Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 97 (8.12.1892)
- Date
- 1892-12-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448309--35335-2483315- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1850 die Versammlung ein, bei gegenwärtiger Gelegenheit ihre Dankgefühle feierlich auszusprechen. Die ganze Versammlung zollte nicht nur dem Redner ihren Beifall, sondern legte auch in dem Sitzungsprotokolle vom 5. Februar 1807 die folgende Erklärung nieder: „Die Abgeordneten der jüdischen Synode aus dem Kaiserthume Frankreich und dem Königreiche Italien, welche den 30. März vor. Jahres ausgeschrieben wurde, beschließen, durchdrungen von Dank gegen die Wohlthaten, welche von seiten des christlichen Klerus im Laufe der früheren Jahrhunderte in den verschiedenen Ländern Europas den Juden zu Theil wurden; ebenso volle Erkenntlichkeit für den Schutz, welchen verschiedene Päpste und andere Geistliche im Laufe der Zeiten in den mancherlei Ländern den Israeliten erwiesen, als noch Barbarei im Bunde mit Vorurtheilen und Unwissenheit sie verfolgte und austrieb aus der menschlichen Gesellschaft: — daß der Ausdruck dieser Gesinnungen ausgezeichnet und in dem Protokoll dieses Tages niedergelegt werde, ans daß es zum immerwährenden und urkundlichen Zeugnisse der Dankbarkeit diene, welche die Israeliten dieser Versammlung für die Wohlthaten hegen, die ihre Vorfahren von den Geistlichen der verschiedenen Länder Europas empfangen haben. Sie beschließen des Weiteren, daß eine Abschrift dieser Kundgebung Sr. Exellenz dem Minister des Kultus eingeschickt werde." >) Wie überall und bei allen Völkern giebt es auch bei den Juden undankbare Menschen, welche ihren Wohlthätcrn mit Schmähungen und Verleumdungen die empfangenen Wohlthaten vergelten. So sollen die Juden in Rom nach der Einnahme der ewigen Stadt durch die piemontesischen Truppen im Jahre 1870 an den König Viktor Emanuel eine Adresse eingereicht haben, die mit Ausdrücken kriechender Ergebenheit an die neue Regierung neben schmählichen Ausfällen gegen die päpstliche Regierung angefüllt gewesen sei. * 2 3) Wir wollen nicht untersuchen, ob die Echtheit des Schriftstückes über allen Zweifel erhaben ist 2) wer die Verfasser der Adresse gewesen sind, unter welchen Einflüssen und Eindrücken sie abgefaßt wurde, aber fragen dürfen wir doch, ob denn dieser Undank der römischen Juden nicht ganz verschwinde gegenüber dem gewiß viel schmachvolleren Undank dessen sich selbst Christen gegen den Papst schuldig gemacht haben. Oder waren es nicht Christen, die in Rom den Papst verflucht und sich mit geladenem Gewehr vor der Wohnung des heiligen Vaters Pius IX. ausgestellt haben, um ihn sofort, wenn er sich blicken ließe, zu erschießen? Waren es nicht Kinder der Kirche, katholisch getaufte Christen, welche die gemeinsten Beschimpfungen, die niederträchtigsten Verleumdungen gegen den hochseligen Papst Pius IX. verbreitet, die Hand Z Deharbe, Erklärung beS kathol. Katechismus, V. Bd., Religionsgeschichte; Paderborn. Schöning, 1864, S. 611. 2) Der italienische Raubzug wider Rom im Jahre 1870; Münster, Russell, 1871, S. 170. 3) Wir möchten diesen Zweifel hier ausdrücklich auch unsererseits bestätigen. Es ist nicht denkbar, daß Juden sich zu solchen Ausfällen hergeben. — Es wäre wohl von Interesse von unseren Lesern in Italien Authentisches darüber zu erfahren. Desgleichen über den sofort erwähnten Brief der Gemeinde in Lyon. — Red. d. Israelit. gegen den heiligen Vater und sein Besitzthum erhoben, ihn vergewaltigt, seines Eigenthums beraubt haben, und ihn jetzt noch in seinem Hause gefangen halten? Ist dieser Undank der Christen gegen den Vater der Christenheit nicht ein himmelschreiendes Verbrechen gegenüber dem Vergehen des Undankes, dessen sich römische Juden gegen den Papst schuldig gemacht haben? Daß aber nicht alle Juden mit dem Vorgehen ihrer Glaubensgenossen in Rom gegen den heiligen Vater einverstanden sein dürften, möchte aus dem Schreiben zu entnehmen sein, das Inden von Lyon an die israelitische Gemeinde in Rom gerichtet haben. In diesem Schreiben geben die Lyoneser Inden den römischen Juden den guten Rath, sich mit den Jtalianissimi nicht zu tief einzulassen, und den Zorn der Priester nicht herauszufordern, denen sie zu großem Danke verpflichtet seien; die Zeiten könnten sich ändern, und man habe vielleicht von den Priestern allein wieder Schutz zu hoffen. So giebt cs dankbare Leute und undankbare bei den Juden wie bei allen Völkern, und auffallend wäre nur das eine, wenn das Judenvolk allein eine Ausnahme von der Regel machte." Zeitnngsrrachrichtett uud Correspouderrze». Deutschland. Berlin, 29. November. (Die neue Aera.) Die gegenwärtige Zeit darf sich über Langeweile nicht beklagen. Sie erlebt Ueberraschungeu, die ihr kein Denker, der aus den vergangenen Ereignissen die Entwickelung der Zukunft zu ahnen vermag, vorherzukünden vermochte. Sie sind allerdings recht trüber Natur, aber sie tragen doch viel zum Kurzweil der gedankenlosen Menge bei. Der großen Masse ist das „höchst pika nte Ereigniß" nichts als eine angenehme Abwechslung. Ob eine Wendung im gesellschaftlichen Leben heilsam wirkt oder tiefe Wunden schlägt, das wird in den ersten Momenten der Erregung gar nicht beurtheilt. Der breiten Masse ist beispielsweise die Wahl des in Plötzensee schmachtenden Rectors a. D. ein Hauptspaß, den sie sich in ihrer Weise zurechtlegt. Die gestrengen Herren Reichstagsabgeordneten, die von ihrer Höhe stolz auf den Alltagsmenschen herabblicken, müssen nun demüthig bekennen, daß auch Menschen zweiter oder letzter Ordnung dieser Ehre theilhaftig werden können. Wenn wir erleben sollten — und dazu ist begründete Anssicht vorhanden — daß ein wegen Verleumdung der obersten Verwaltungsbehörde zu Gefängniß verurtheilter Mensch in die Reihen der Erkorenen des Volkes einkehrt, dann hat die Gegenwart ein sensationelles Tagesereigniß mehr zu verzeichnen. — Das ist Alles. Wer sollte sich auch ereifern um Schäden willen, deren Folgen allein und einzig auf das Haupt der