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Der Israelit · 1892-12-08 · Heft 97 (8.12.1892) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 97 (8.12.1892)
Date
1892-12-08
Page
– (sequence 18)
Language
German
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linder ohne Unterschied der Konfession, und der betreffende Lehrer „hat den Wisch entrüstet zurückgeschickt mit der Bemerkung, er betheilige sich nur an Sammlungen, zu Gunsten christlicher Kinder". Jetzt denken Sie, meine Herren, ein armes unglückliches Kind, es ist arm, es in eine Waise, hat nicht Mutter und Vater, ja es ist dreifach unglücklich, es ist auch jüdisch, und dieses Kind, das doch sicherlich keinen Mädchenhandel getrieben, das nicht gewuchert und auch nicht das Parlament verjudet hat, auf dies arme Waisenkind wird ausgedehnt der erbarmungsloseste Judenhaß. Ich appellire an die katholischen Geistlichen in diesem hohen Hause und an die Mitglieder der conservativen Partei; ich appellire an jeden ehrlichen, fühlenden Menschen —: Was sagen Sie zu einem Lehrer, der so hartherzig ist gegen ein unglückliches Waisenkind bloß deßhalb, weil es ein jüdisches ist? Ist ein solcher Lehrer geeignet, Menschen zu erziehen? Ich wende mich zum Abgeordneten Schneider. Der Abgeordnete Schlesinger beklagte sich, weil Profeffor Suetz von der antisemitischen Partei gesagt hat, ihr Auftreten ist roh. Ich frage den Abgeordneten Schlesinger und frage jedes Mitglied: Welche Bezeichnung haben Sie über die Art und Weise, wie der Abgeordnete Schneider gestern über den Director des Bureaus und über den Stenographendirector hier gesprochen hat? Er nennt den Kanzleidirector und den Stenographendirector Juden. Hat er nicht gewußt, daß der eine ein getaufter und der andere ein geborener Christ ist? Man weiß heute gar nicht mehr, wo der Jude anfängt (Stürmische Heiterkeit» und wo der Christ aufhört. (Erneuerte Heiterkeit). Der Herr Abgeordnete Dr. Lueger sagte in seiner letzten Rede, die liberale Partei maßt sich an, den österreichischen Patriotismus zu punziren. Ja, Sie. meine Herren und speciell Dr. Lueger haben sich ein anderes Recht angemaht, und das ist viel gefährlicher, nämlich das Christenthum zu punziren. (Sehr richtig! So ist es!) Nur der antisemitisch Punzirte, der mit Ihnen stimmt, der Ihnen zu Gefallen ist, ist ein Christ, was darüber hinaus ist, ist alles verjudet. Wer ist denn hier nicht ein Jude? (Heiterkeit). Wer für die Tonau-Dampfschisffahrtsgesellschaft gestimmt hat, ist ein Jude (Heiterkeit), wer für den Lloyd gestimmt hat, ist ein Jude, wer für die Handelsverträge gestimmt hat, ist ein Jude, und wer für die Valuta gestimmt hat, ist gar ein Jude. (Lebhafte Heiterkeit.) Aber, meine Herren, ich mache Sie auf ein Weiteres aufmerksam. Diese Gesetzentwürfe sind alle uns von der Regierung vorgelegt worden; dann muß also die Regierung aus lauter Juden bestehen (Lebhafte Heiterkeit), und Seine Excellenz der Herr Ministerpräsident verdiente eigentlich Oberrabbiner von Jerusalem zu werden. (Lebhafte Heiterkeit.) Als der verehrte Herr Prälat v. Treuinfels hier für die Valuta stimmte, schrieb das „Deutsche Volksblatt", es werde sich über seine Abstammung erkundigen. (Lebhafte Heiterkeit.) Das Informations-Resultat hat es nicht bekannt gegeben, aber hier haben wir den Ruf vernommen: „Rabbi Treuinsels." Sehen Sie, das ist das Punzirungsamt, welches die Herren usurpiren. Aber es kommt noch viel schlimmer. «Heiterkeit.) In einer Wiener Wählerversammlung hat der Abgeordnete Schneider es als eine Schande bezeichnet, „daß der hohe Clerus und der Cardinal Gruscha gegen den Antisemitismus auftreten; das komme davon, weil die Wiener Erzbischöfe von Juden gewählt werden." (Lebhafte Heiterkeit.) Dann ist also auch der Wiener Erzbischof verjudet. (Heiterkeit.) Das Traurige ist rncht, daß der Herr Abgeordnete Schneider es gesagt hat. Wir sind ganz anderes von ihm gewöhnt. Aber daß in der Wiener Diöcese, in der Wiener christlichen Bevölkerung, in einer zahlreich besuchten Wählerversammlung von Christen solche Worte bejubelt werden, von der katholisch-conservaliven Partei, beurtheilcn Sie den Zustand, in welchen die christliche Bevölkerung Hineingetrieben wird. Denken Sie darüber nach! Es wird der Wiener Erzbischof in einer Wiener Wählervelsammlung in seinen heiligsten Gefühlen verletzt; es wird gesagt, daß er seine Diöcese verwalte mit Rücksicht auf die Juden, nicht mit Rücksicht auf das Seelenheil seiner Diöcesanen. Die Bevölkerung jubelt und klatsch: Beifall. Der Herr Abgeordnete Schlesinger suchte diese Aeußerung zu mäßigen, zu mildern. Er sagte: (liest): „Ja, wenn man einen Satz aus dem Zusammenhänge herausreißt und hinstellt, so mag er allerdings etwas Verblüffendes haben. Wenn man aber sieht, wie die Corruption alle Kreise durchdringt, wenn man sieht, wie in die breitesten Kreise auch nach oben hinauf die Corruvtion gedrungen ist, wenn man die Folgen aus diesen Verhältnissen zieht, dann sieht man den Zusammenhang, in welcher Weise das Beanstandete gesagt worden ist." Man hat also nicht gemeint, daß der Erzbischof verjudet ist, sondern daß die Corruption auf den erzbischöflichen Stuhl gedrungen ist. (Zwischenruf: Das ist Entstellung!) Ich habe doch wörtlich citirt, jeder Hörer kann das beurtheilen. Es hat der Herr Abgeordnete Dr. Lueger in einer Gemeinderathssitzung vom 10. Dezember 1890 einmal ein gutes Wort ausgesprochen: „Ich muß es als eine Feigheit bezeichnen, einen Abwesenden anzugreisen." In der letzten Sitzung sagte er: '„Es herrscht eine förmliche Wuth in Oesterreich, immer die andere Partei zu verdächtigen." Und was, meine Herren, haben wir vom Abgeordneten Schneider in Bezug aus die Presse gehört; Nichts als Beschimpfung, Verdächtigung Abwesender. Meine Herren! Ich berufe mich auf das Zeugniß der Collegen Dr. Kronawetter, und vielleicht wird auch der Abgeordnete Dr. Lueger das Zeugniß bestätigen, daß ich acht Jahre im Kampfe gegen die liberale Presse stand. Aber der Abgeordnete Schneider hat nicht blos von der liberalen, sondern „Judenpresse", — gesprochen, und darum erachte ich mich verpflichtet, auf diese Angelegenheit zurückzukommen. Er sagte, in dieser Presse befänden sich Diebe, Wechselfälscher, ja sogar Raubmörder. (Heiterkeit.) Nun, meine Herren, ich weiß nichts davon. Er hat die Abwesenden beschimpft, aber ihre Namen nicht genannt; sonst pflegt er immer Namen zu nennen. Nur weiß ich, daß ein Wiener antisemitischer Armenrath als Einbrecher, als Genosse einer Einbrecherbande verhaftet worden ist, (Oho! auf der äußersten Linken. — Abgeordneter Dr. Kronawetter: Ein Bezirksausschuß.) Ich weiß, daß in der nächsten Nähe von Wien ein antisemitischer Gemeinderath als Raubmörder verhaftet worden ist. Ja, meine Herren, sehen Sie sich um unter den Coryphäen der antisemitischen Partei — wie viel sitzen schon drin? «Lebhafte Heiterkeit) Glauben Sie ernstlich, meine Herren, daß dies Ihr Privilegium ist? Es mögen ja in der Presse schlechte Individuen sein, aber kann denn ein Stand dafür? Ist denn überhaupt ein Stand in der Lage, einzelne schlechte Individuen abzustoßen? Der Abgeordnete Schneider wird ein Einsehen haben. Er ist Reichsrathsabgeordneter und weiß, daß auch der Reichsrath nicht in der Lage ist, unbequeme Individuen zu beseitigen. (Heiterkeit und sehr gut!) Er hat der Presse den schwersten Borwurf gemacht. Er sagt von ihr (liest): „Es wird von dieser Judenpresse niemand geschont, die kaiserliche Familie wird in der schmählichsten Weise angegriffen" Ich habe kein Mandat, diese Presse zu vertheidigen; aber an etwas anderes möchte ich die Herren erinnern. Als ganz Oesterreich in namenloser Emrüstung wegen des Bubenstückes aufschrie, das anläßlich der Kaiserreise in Böhmen in der Nähe von Reichenberg verübt worden, was hat da

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