Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 97 (8.12.1892)
- Date
- 1892-12-08
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1865 eine gewisse Presse vermocht? Da schrieben deutschnationale antisemitische Blätter: „Kaum reden darf ich. W-mn scharst wird die Schneide der Zunge, so backt in das blutende Herz ein Adler mit schwarzgelben Gefieder." Das ist in Oesterreich gedruckt worden; die letzte Zeile mit gesperrten Lettern, und zwei Zeilen später: „Blauschwarz ist das Bose, blaßgelb ist der Neid " Ich wiederhole, das ist in Oesterreich gedruckt worden. lAbgeordneier Dr Geßmann: Von wem?) Von Ihrem Freunde, von Georg v. Schönerer. Der Abgeordnete Lueger hat in der Sitzung vom 22. gesagt (liest): „Abersehen Sie. ich kenne eine Geschichte von dem Splitter und dem Balken; freilich kommt diese Geschichte in einem Buche vor, das nicht mehr modern ist, aber sie ist sehr gut." Ich werde ihm anvertrauen, vielleicht wird er überrascht sein, diese Geschichte kommt nicht bloß im Evangelium, sondern auch im Talmud vor, hoffentlich wird die Moral dadurch in seinen Augen nicht verlieren. Er hat aber fortgesetzt (liest): „Meine Herren! Es ist sehr angenehm, sich selbst für unfehlbar zu halten und die anderen nach einem anderen Standpunkte zu messen. Aber wenn Sie schon die Güte haben, den Splitter in unserem Auge zu bemerken, so haben Sie auch die Güte, den Balken in Ihrem Auge zu sehen, und wenn Sie ihn nicht sehen wollen, so werden wir ihn Ihnen so stark herausziehen, daß Sie den Balken wenigstens beim Herausziehen fühlen werden." Am Jahrestage der Schlacht von Königgrätz haben die Anhänger Schönerer's einen Festcommers gegeben. Haben Sie schon im Parlamente gegen dieses unerhörte Auftreten protestirt? Sie kommen immer bloß fremde Sünden zu beichten, warum beichten Sie nicht einmal die Sünden Ihrer antisemitischen Genossen? Ihre Aufgabe ist es, solche Genossenschaften von sich abzuwälzen. In Nr. 11 der „Unverfälschten Deutschen Worte" von 1892 heißt es (liest): „Für die am 150 Gedenktage der Vereinigung eines Theiles von Schlesien mit dem Deutschen Reiche an mich gerichtete Grüße sage ich den Genossen besten Dank." Uriheilen Sie, meine Herren, über solchen Hochverrath! Schönerer ist unter'chrieben. (Rufe: Der geht uns nichts an!» Als am 19. November 1890 die Hochzeit im Allerhöchsten Kaiserhause stattfand, stand in demselben Blatte — das ist doch kein Judenblatt — im Briefkasten (liest): „Baden: Hoch Meierlied — Backfische sind uns lieber, als Bratfische." Urtheilen Sie darüber! Und in den „Unverfälschten Deutschen Worten" erklärte Landtagsabgeordneter Anton Baumann, daß er mit Herrn Schönerer einverstanden ist. daß er ihn als Vorbild betrachte, und Seine Durchlaucht Fürst Liechtenstein hat in dieser Woche eine Wählerversammlung zusammen mit dem Anton Baumann abgehalten. Sie sehen also, meine Herren, der Hochverrath, die Beschimpfung der österreichischen Kaisersahne, der schwarzgelben Fahne, das ist bei Ihnen gar nichts Böses. (Widerspruch aus der äußersten Linken.) Meine Herren! Ich habe'noch zum Capitel ..Reichsrath" ein Wort zu sprechen. Ueber die Stellung der Parteien zur antisemitischen Partei gilt es ein ernstesWort an die Herren Abgeordneten zu richten. Man glaubt von gewisser Seite, wenn man in Verlegenheit iü, nimmt man die parlamentarische Unterstützung aus jeder Hand, ohne sie zu besehen. Es dürfen aber nicht dauernde geistige Interessen darunter leiden und diese dauernden geistigen^Jnteressen, das sind die Interessen der Religion. Diese Herren Antisemiten nennen sich Christlich- Sociale. Die^ haben aber ein doppeltes Programm, ein Programm für die Oeffentlichkeit, ein Programm für die Vertrauten. Ich will es Ihnen beweisen. Ich habe hier einen gesammelten Band „Antisemitische Correspondenz". (Zeigt das Buch vor.) „Discret," „Wird nur an zuverlässige Parteigenossen versandt." (Heiterkeit.) Meine Herren! Was steht in dieser „Antisemitischen Correspondenz" als Programm in Bezug auf das Christenthum? Was wird „nur zuverlässigen Parteigenossen" erzählt? Meine Herren! Sie erlauben, daß ich es Ihnen vorlese. (Liest): „Das Christenthum, das als eine Religionsschöpsung des semitischen Geistes ursprünglich nur für die Juden geschaffen war, hat erst infolge äußerlicher Aufopferung, wie sie durch die politischen Verhältnisse begünstigt wurde, uns mit dem semitischen Geiste inficirt und die besten und edelsten Kräfte unserer nationalen Anlage verdunkelt und brach gelegt. Die jetzt zum Selbstbewußtsein erwachenden nationalen Volkstriebe werden daher, wenn sie den Alp des Judenthums abschütteln wollen, nicht im Namen einer fremden importirten und bereits stark in Zersetzung begriffenen Religion . . ." An einer anderen Stelle sagt er (liest): „Wollend oder nicht, man wird immer auf religiöse Beziehungen zurückkommen müssen, denn der Antisemitismus ist nichts geringeres, als der Vorläufer einer neuen Religionsbildung. In seinen Eonsequenzen muß der Anti>» semitismus irnmer wieder zu den tiefsten Beziehunnen zwischen Gott und Welt hinabfnhren. Er birgt in dieser Hinsicht so grundstürzende Gedanken in sich, daß er alles Unklare und Unsichere in seinen Fundamenten erschüttern wird. Die Furcht, die der Antisemitismus schließlich gebären muß, wird eine neue Weltanschauung und eine neue geläuterte und verschärfte Sittenlehre sein, das heißt in Summa: eine neue Religion." (Hört, lebhafte, anhaltende Unruhe bei den Antisemiten.) Ich lege das auf den Tisch des hohen Hauses, Sie können sich davon überzeugen. Ich behaupte, daß wir Juden die Antisemiten nicht zu fürchten haben. Ich erinnere an eine Erzählung des alten Testamentes, die erste Vision des Propheten Mosis. Er sah einen Dornstrauch in lichten Flammen und der Dornstrauch wollte nicht verbrennen. Meine Her>en! Wie dieser Dornstrauch, so ist durch die ganze Geschichte das Volk Israel. Es war und ist ein Dorn im Auge der Antisemiten, aber ein leuchtender Dorn, von dem Licht ausging. Ihr möchtet uns vernichten, aber so viel Feuer, so viel Gluth, so viel Scheiterhaufen man aufgehäust hat, den Dornstrauch zu verbrennen, er wurde nicht verzehrt. Das ist göttliche Bestimmung und wird so bleiben. Welche dauernde Schädigung aber das Christenthum von seinen seltsamen Freunden erfährt, welche unter der Maske heiligen Eifers für nationale Religion den Haß gegen die chr. Lehre im Volke nähren und ausbreiten, wollen Sie selber beurtheilen. Den leitenden Männern der katholisch-conservativen Partei rufe ich darum zn: 6aves.nl eonsules! Der Mkwardt-Urozeß. (Sechster Verhandlungstag.) Der heutige Verhandlungstag brachte bis zur Mittagspause zwei sehr interessante Momente. Einmal die kurze Erörterung über die Zweckmäßigkeit des Oeffentlichkeitsausschlusses während der Verhandlung über die von Ahlwardt am Sonnabend überreichten amtlichen Dokumente. Oberstlieutenant von Gößnitz erklärte, daß, falls er von dem Inhalt der Schriftstücke vorher Kenntniß gehabt hätte, er es vielleicht für unbedenklich gehalten hätte, dieselben der Oeffentlichkeit preiszugeben. Er sagte wörtlich: „Ich habe schon am Sonnabend meine Ansicht dahin abgegeben, daß es für die Militärbehörde gleichgiltig gewesen wäre, wenn das, was am Sonnabend unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelt worden ist, öffentlich verhandelt worden wäre. Da aber aus Zahlen