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Der Israelit · 1892-12-08 · Heft 97 (8.12.1892) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 97 (8.12.1892)
Date
1892-12-08
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1866 über vorgekommene Reparaturen, wenn sie in die Oeffentlichkeit dringen, und deren Werth nur die militärischen Sachverständigen zu beurtheilen vermögen, unsachverständige Leute falsche Schlüffe ziehen könnten, so ist die Veröffentlichung solcher Dinge doch nicht ohne Weiteres zuzugestehen. Wenn es heißt, so und so viel Schlößchen sind unbrauchbar geworden, so kann vielleicht ein unsachverständiges Publikum sagen, die Gewehre seien unbrauchbar, was nicht der Fall ist." Wenn man aus dieser Debatte Schlüsse auf den Inhalt der Dokumente ziehen wollte, so wäre das natürlich ein ziemlich fragwürdiges Unterfangen. Aus gelegentlichen Aeußerungen, die im Laufe der Debatte fielen, darf man aber vielleicht schließen, daß diese Schriftstücke Dokumente des königlichen Artilleriedepots Wesel sind und zum Theil auf das Artillerie-Regiment Herzog von Braunschweig sich beziehen. Da sich Oberstlieutenant v. Gößnitz nach dem Kriegsministerium begeben hat, um die Meinung seiner Vorgesetzten Behörde über eine Wiederherstellung der Oeffentlichkeit auch bei diesem Theil der Verhandlung zn erfragen, so wird vielleicht der Schleier über diesen Ahlwardtschen „Beweisantrag" bald genug gelüftet. Der zweite interessante Augenblick der heutigen Vormittagsverhandlung war die Einbringung eines allerneueften Antrages von Seiten der Vertheidigung. Die Herren Loew e, Kühne und ein hoher Militär sollen in dem Chambre separee eims hiesigen eleganten Restaurants beleidigende nAe.vßerjrngen über die Militärverwaltung gethan haben. /.Müschek an der Wand waren Herr Gras v. H ohenthal, ..Mitglied des Herrenhauses, und Gemahlin, Herr v. Wackerbckrtch, der Reaktionär der schärfsten Tonart im Abgeordnetenhause, und Herr Paasch, der aus seinem eigenen ' Prozeß ja bekannt ist.. Obgleich der Präsident ganz richtig meinte, „wir können doch nicht alle Klatschnester aufsuchen", mußte schließlich doch dem Antrag auf Vorladung all dieser Zeugen und des Kriegsministers, bei welchem Graf Hohen- . thal die Beleidiger damals gleich denunzirt haben soll, entsprochen werden. Man sieht, der Prozeß nimmt immer mehr die Gestalt eines schönen Hintertreppenromans an. Und all diese Anträge, nur gemacht, um den Prozeß zu verschleppen, werden nach dem während der vieltägigen Verhandlung wohlbewährten Rezept tropfenweise eingebracht. Darum läßt sich nie mit Bestimmtheit sagen: morgen oder übermorgen geht der Prozeß zu Ende. Ahlwardt kann immer noch einen Pferdebahnkutscher oder eine Waschfrau oder vielleicht auch ein Herrenhausmitglied gefunden haben, aus deren Aussagen oder Mittheilungen sich ein neuer „Beweisantrag" Herstellen läßt. Nachdem noch Paasch, von dem der Vertheidiger erklärt hatte: „Der Mann steht draußen und brennt vor Begierde, vernommen zu werden," in sehr elegantem Anzug, den Cylinder in der Hand, aber ein wenig unsicher in seinem Auftreten, sich dem Gerichtshof vorgestellt hatte, wurde die Vernehmung der Angestellten der Loeweschen Fabrik fortgesetzt. Einen besonderen und nicht üblen Eindruck machte die Vernehmung des Tapezierers Fussel, der derb und frei von der Leber, als wenn's sich um eine Butterstolle handelte, in echtem Berlinisch aussagte: „Ick habe dem Roack jesagt, schreiben Sie doch, wie Sie's brauchen, ick unterschreibe." Man merkt's ihm an, er weiß gar nicht, daß er irgend etwas von besonderer Wichtigkeit gethan hat. „Der Anjeklagte hat mir jesagt, daß er die Juden wat am Zeug flicken will." Das hat ihm eingeleuchtet. Und als Herr v. Wackerbarth im christlichen Hospiz, in der Mohrenstraße, ihm drei Mark gegeben, ist er seelenvergnügt davongegangen. Die Diskussion mit den verschiedensten Zeugen und unter Hinzuziehung aller Sachverständigen über Putzen, Schmirgeln und Drücken verlor sich wieder ins Endlose. Dabei standen den Aussagen der Arbeiter, die sich in ihrer Ehre gekränkt fühlten, die Aussagen der militärischen Sachverständigen gegenüber. Der Meister Stangenberg ist klein, blaß, trägt blonden spitzen Voll- und Schnurrbart und spricht mit etwas schnarrender Stimme. Zeuge Ganz hat ein stark geröthetes Gesicht und einen gewaltigen militärischen Schnauzbart. An Heftigkeit der Bewegungen kommt er beinahe dem Arbeiter Raahaus gleich, demselben, der neulich einem anderen Zeugen Prügel anbot. Raahaus überstürzt sich in seinen Reden sofort, sobald er zu sprechen begonnen. Er wird furchtbar heftig und ist bei seinem thüringisch erfurterischen Dialekt schwer verständlich. Er ist als Gentlemen gekleidet und trägt eine weiße Kravatte. Einmal hantirt er derart leidenschaftlich mit dem vom Tisch genommenen Gewehr, daß der Staatsanwalt ihm sagen muß: „Schonen Sie die Büchse!" Der Werkzeugmeister Schur ich schaut aus wie eine Figur aus einem Arbeiter-Streikbilde, oder aus Zolas „Germinal". Er ist bleich, rothbärtig, sehr ruhig. Ahlwardt lehnt fast während der ganzen Verhandlung an dem Geländer der Zeugenbank stehend, möglichst vorgebeugt. Er kommt ununterbrochen mit neuen Zwischenfragen, beginnt langsam, süßlich, freundlich lächelnd zu sprechen und erhebt dann die Stimme wie in einer Volksversammlung. Manchmal glaubt man wirklich, er spreche nach Friedeberg- Arnswalde hinüber. Wenn der Präsident ihn unterbricht, pflegt er erst nach dem dritten oder vierten Zuruf darauf zu achten — er spricht ruhig weiter. — Zu verschiedenen Malen mußte der Präsident den Rektor uud seinen Vertheidiger wieder gebührend znrückweisen. Rach dem Zeugen Krähahn sucht man nun in Budapest. Hoffentlich wird er dort gesunden, sonst dürfte, wie der erste Staatsanwalt sagte, vielleicht gar noch beantragt werden, in Konstantinopel nach ihm zu forschen. Es ist heute übrigens bei der Diskussion über die Nachforschung nach diesem Zeugen von keiner Seite erwähnt worden, daß der Angeklagte selbst am Sonnabend erklärt hat, falls Krähahn am Montag früh nicht zur Stelle sei, verzichte er, Ahlwardt, auf diesen Zeugen. Am Nachmittage des sechsten Verhandlungstages wird Herr von Langen vernommen. Er berichtet von seinem Besuche beim Polizeipräsidenten, der bekanntlich ablehnte, in der Sache vorzugehen. Der Herr Polizeipräsident habe einen Blick auf die Broschüre geworfen und dann gesagt: „Das glaubt ja doch kein Mensch, was Ahlwardt schreibt." Bei weiterer Vernähme des Zeugen bemerkt noch der Gerichtspräsident: „Die ganze Veröffentlichung geschah in so eifriger Weise, daß bekanntlich ein großer Theil des Publikums auf den Straßen belästigt wurde und ich muß sagen, ich habe mich selbst darüber gewundert, daß so etwas möglich ist." Daß Ahlwardt mit der Broschüre vorher beim Kriegsminister war, stellt sich als unwahr heraus, er war nur beim Portier, dem er nicht mitgetheilt, was er wollte. Weiter berichtet Zeuge von Langen, daß er den Arbeitern, die den Stoff zu der Sensationsbroschüre geliefert, ca. 3000 Mark gegeben habe. Ahlwardt sucht stets nach neuen Mitteln, um die Sache zu verschleppen und wird dies vom Präsident sofort gerügt. Einmal ruft der Angeklagte: „Die untreuen Arbeiter werden in der Loewe'schen Fabrik behalten, die treuen aber fortgeschickt", worauf ihm der Präsident kategorisch erwiederr; „Unterlassen Sie diese Art von Bemerkungen! Der folgende Zeuge, Herr Marcotti ist auf Antrag des Rechts-Anwalts Munckel geladen. Derselbe hat im Aufträge des Fiskus die Lieferungen des Stahls für die königlichen Fabriken zu besorgen. Die Laufstäbe für die Löwe'scheu Gewehre sind ausschließlich in Suhl gebohrt und von dort an Löwe u. Co. geliefert worden._ Vermischtes. Ein Jude alsBefreier der Jesuiten. Wenn die „Germania", Mangel an interessantem

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