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Der Israelit · 1892-12-12 · Heft 98 (12.12.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 98 (12.12.1892)
Date
1892-12-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1877 „Mein Vater benützte seinen Einfluß auf deu Fürsten nur dazu, in allen Fällen, wo es zu seiner Kenntniß gelangte, daß ein Angeklagter peinlich befragt werden sollte, dies zu verhindern und zur Ehre des Markgrafen muß ich es gestehen, daß, so lange mein Vater bei ihm in Gunst stand, er ihm nie eine Bitte abgeschlagen und mein Vater dadurch viele Justizmorde verhütet, vielen Unschuldigen, gräßliche, unverdiente Qualen erspart hatte. Der Markgraf erwies meinem Vater die hohe Ehre ihn in seinem Hanse in Fürth zu besuchen und sich auch seine Familie vorstellen zu lassen. Er fand großes Gefallen an mir und sprach den Wunsch aus, ich, damals ein siebzehnjähriger Jüngling, solle nach Ansbach kommen, so daß ich täglich im Schlosse erscheinen könnte. Der Fürst meinte, es könne sich feinem Wunsche um so weniger ein Hinderniß entgegenstellen, als ich ja bei meinem Onkel Elkan wohnen könnte. Mein Vater hatte sein ganzes großes Vermögen in Onkel Elkans Unternehmungen angelegt, und wenn er sich auch gar nicht um das Geschäft kümmerte, war er doch Theilhaber desselben. Er hatte mich für den Handelsstand bestimmt und ich sollte, wenn ich älter und reifer geworden, öffentlicherGesellschafter desOnkels werden, was nebenbei bemerkt, auch später in der That der Fall war. Es stand daher dem Wunsche des Markgrafen nichts entgegen. Ich würde die volle Wahrheit verhehlen, wenn ich verschwiege, daß sich Markgraf Friedrich Wilhelm, damals mir gegenüber stets gütig und wohlwollend benommen. Ich mußte, wenn mich nicht unaufschiebbare Geschäfte davon abhielten, täglich im Schlosse erscheinen, ich wurde oft zu den intimen Zirkeln des Markgrafen befohlen und cs fiel ihm nie ein, mich aufzufordern von den Speisen, die mir durch das Religionsgesetz verboten waren, zu genießen. Bald bot sich mir Gelegenheit dem Markgrafen meine Dankbarkeit zu beweisen Er hatte von dem König von Schweden einen jungen Bären zum Geschenk erhalten, den er so gezähmt hatte, daß er ihn, zum Schrecken aller Fremden, die den Hof besuchten, frei wie einen Jagdhund im Schlosse herumlaufen ließ. Das Thier war in der That gegen jeden, den es näher kannte, zutraulich, aß dem Markgrafen und mir aus den Händen und hörte auf den Namen Ali Baba, den ihm der Fürst beigelegt. Auch war er so gut dressirt, daß es auch andern Hausthieren nichts zu Leide that, der Art, daß man glaubte, es hätte seine angeborenen Eigenschaften abgelegt. Ich konnte jederzeit unangemeldet bei dem Markgrafen erscheinen. Eines Tages übertrat ich in einem entscheidenden Momente die Schwelle seines Kabinetes, in welchem er sich mit Ali Baba allein befand. Friedrich Wilhelm hatte, zu sehr auf die Dressur und anerzogene Milde des Thiercs, das sich bisher kleine Neckereien gutmüthig gefallen ließ, bauend, es hmte zu sehr gereizt, dem hungrigen Bären Leckerbissen gereicht und als er nach diesen schnappen wollte, dieselben weggezogen, so daß endlich seine angeborene Wildheit doch hervorbrach. Er hatte sich plötzlich auf den Markgrafen gestürzt, ihn zu Boden geworfen und war eben im Begriffe ihn zu zerfleischen. Wenn ich den Markgrafen retten, ihn aus seiner furchtbaren Lage befreien wollte, durfte ich nicht eine Sekunde zögern; ich sprang zu dem Tische, auf dem eine Reitpeitsche lag, und versetzte mit derselben dem Bären einen empfindlichen Stretch auf dessen Rücken. Ali Baba ließ sofort von dem Markgrafen ab, sprang mit einem mächtigen Satz auf mich los und schlug mich mit seiner Tatze so kräftig auf den Kopf, daß mir die Sinne schwanden und ich blutüberströmt zu Boden sank. Der Markgraf rief rasch seine Diener herbei, die mich von dem wüthenden .Thiere befreiten, das mich sonst in Stücke gerissen hätte. Als ich zum Bewußtsein erwachte, befand ich mich in einem Bette, an dem Friedrich Wilhelm, dessen Leibarzt und mein Onkel Elkan Fränkel, den der Markgraf ins Schloß hatte rufen lassen, standen. Ich fühlte an der Stirne einen heftigen Schmerz, der Bär hatte mir die Stirnhaut abgerissen. Ich hatte mehrere Stunden stark gefiebert; der Markgraf hatte für mein Leben gefürchtet und war glücklich, als sein Leibarzt erklärte, daß keine Gefahr vorhanden, daß ich in wenigen Tagen vollständig hergestellt sein würde. Friedrich Wilhelm ist ein Egoist, der es nicht begreifen kann, daß ein Mensch sein eigenes Leben, um das eines Andern zu retten, einsetzt und in überströmendem Gefühle, warf er sich über mich, küßte mich und beschwor es mit den höchsten Eiden, daß er mir diese That bis zu seiner letzten Stunde nicht vergessen werde." „Er war Ihnen auch in der That zu höchstem Danke verpflichtet", meinte Wertheimer. „Ich hatte im täglichen Verkehre mit dem Markgrafen Gelegenheit ihn genau kennen zu lernen und trotzdem er mich persönlich mit Wohlwollen und Güte überhäufte, vermochte er mir doch keine Sympathien einzuflößen. Er war zu unbeständig, er ließ sich von den unbedeutendsten, nebensächlichsten Umständen beeinfluffen. Wer bei ihm heute in höchster Gunst stand, konnte am nächsten Tage in höchste Ungnade fallen, wen er heute als seinen treuesten, ergebensten Freund bezeichuete, den konnte er am nächsten Tage als Hochverräter in einen dunkeln, unterirdischen Kerker werfen und dort erbarmungslos verfaulen lassen. Er wurde nur von seinen momentanen Stimmungen beherrscht, er be-

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