Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 97 (8.12.1892)
- Date
- 1892-12-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. Erste Beilage M M 97 des ,Jgrnelit“. Leitender Artikel. Der Gesang im Gottesdienst. Von Dr. A. Ackermann. (Fortsetzung.) Als dieser einfache Volksgesang J) den höher steigenden kirchlichen Anforderungen nicht mehr entsprach, nahm Gregor der Große (590—604) eine durchgreifende Umgestaltung des Kirchengesanges vor. Er sammelte, sichtete und ordnete, was von Gesängen früherer Zeit eine seinen Zwecken entsprechende Renovation zuließ und vermehrte sie auch durch neue. Dieser gregorianische Choralgesang nun wurde mit strenger Energie in der katholischen Kirche festgehalten und wird noch heute in den meisten katholischen Kirchen gesungen. Zwar ist das ursprüngliche sogenannte Antiphonar, in welchem Gregor die gesammelten Melodien aufzeichnete, verloren gegangen, allein eS hatte zuvor in zahlreichen Abschriften Verbreitung gefunden. Dieser historische Gesang, den die katholischen Kirchenmelodien bis auf unsere Zeit gemacht haben, läßt somit nicht nur die Möglichkeit zu, daß in ihm noch echte altjüdische Melodien enthalten sind, macht es fast zur Gewißheit. Wenigstens findet auch in der ganzen historischen Entwickelung kein Faktor, der die Fortpflanzung gerade der jüdischen Melodien hätte hemmen können. Ja, es ist um so weniger anzunehmen, daß man späterhin mit Absicht jüdische Melodien entfernt habe,2) als auch sonst mannigfache Aehnlichkeiten mit dem jüdischen Kultus bestehen. Dies betrifft besonders den sogenannten Wechsel- oder Antiphonengesang, den eantus r68xon80riu8, in der katholischen Kirche. Dieser Art von Gesang, bei der von einem oder zwei Sängern je ein Psalmvers gesungen wurde, 1) Als historisches Zeugniß für diese Einfachheit kann dir Stelle gelten in den Confessiones des h. Augustinus (X, 33): „Der Vorleser psalmodirte die Psalmen nur mit wenigen Tönen, so daß der Vortrag mehr ein Sprechen als ein Singen war. 2) Die Herausgeber der katholischen Gesangbücher im Mittelalter eifern zwar stark gegen die Einschleppung fremder Melodien und wollen hierunter auch die „der Juden und Ketzer" verstanden wissen. Vgl. besonders den Vorbericht zu den Cornerschen Gesangbüchern. Der Kirchenvater Hieronymus, der über den Synagogengesang das Urtheil abgab: studaeorum oratio et psaliui, guos in syangogis canunt, tumulcus est domino et (ut ita dicam) grunnitus suum et clamor asinorum (epistula ad Rusticum Monachum), hatte gewiß keine Ahnung davon, daß dieses „Bärengeschrei" in den Synagogen dieselben Tongänge enthielt, wie der Gesang der katholischen Kirche. welchen sodann die versammelte Gemeinde wiederholte, u. s. w. den ganzen Psalm hindurch, soll von Jgnatins von Antijochien in die Kirche eingeführt sein. Wir haben hier genau dieselbe Art des Psalmengesanges, wie sie noch bet uns üblich ist. Ja, auch die Gesangsart unserer Pismonim, Wechselgesänge mit wiederkehrendem Refrain, waren in Gebrauch. Besonders interessant ist ferner die Eintheilung des gregorianischen Gesangs in Concentus und Accentus, wobei man unter Concentus die Gesänge mit wirklich zusammenhängender Melodie, unter Accentus aber den nach den grammatikalischen Distincttonen eingerichteten kirchlichen Lesevortrag verstand, der mit der Zeit eine geregelte melodische erhielt.1) Hier haben wir es mit nichts Anderem als mit unserem Vortrag der heiligen Schrift zu thun. Das Vorlesen der Evangelien, die sogenannten Präsationen fanden hier genau auf dieselbe Weise statt, wie bei uns, der eigentliche Zweck dieser Vorlesung, dem Volke die heilig gehaltenen Schriften zu Gehör zu bringen, förderte hier genau dieselben rezitativischen und deklamatorischen Erscheinungen zu Tage, wie bei uns, ja, die Uebereinstimmung geht sogar soweit, daß wie bei uns die Interpunktionszeichen der Accente zugleich Darstellung einer bestimmten melodischen Phrase sind, auch dort die Melodiesätze mit den Namen: Comma, Colon, Jnttium, Periodus rc. bezeichnet werden. 3 4 5) Alle diese Erscheinungen nun sollen eine Bekräftigung der Möglichkeit sein, daß unter den katholischen Melodien sich heute noch altjüdische Melodien befinden. Wir sind sogar "zu der Behauptung berechtigt, daß diese Melodien sich innerhalb der katholischen Kirche vielleicht noch reiner erhalten konnten, als dies innerhalb der Synagoge möglich war. Denn einmal wurden, wie wir sehen, die Melodien innerhalb der Kirche in besonderen Sammlungen ntedergelegt, während wir innerhalb des Judenthums etwas ähnliches nicht haben; ferner aber sah man in der Kirche eifersüchtig darauf, daß nur heilige, überlieferte Melodien gesungen 3) Vgl. Neumaiera. a. o. S. 266. Man nimmt übrigens an, daß der Ursprung des Responsoriengesangs in der katholischen Kirche auf den gottesdienstlichen Gesang der Therapeuten, einer um 50 n. d. g. Ztr. zu Alexandrien bestehenden jüdischen Sekte, zurückzuführen sei. Philo gibt von diesem Gesänge eine sehr anschauliche Schilderung. 4) Vgl. Maslon: Lehrbuch des Gregorianischen Kirchengesangs, S. 88. 5) Vgl. Bäuseker: Das katholische deutsche Kirchenlied I, S. 23.