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Der Israelit · 1892-12-08 · Heft 97 (8.12.1892) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 97 (8.12.1892)
Date
1892-12-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1852 Danket dem Herrn, Ihr Ebräer der neuen Lehre, daß Ihr vor achtzehn Jahrhundert das Licht der Welt erblickt. Die neue A e r a hätte Euch, gleich heimathlosen Vagabunden und den Entehrten der Gesellschaft, den Eintritt in Halbasien versagt. Doch es mag vielleicht die Staatsraison gebieten, fünf Millionen Menschen durch einen Federstrich den Ausgestoßenen der Gesellschaft gleichzustellen. Die Staatsraison will den Ebräer der Gegenwart treffen, ihr ist's höchst irrelevant, wenn der Streich auch den gläubigen, frommen Christen trifft, der doch den e b r ä i s ch e n Propheten ehrt, die Lieder des ebrätschen Psalmisten in erhebender Andacht in den heiligsten Weihestunden des Lebens gen Himmel emporsendet. — Mag der Glaube an das Heiligste aus dem Herzen der Menschen schwinden, mög n die Grundfesten des Staates durch Verwirrung der Begriffe erschüttert werden, die neue Aera hat dafür nur ein Hohnlächeln. Die Staatsraison thront viel zu hoch, als daß der simple Sterbliche ihrem Gedankenfluge folgen könnte. Zu dieser Erkenntniß müssen wir schließlich gelangen, wenn wir nicht den blödesten Widerspruch in der grundlosen Herabwürdigung des Gottesvolkes erblicken wollen. Selbstverständlich gilt unsere Beurtheilung nur einer russischen Staatsweisheit, der mit Logik und anderem vernunftgemäßen Material nicht beizukommen ist. Höchst peinlich aber berührt es unser deutsches Empfinden, wenn deutschen Federhelden, — die sonst ziemlich vernünftig schreiben können — aller Verstand schwindet, wenn sie auf den Ebräer stoßen. Aus einem Artikel in der Zeitschrift „Die Nation", überschrieben: Die Juden in Nordafrika von Karl Ochsenius in Marburg i. H., erfahren wir, in welch' weite Kreise der antisemitische Pestbacyllus gedrungen ist. Der neue Zeitgeist fordert gebieterisch die Verunglimpfung der Juden. Dieser Nothweudigkeit glaubt sich ein Schriftsteller, wenn er nicht außer Mode kommen will, fügen zu müssen. Da die Angriffe gegen die europäischen Juden bald aufhören, pikant zu sein, und dieses Geschäft an fabelhafter Concurrenz leidet, so müssen um der Abwechslung willen die Orientalen herhalten. Ein Herr Fitzner, der mit seinen Sparpfennigen über die See gedampft war und in Tunis landete, um sich in Ne u fr a n kr eich für ein halb Dutzend deutscher Vorträge zu präpariren, entdeckte daselbst die jüdischen Wucherer, welche die Christen und Muselmänner ausplündern. Woher hat F. diese gründliche (?) Kenntniß von Land und Leuten erhalten? Die Antwort bleibt er uns schuldig. Von vielen Verurtheilungen der Juden wegen Wucher weiß er nichts zu erzählen, die Archive hat er nicht durchgestöbert. Aber der tunesische Jude — der Vetter oder Freund des europäischen Juden — besorgt den Verkauf afrikanischer Erzeugnisse und den Ein kauf europäischer Fabrikationsartikel und verdient an diesen Tauschgeschäften horrende Summen. Das kann der Herr Orientreisende nicht verschmerzen. Herr Ochsenius (Marburg a.H.) muß den leichtfertigen Schreiber erinnern, daß er in demselben Athemzuge berichtet, daß die größere Menge der Juden in ehrlicher Arbeit sein ehrliches Brot verdient, daß die jüdischen Handwerker einen nicht geringen Grad von Geschicklichkeit im Gebrauch ihrer primitiven Werkzeuge verrathen. Es ist also nicht der Ebräer, der da wuchert, sondern ein Tunese jüdischer Religion, der hohe Zinsen nimmt? Aber selbst diese Hypothese zerpflückt der gründlich unterrichtete Ochsenius. Doch wir kommen auf Tunis und die Gegenüberstellung der Confessionen noch zurück. Heute wollten wir nur die neue Aera zeichnen, die unter dem gewaltigen Einflüsse einer furchtbaren Höllenmacht steht; wir wollten auf die gefährlichen Symptome, unter denen sich die Modekrankheit ausbreitet, verweisen. Wir wollten die Aufmerksamkeit der Vaterlandsfreunde auf die Partei lenken, welche sich berufen fühlt, Thron und Staat zu stützen. Während sich vor den Augen aller Welt im Justizpalaft eine tiefe, ernste, alle Bürger des Staates erschütternde Tragödie entwickelt, der zum mindesten Stillstand gebieten sollte, wird der Kampf gegen das Judenthum mit verdoppelter Heftigkeit geführt. Wir sind doch nicht zu unbescheiden in unseren Wünschen, wenn wir fordern, daß zunächst die Entscheidung des Gerichtshofes abgewartet wird, ehe man den unter schwerer Anklage schwebenden Candidaten mit der höchsten bürgerlichen Ehre schmückt. Doch wett gefehlt! Wir kommen eben aus den Ueberraschungen gar nicht heraus. Ein conservatives Comitö, an dessen Spitze ein Landrath steht, zu dem auch ein königlicher K r e i s p h y s i c u s (!!) gehört, fordert auf, sich über die Brandmarkung eines hohen königlichen Gerichtshofes hinwegzusetzen, ein Urtheil, das im Namen der Majestät gefällt wurde, zu desavoniren. Wir beneiden wahrlich die Conservativen nicht um diese Feinfühligkeit. Ahlwardt kann uns auf der Tribüne des Reichstages nicht gefährlicher werden, als er es bisher war. Aber ein tiefes Bedauern durchdringt unsere Seele im Hinblicke auf die Verderblichkeit der neuen Moral, die dem blutdürstigen Bruderhaß das Heil des Staates opfert, die sich der gefährlichsten Werkzeuge, der Volksleidenschaften, bedient, um dem ruhigen Mitbürger den Untergang zu bereiten. Was diese neue Aera gebracht, war Bangen

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