Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 97 (8.12.1892)
- Date
- 1892-12-08
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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AJULLU. Jahrgang. Imeite Beilage M M 97 des „Israelit". Leitende Artikel. Die Wede> -es Reichsrathsabgeordneten Dr. Bloch in der Sitzung des österr. Reichsrathes vom 25. November. Es lag nicht in meiner Absicht, in die Debatte einzugreifen; aber die gestrigen Reden der Abgeordneten Schlesinger und Schneider waren derart, daß ich erstens persönlich, dann als Jude mich gedrängt erachte, im eigenen Namen mit Einigem zu antworten. Dem Abgeordneten Schlesinger bin ich über seine Aeußerung, betreffend den sogenannten jüdischen Mädchenhandel, eine Antwort schuldig. In der Hauptstadt Galiziens sind einige Juden wegen des ehrlosen, schandbaren Gewerbes vor Gericht gestellt und verurtheilt worden. Ich bedauere es aus tiefstem Herzen, daß es auch unter meinen Glaubensgenossen Leute gibt, die sich zu einem solchen Gewerbe erniedrigen. Wäre es nicht staatsgrundgesetzlich verboten, so würde ich diese Leute mit dem Bann belegen. Ich habe aber nicht das Recht und die Macht dazu. Der Herr Abgeordnete Schlesinger hat nun wegen dieses Ereignisses seinerzeit eine Interpellation überreicht, die unstreitig eine bewußte und beabsichtigte Beleidigung der gesammten Judenheil involvirt. Das wird der Herr Abgeordnete Schlesinger selbst nicht in Abrede stellen. (Abgeordneter Schlesinger: O ja, ich stelle es in Abrede.) Der Ruhm, den er sich mit dieser Interpellation geholt, und die Lorbeeren, die er dabei gepflückt, ließen ihn nicht ruhen, und immer wieder kommt er auf dieses beliebte Mädchenthema zurück. Ich muß ihm also darauf einmal antworten. Ich möchte mir eine Frage an den Herrn Abgeordneten Schlesinger erlauben, ob er denn nicht weiß, daß es in Oberosterreich, Niederösterreich, Schlesien, Steiermark, Böhmen und Mähren in jeder größeren Stadt ein oder mehrere B.gibt! (Laute Heiterkeit.) Und wissen Sie, daß die Besitzer dieser Schandhäuser sämmtlich rassenreine Arier sind, Stammes- und Glaubensgenossen des Herrn Redners? (Heiterkeit.) Fragen Sie einmal nach, wie viele solche arische Häuser in Wien exiftiren. Es ist ein einträgliches Gewerbe, da läßt man keinen Juden zu (Schallende Heiterkeit), darüber haben Sie die Regierung nicht interpellirt. Ein antisemitischer Obergötze hat ja sein väterliches Haus in ein B. verwandelt (Rufe: richtig!). Glauben Sie, daß in diesen Räumen leere Wände sind? Da sind auch Mädchen, da findet fortwährend ein Waarenwechsel, ein steter Menschentausch statt, der Bedarf und Verbrauch ist ein großer und es finden sich Händler, welche den Schacher vermitteln, der reinste Sclavenhandel wie im Orient. Darüber haben Sie nicht in sittlicher Entrüstung interpellirt. Ist denn das ein ausschließlich arisches Gewerbe, daß Sie so entrüstet sind, weil ein Jude in Ihr Gewerbe eingegriffen hat, weil ein paar Juden Ihnen Concurrenz zu bieten versucht haben? (Schallendes Gelächter.) Ich habe einmal einen deutsch-nationalen Studenten, einen Verehrer des Herrn v. Schönerer, befragt, wie es kommt, daß Schönerer sein Haus in der Krugerstraße in ein B.verwandelt hat? Er antwortete mir. „Das ist ein altgermanisches Institut." (Schallende Heiterkeit.) In den Wiener Schulen gibt es auch jüdische Lehrer, und Sie wissen, diese jüdische Lehrer haben ein bitteres *) Wir bringen diese Rede nur im Auszuge: die Stellen lokaler Färbung und das unsere Leser nicht Jnteressirende ließen wir weg. Red. Leben; die Herren Antisemiten sorgen schon dafür, daß die armen Leute nicht zur Ruhe kommen- Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen über einen jüdischen Lehrer ein Actenstück zur Kenntniß bringe. Ein Magazinier der Nordbahn, in einem fSoxftabtbe^ zirke wohnhaft, welcher sich von seinem kargen Gehalt kümmerlich ernährte, hatte das Unglück, seine Frau zu verlieren, welche ihm einen Knaben zurücklietz. Das unglückliche Kind erhielt eine zweite Mutter, unter deren jahrelangen, erbarmungslosen Mißhandlungen das Kind epileptisch wurde. Ein steinernes Herz hätte mit dem armen Knaben Mitleid empfunden, allein die Stiefmutter erhielt eigene Kinder, denen der Knabe im Wege stand. Der Vater war selten zu Hause und mutzte schweigen. Was Wunder, wenn der Knabe sich auf die Schule freute und thränenvoll den Heimweg antrat. Beim Lehrer erfuhr das Kind, was „Liebe" ist, ihm schmiegte es sich an, jammerte es sein Leid, wenn die Stiefmutter es mit Eisen mißhandelte, seinen Hunger, wenn man es tagelang ohne Nahrung ließ. Da stellten sich aber die Folgen der häuslichen Zucht ein- In der dritten Classe mußte das Kind wegen seiner Krankheit vom öffentlichen Unterrichte ausgeschlossen werden. Der Knabe war trostlos. Der Lehrer bat den Vater, den Knaben aus dem Hause zu geben. Für fünf Gulden Monatgeld nahm ihn eine Verwandte auf, und dieses Heim, das unter anderen Umständen ein elendes zu nennen war — die Verwandte wohnte mit noch einer andern Frau als Aftermietherin in einem finsteren Cabinette — war für ihn ein glückliches, er war wenigstens der häuslichen Zucht entzogen. Da ließ der Lehrer das Kind zu sich ins Haus kommen, ' ertheilte ihm Unterricht in den nothwendigen Gegenständen und hob ihm auch manchen guten Bissen auf. Das Kind war glücklich. Doch wurde es in der Wohnung des Lehrers so oft von der Krankheit befallen, daß zu fürchten stand, es könnte einmal einem solchen Anfalle erliegen. Der Lehrer zog es vor, den Knaben in seinem Heim fast täglich aufzusuchen, es war keine kleine Aufgabe, keine kleine Anforderung an des Lehrers eigene Gesundheit, aber er that es. Neun Monate — Mitte März bis Mitte Dezember 1883 — dauerte das Siechthum des Kindes. Am 16. Dezember 1883, als der Lehrer wie gewöhnlich kam, hatte der Knabe gerade einen Anfall, dem er erlag. Die Schulbehörden haben aus diesem Anlasse dem betreffenden Lehrer ein Anerkennungsschreiben zugesendet, von welchem ich nachstehende Abschrift erhalten habe (liest): „Herrn Isidor Faltitschek, Lehrer, Wien! Der Bezirksschulrath der Stadt Wien hat sich, zufolge Beschlusses vom 30. Mai 1883, Z. 577 bestimmt gefunden, Ihnen anläßlich der aus Humanitätsgefühl übernommenen Mühe, dem an Epilepsie leidenden Knaben Hugo Bechtolf unentgeltlich einen angemessenen Privatunterricht in den Volksschulgegenständen zu ertheilen, seine Befriedigung auszusprechen. Hievon werden Sie hiemit in Kenntniß gesetzt. Wien am 2. Juni 1883. Der Vorsitzende-Stellvertreter Gerold. Ich habe diesen Facten nichts anderes hinzuzufügen, als daß das unglückliche Kind ein Christenknabe und der Lehrer ein Jude ist. Im zweiten Bezirk ist ein antisemitischer Lehrer, welcher im „Deutschen Volksblatt" eine Klage veröffentlichte über die . freche Zumuthung eines Liberalen. Was war geschehen? I Er sollte bei einer Sammlung mithelfen für arme Waisen-