Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-12-12 · Heft 98 (12.12.1892) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 98 (12.12.1892)
Date
1892-12-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448310--35357-2483338
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

M 98 xxxm. Jahrgang. Der Israelit. Ein ^entrat-Hrgan für das orthodoxe Zudenlhum. Begründet von IZr. Lehmann in Mainz. Montag, den 12. Dezember 5653 (1892). Leitender Artikel. Unfreiwilliger Kumor. Unserer Zeit scheint — und wahrlich nicht zu ihrem Gewinne — die Gabe heiter sein zu können, an naiven Freuden sich zu ergötzen, abhanden gekommen zu sein. Die Jugend, deren schönstes Vorrecht es ehedem war, frisch-fröhlich ins Leben hinein zu schauen, und der man wohl auch gar recht gern einen kräftigen dummen Streich Nachsehen mochte, ist in der Schule der Stöcker, Ahlwardt und Treitschke so unsäglich klug geworden, daß für eine „reine Thorheit" kein Raum mehr geblieben zu'sein scheint. Die jugendhafte Unbesonnenheit ward von überklugem Streberthum, der manneswürdige Ernst von dumpf-stumpfer Verbissenheit abgelöst. Da ist es denn doppelt erfreulich, wenn zuweilen dies graue Elend durch einen herzhaften Spaß unterbrochen wird, der uns wieder in die entschwundenen Zeiten der Altvordern zurückversetzt, da das Lachen noch nicht verpönt und in der guten Gesellschaft vervehmt war, da ein lustiger Einfall belacht wurde, auch wenn ihm das jetzt erforderliche Raffinement abgiug. Mau fühlt sich dem Urheber eines derartigen Spasses nur um so mehr zu innigem Danke verpflichtet, daß er sieghaft der Modekrankheit des Weltschmerzes widerstanden und aus dem reinen Born seines kmdlichen Menrülhes sonnige Schätze hervorgeholt hat, die ssdie trüben Sorgenfalten auf aller Stirn wenigstens für Minuten zu glätten geeignet sind. Die Bekanntschaft eines solchen „braven Mannes" sei heute den geschätzien Lesern vermittelt. Des Biographen erste Pflicht ist allerdings gemeinhin die, die äußeren Lebensumstände seines Helden anschaulich zu schildern. Allein unsere Leser müssen in diesem Falle von dieser scheinbar unerläßlichen Vorbedingung absehcn; seinen Namen nennt weder Brockhaus, noch Meyer; ja seine Bescheidenheit geht soweit, daher sogar selbst sich uns nicht nannte; nur als „ein Israelit" aus Württemberg führte er sich ein, der in einem „Eingesandt" an die „Schwäbische Kronik", („des Schwäb. Merkurs zweite Abtheilung") sein Lichtlein leuchten läßt. Herr X., wie wir den herrlichen Mann daher nennen müssen, hat entdeckt, daß die Wahl eines neuen Kirchenraths für Württemberg, die demnächst in Folge Todes des Herrn v Wassermann stattzufinden hat, „bei dem heutzutage eingetretenen Jndifferentismus auf dem religiösen Gebiete im allgemeinen und ebenso bei den Israeliten eine doppelt verantwortungsvolle" sein muß. Wir könnten nun die humoristische Ader des Herrn X. schon hier entdecken, insofern als wir nach den bisherigen Erfahrungen wohl mit einigem Rechte behaupten dürften, daß der von den württembergischen Kirchenräthen geübte Jndifferentismus immer noch das Beste ist, was die Herren zu vergeben überhaupt im Stande sind. Es dürften sich sicherlich unter denen, die noch mehr als dem Namen nach Juden sind, wenige finden im Schwabenlande, die auf die Frage, ob sie den Jndifferentismus oder die Initiative der Herren v. Mai er und v. Wassermann wählen wollten, nicht gierig nach dem Jndifferentismus gegriffen hätten. Indessen, wie verlockend es sein mag, diesen Gedanken weiter auszuspinnen, so wollen wir doch lieber Herrn X. reden lassen. Die Schwierigkeit der Wahl liegt für ihn vielmehr in der Frage: „Welche Stellung hat das künftige geistliche Oberhaupt in Bezug auf die längst brennend gewordene Frage, auf die Reform des Gottesdienstes einzunehmen. Seit etwa 50 Jahren ist in dieser Richtung nichts Wesentliches mehr geschehen und doch sehnt sich der weitaus größte Theil der Israeliten nach einer zeitgemäßen Reform. Es ist dies ein gerechtes Verlangen mit besonderer Rücksicht auf das Heranwachsende Geschlecht. Wir müssen auf Grund unserer Vergangenheit, deren wir uns durchaus nicht zu schämen brauchen, unseren Gottesdienst so einrichten, daß das Heranwachsende Geschlecht ebenso gut wie unsere Alten daran theilnehmen kann. Andernfalls bleiben die Jungen unserem Gottesdienste fern und erkaltet in ihnen der Sinn für das Religiöse. Unsere hebräischen Gebete sind ja alle sehr schön, voll ethischen Inhalts und von wirklich klassischem Werthe; aber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.