Skandal und ihr seht, wie schlecht die deutsche Heeresverwaltung dasteht. Und was hat sich ergeben, als di^ Sache nochmals in der Oeffentlichkeit verhandelt wurde? Nichts! gar Nichts! Der Mann, der dem Angeklagten die gestohlenen Schriftstücke zugestellt hat, hat demselben den denkbar schlechtesten Dienst geleistet. Was hat sich herausgestellt? Von etwa 900 Gewehren sind nach einer Landwehrübung etwa 500 reparaturbedürftig gewesen. Wenn man blos Zahlen ansieht, mag dies ja auffällig erscheinen; jeder aber, der Soldat gewesen ist, weiß, , daß nach solchen Uebungen auch die allerminimalsten Dinge 1 nicht durchgehen. Die Thalsache, daß 69 Kammern defekt waren, hat zu Recherchen Veranlassung gegeben und es hat sich gezeigt, daß bei vier der hierher übersandten Kammern Spuren äußerer Gewalt sichtbar waren. Es läßt sich ja denken, daß bei dieser Verhetzung auch die Landwehrleute ergriffen sein können, daß durch solche Schandschrift auch die Disziplin gefährdet wird und daß es danach wohl nicht undenkbar ist, daß die Kammern gewaltsam abgeschlagen worden seien. Ein verständnißvolles Publikum wird es als selbstverständlich finden, daß bei so großer Zahl von Gewehren Reparaturen nothwendig werden. Der ganze Vorgang hat, wie gesagt, im Auslande die wahnwitzigsten Gerüchte gezeitigt. So sollen angeblich fünf Obersten berichtet haben, daß die Waffen nicht brauchbar sind, die vernommenen Generäle sollen „durch 146 Zeugen" des Meineides überführt worden sein und was solchen blödsinnigen Zeugs mehr ist. Was die auswärtige Presse an diesen Vorgang geknüpft hat, ist absolut unsinnig. Ich komme jetzt zu den positiven Beweisstücken, aus denen sich ergiebt, daß die Behauptungen des Angeklagten unwahr sind. Da haben wir zunächst die vorgenommenen Proben. Es steht allerdings fest, daß nicht sämmtliche 425 000 Gewehre geprobt worden sind, aber sollen wir denn erst einen Krieg abwarten, um dies thun zu können? Eine große Anzahl Gewehre ist herausgegriffen worden und damit wurden in der ausgiebigsten Weise Proben angestellt. Der Untersuchungsrichter hat verschiedene Gewehre herausgreifen lassen, es wurden damit bis zu 500 Schüsse abgegeben, ohne daß eins der Gewehre reparaturbedürftig geworden wäre. Ferner sind im Aufträge des Kriegsministeriums 5000 Löwe'sche Gewehre geprobt worden, zugleich mit 5000 Gewehren aus der spandauer Fabrik. Es hat sich herausgestellt, daß sämmtliche Löwe.sche Gewehre noch intakt geblieben waren Der Staatsanwalt beantragte gegen den Angeklagten ein Jahr sechs Monate Gefängniß, PublikationSbefugniß für die Nebenkläger, die beleidigten Büchsenmacher ic. Nun wollte Ahlwardt gern zu Worte kommen, der Präsident aber forderte zunächst den einen Vertreter 'der Nebenkläger, Justizrath Gerth, auf, zu plaidiren. Justizrath Gerth, ein alter Herr mit kahlem, von weißlockfgeüt Haar umrahmten Haupt, gesunder, röthlicher Gesichtsfarbe, weißem, nach unten gewöhnten Schnurrbart und Brille, betonte zunächst die Manchem vielleicht verwunderlich erschienene völlige Zurückhaltung der Nebenkläger während der Verhandlung. Dann geht er sehr ausführlich auf die einzelnen Vorwürfe, die man dem Loewe'schen Fabrikbetriebe gemacht, ein. Er hat den rechten Fuß auf die zum Richtertisch hinaufführenden Stufen gestellt und spricht etwas in der rhetorischen Art, mit Vor- und Rückbeugen deS..Ob-.r? körpers und vielen ausdrucksvollen Armbewegungen. Während des ganzen Plaidoyers spricht er direct zum Gerichtshof hin und ist dadurch gezwungen, den übrigen im Saale Anwesenden den Rücken zuzuwenden. Dann folgt das Plaidoyer des Rechtsanwalts Munckel. Die Rede war, trotz ihrer Kürze, das oratorische Meisterstück des Tages, und wir geben sie ihrem Hauptinhalt nach wieder: Munckel schilderte die Zeugen, auf Grund deren Aussage Ahlwardt seine Broschüre geschrieben, und das Zustandekommen dieser Broschüre: „Die Treue dieser Zeugen wird uns gerühmt. Die „Ahlwardt-Treuen" will ich sie einmal nennen. Für diese Treuen existirt ein Komitee. Das Komitee gab Geld — man gab Druckarbeiten — die Sache war organisirt. In der Broschüre werden aus den Aussagen der Gewährsmänner die ungeheuersten Schlüsse gezogen. Der Angeklagte hätte diese Schlüsse gar nicht ziehen können, wenn er nicht von einer Beschimpfung ausgegangen wäre, die für uns gar keine Beschimpfung ist: daß nämlich Loewe ein Jude ist, und wenn er nicht — ebenso geschmackvoll wie wahr — behauptet hätte, Kühne hieß einmal Kohn. Daß ein Mensch, wie der Angeklagte, anständige Männer solcher Schlechtigkeiten, wie sie hier behauptet wurden, hat zeihen können, das wundert mich nicht. Man gleicht dem Geist, den man begreift. Alle diese Dinge waren derart, daß ein vernünftiger Mensch sie ja gar nicht glauben konnte. Und wer dergleichen las, der konnte wirklich nur auf den

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