Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 98 (12.12.1892)
- Date
- 1892-12-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1872 die übergroße Mehrzahl versteht das Hebräische nicht mehr und deßhalb mutz hier in erster Reihe Wandel geschaffen werden." Soweit Herr X.l Welch' überwältigende Komik entwickelt er nicht, um mit dem Ende anzufangen, in dem letzten Satze. Die „Jungen" kennen kein Hebräisch mehr, trotz Kirchenrath; sie verstehen daher die Gebete nicht, die „voll ethischen Inhalts und von klassischem Werthe sind"; hier „muß in erster Reihe Wandel geschaffen werden", sagt Herr X., und nun meinst Du, lieber Leser, Herr X. plaidire für bessere Unterweisung der „Jungen", damit sie den ethischen Inhalt der Gebete begreifen, ihren klassischen Werth schätzen lernen. Doch weit gefehlt, verehrter Leser! Das ist ja gerade der Scherz, den Herr X. beabsichtigt, daß er den Teufel mit Belzebub austreiben, dem bösen Ende einen gleichwertigen Anfang geben will; kurz und gut, Herr X. meint, daß um der ungeratenen „Jungen" willen — es ist zu spaßhaft! — die hebräischen Gebete aus der Synagoge verbannt werden müssen! „Neben diesen", so orakelt Herr X. weiter, Jtnb es noch viele andere Dinge, auf die wir hier nicht näher eingehen wollen, aber lauter Punkte, die sich ebenfalls auf den Gottesdienst beziehen, und wodurch unser religiöses Leben, wenn gebührend berücksichtigt, nur gehoben werden kann." Der Leser wird verwundert nach den „Punkten, die sich auf den Gottesdienst beziehen", suchen, die im Sinne des Herrn X. noch einer „Berücksichtigung" bedürfen. Örgelgesang, Weiberklang und deutsche Gebete, das sind doch eigentlich die einzigen positiven Gebilde, die die erfinderische Geisteskraft unseres ganzen Reformatoren-Heerbannes bisher geschaffen hat; sie alle sind in Württemberg, Dank der Versteinerung und Versumpfung des religiösen Lebens unter dem kirchenräthlichen Regime, wo immer es anging, eingeführt; wo in aller Welt sind also noch berücksichtigenswerthe „Punkte" zu finden. Oder rechnet vielleicht Herr X. die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag, die er doch wohl schamhaft andeutet, etwa auch unter die „gottesdienstlichen Punkte"? Oder etwa die Erlaubnitz, daß württembergische Rabbiner künftighin ungestört am Sabbat ihr Pfeiflein schmauchen dürfen? Soviel Worte, soviel Fragen: Herr X. ist eben nicht nur ein trefflicher Humorist, sondern besitzt auch in wunderbarer Weise die Gabe, scherzhafte Räthsel aufzugeben. Rührend ist dabei die Bescheidenheit, mit der der herrliche Mann zugesteht, daß diese „gerechten Forderungen" nicht etwa von ihm allein erhoben, sondern „schon längst von dem großen Theile (!) unserer Geistlichen gewürdigt werden." Da scheint ja in der württembergischen Geistlichkeit der Humor stark vertreten zu sein! Indessen, der beste Witz kommt noch. Heil und Hilfe erwartet Herr X. von einem zukünftigen Oberrabbiner, der nicht nur das gehörige Wissen, sondern auch die nöthige Autorität und Energie besitzt." Risum teneatis amici! Also ein Wissen ist nöthig, um die Pläne zur Durchführung zu bringen, die des Herrn X. untadelig Gemüth birgt? Wüßten wir nicht, daß wir es hier mit einem freien Scherz zu thun haben, wir würden uns bemühen, dem Herrn Einsender an der Hand der Erfahrung und mit Hilfe der nüchternsten Logik zu beweisen, daß die geschicktesten und brauchbarsten Reformhelden immer die waren, die das Wissen am Wenigsten bedrückte, und daß das radikalere Durchgreifen der Herren immer in dem gegebenen Verhältnisse zu dem größeren oder geringeren Grade ihrer Unwissenheit stand. Die Tage, wo es als Zeichen des Könnens galt, wo Wissen erforderlich war, um „den Raben weißzuwaschen", fallen nicht unter die Kreise der „Reform"; ihre Helden — zu ihren Ehren sei es gesagt — erlaubten sich und Anderen das Verbotene zum allergrößten Theile nicht wider besseres Wissen, sondern ohne Wissen. Doch wozu der Eifer? Vergessen wir nicht, daß hier gescherzt wird! Wir haben im Vorstehenden unseren Lesern ein Blättlern unfreiwilliger Komik, gepflückt auf den Gefilden der Ruhe, der Ruhe allerdings, des Grabes, die nun einmal das religiöse Leben Württembergs umfangen hält, überreicht. Nicht zur Erheiterung wahrlich, dazu ist die Sache zu ernst, sondern um ihnen ein Warnungssignal dahin zu geben, daß unter dieser Todesstarre, wenigstens auf Seiten der Gegner ein Rühren und Regen beginnt. Die Aluka schreit ihr Haw, Haw noch heute und die Reform glaubt erst dann ihr Werk gründlich gethan, wenn ihr krankes Judenthum zu Tode kurirt ist. Lernen wir von unseren Gegnern! Erheben auch wir unsere Stimme, um darzuthun, welche Früchte auf religiösem Gebiete das viele Dezennien lange Verwalten der Reform gezeitigt hat! Die Kräfte sammeln, ihre Summe sich selbst zum Bewußtsein bringen, das ist das erste Erforderniß des Kampfes, die Vorbedingung des Sieges. Zeitungsnachrichten und Correfpondenze«. Deutschland. Berlin, 7. Dec. Der Sieg Ahlwardt's ist der Staatsbürgerzeitung zu Kopf gestiegen, sie macht vor Freude die tollsten Bocksprünge. Sie möchte gern jeden einzelnen der märkischen Bauern, die für Ahlwardt stimmten, an ihr edles Herz drücken. In