Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 97 (8.12.1892)
- Date
- 1892-12-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1851 Urheber zurückfallen? — Wessen Reihen werden denn durch einen notorischen Verleumder verstärkt werden? Die Fraktionen, die für Menschenrechte kämpfen und allen Bürgern des Landes das Ernähren und Athmen gönnen, die stehen fern dieser Verzerrung des gesunden Menschensinns; sie haben die Massen nicht durch das Unkraut des Bruderbasses vergiftet. Die sogenannte staatserhaltende Fraktion allein darf den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, die neue Aera der Menschenabschlachtung in Deutschland gezüchtet zu haben; sie hat es mit Bebagen geduldet, daß sündliches Lügengeschwätz an Stelle würdevoller Kritik zur Regel erhoben wurde; sie hat in böser Arglist den offenen und ehrlichen Kampf verschmäht, dagegen die Schlangentücke, als die bequemere Waffe, sich ansersehen. Sie bat das Nachtaespenst bodenloser Verleumdung beifällig begrüßt; sie hat den Wackerbarth und Stöcker und all' diesen Sorten edler Menschenfreunde (?) Triumpfe bereitet in Parlamenten und Volksversammlungen; sie schmunzelte vergnügt bei dem Hepp Hepp Gebrüll der antisemitischen Horden. — Diese „Staatserhalter" hofften sich weiden zu können an dem Ruin tausender Existenzen, sie erhofften den Untergang schuldloser Menscheubrüder. — Sie haben es verschuldet, daß heute alle Autorität im Staate untergraben wird, daß selbst der Respekt vor der Autorität des Richters durch das demagogische Treiben zu schwinden beginnt. Sie wird nunmehr die Früchte genießen. Von der gut conservativen „Nord'. Allg. Zeit." bis zum sozialdemokratischen „Vorwärts" steht Alles im Dienste der Juden, ruft die antisemitische „Staatsbürger-Zeitung", und erstarkt einmal die Hetzpartei, dann wehe auch den vornehmen Grundherren, wenn sie ihr Geld den geschäftskundigen Verleumdern verweigern. Es scheint doch, als hätte urplötzlich der Lauf der Weltgeschichte eine neue Richtung genommen. Denn es ist ein entsetzliches Bild, da? sich vor den Augen des staunenden — viell.icht abgehärteten — Vaterlandssrenndes entrollt. In den Gerichtssälen müht man sich vergeblich, die Hydra der Verleumdung niederzutreten. Wallet in Eleve ein Gerichtshof seines Amtes; verhindern die im Amte ehrenhaft ergrauten Männer des Rechts das Abschlachten eines schuldlosen Juden, so werden sie in den Koth gezerrt und ohne viel Bedenken wird ihnen alles Gefühl für Gerechtigkeit und Pflicht abgesprochen. Werden die Verleumder auf einige Monate mundtot gemacht, so folgt die versteckte Rache, so wird durch Randglossen auf Befangenheit und Parteilichkeit des Gerichtshofes hingedeutet. Neben dem kerngesunden und schnellfüßigen Ahlwardt, der heute vor den Schranken der hiesigen Strafkammer steht, um die Wahrheit seiner Broschüren und Reden vor dem Forum der Oeffentlichkeit zu belegen, nahm auf der Anklagebank ein Schutzmann als Ehrenposten Platz, um — wie üblich — das Entweichen des Gefangenen zu verhindern. Sogleich wurde die gute Gelegenheit erfaßt, um die „Parteilichkeit" des Gerichtshofes in die Augen springen zu lassen. „Neben dem zu zehn Jahren Zuchthaus verurtheilten Juden Wolf nahm der Dr. Straßmann Platz", lautet eine Randbemerkung der Antisemitenblätter. Aber der Jude Wolf war ja, als er auf der Anklagebank Platz nahm, ein todtkranker Mensch. Der Jude — das weiß auch der Glossar — wurde doch nur aus der Untersuchungshaft vorgeführt und wurde schließlich nicht zu Zuchthaus, sondern zu Gesängniß verurtheilt. Wie viel Verdrehungen schillern aus diesen Klammern hervor! Wie meisterhaft verstehen die Herren das Geschäft des Schmutzwersens aus sicherem Schlupfwinkel! Wehe, wenn diese Fäulniß noch weitere Kreise der Gesellschaft ergreifen sollte. Die neue Aera wäre dann die Aera des Untergangs aller Moral und Sittigkeit, das Laster der Massenabschlachtungen würde sich daun nicht auf Juden allein beschränken, denn der gierige Volkshaufe liebt nicht das ewige Einerlei. In den Hexenkessel gehört — wenn das Gerücht schmackhaft sein soll — ein buntes Allerlei, wozu das Judenfleisch allein nicht ausreicht. Diese Gefahr ahnt man nicht in den festen Burgen der gut Conservativen, darum wird noch immer in den Spalten der verschämten Antisemitenblätter die „brennende Tagesfrage" angefacht, damit sie nicht erlösche und eine Drohung bleibe für die bürgerliche Gesellschaft. Eine mächtige Stütze finden diese Herren an dem halbasiatischen Nachbarstaat, der jetzt an der Vorbereitung eines Gesetzes für die Naturalisation von Ausländern arbeitet. Ausgeschlossen sollen sein von dieser höchsten Würde die Personen, denen die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt sind, die mittellosen Vagabunden und — das Volk, dessen Lehren den wesentlichen Beftandtheil aller monotheistischen Religionen bilden. Besagter Gesetzentwurf nennt die Angehörigen jenes Stammes „Ebräer", wohl in Erinnerung an den e rsten Ebräer, dessen Name noch heute ehrfurchtsvoll in allen Gotteshäusern genannt wird, oder im Hinblick auf einen späteren Ebräer, der die Lehren der Juden den umnachreten Heidenmenschen erschlossen, dessen Apostel — gleichfalls Ebräer — mit der Bibel in der Hand die Barbaren zur Gesittung erweckten.