Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 97 (8.12.1892)
- Date
- 1892-12-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1849 sogleich halten, auf sein Befragen, wer der Arme sei, antwortete einer aus der gaffenden Menge: „Es ist nur ein Jude." Unwillig über diese lieblose Antwort rief Pius den Umstehenden zu: „Was sagt ihr da? Ist der Leidende nicht euer Mitbruder? Verdient er nicht unseren Beistand?" Und von den Prälaten, die ihn begleiteten, unterstützt, richtete er selbst den alten Mann auf, ließ ihn in seinen Wagen bringen, führte ihn zu seiner Wohnung und verließ ihn nicht, bevor er das Bewußtsein wieder bei ihm erwachen sah. Dann schickte er ihm unverzüglich seinen Leibarzt und sorgte für die nöthige Verpflegung. Daß die Juden für solche Beweise echt christlicher Nächstenliebe nicht bloß in Worten, sondern auch km Herzen und in der That dem großen Papste dankbar waren, dürfte aus folgender Thatsache ersichtlich sein. Ein reicher jüdischer Handelsmann von Livorno setzte in seinem Testamente dem Papste ein Legat von 30,000 Thalern aus. Als der Papst erklärte, daß er ein Vermächtnis, welches die Erben des Verstorbenen um einen so beträchtlichen Vermögenstheil verkürze, nicht annehmen könne, gaben diese zur Antwort, es sei ihre Pflicht, sich in den Willen des Erblassers zu fügen und sie selbst seien auch wohlhabend genug, um dieses leichte Opfer zu Gunsten des Wohlthäters ihrer Glaubengenossen tragen zu können. Da nun der Papst dieses Vermächtnis annehmen mußte, theilte er es in zwei Hälften, wovon er die eine an die armen Israeliten von Livorno, die andere an die hilfsbedürftigen Bewohner des Ghetto in Nom vertheilen ließ." Der Verfasser kommt dann auf die Fälle Mortora und Coen zu sprechen. Wenn das Vorgehen des Papstes, das s. Z. die Indignation der gesammten gesitteten Menschheit wachrief, sich auch niemals vertheidigen oder gar rechtfertigen lassen wird, so muß man doch einräumen, daß hier in geschickter Weise alle Momente verwerthet sind, die dasselbe in einem milderen Lichte erscheinen lassen. Aus dem, was die borliegende Schrift über das an der Spitze dieser Zeilen genannte Thema sagt, geben wir hier im Auszuge folgende Bemerkungen wieder: „Wenn wir nun die Frage aufwerfen, ob die Juden sich ihren wahren Freunden auch schon einmal erkenntlich gezeigt und dem Apostolischen Stuhle und dem katholischen Klerus ihren Dank ausgesprochen haben, so wird dem Leser nicht entgangen sein, daß wir bereits imstande waren, einige jüdische Dankesäußernngen gegenüber einzelnen Päpsten oder Mitgliedern des .Klerus zu verzeichnen. Wir haben erwähnt, wie der heilige Bernhard in einem jüdischen Tagebuche als Beschützer der verfolgten Juden gepriesen wird, und wie das Tagebuch ihm nachrühmt, daß er nicht um schnöden Gewinnes willen, sondern aus Nächstenliebe und durch sein Gerechtigkeitsgefühl getrieben gegen die Judenverfolgungen sein gewichtiges Wort einlegte. Wir haben auch von der Dankbarkeit der Juden gegen den höchstseligen Papst Pius ix. gesprochen, die sich nicht bloß in Worten, sondern auch in Thaten kundgegeben hat. Wir wollen nun noch beifügen, wie die dankbare Gesinnung der Juden gegen den Apostolischen Stuhl und den katholischen Klerus auch in einer öffentlichen Versammlung ihren feierlichen Ausdruck gesunden hat. Kaiser Napoleon I. wollte, wie er die kirchenpolitischen Verhältnisse der katholischen Kirche in seinem Reiche durch eine Uebereinknnft mit dem Apostolischen Stuhle geordnet hatte, auch die religiös-politischen Verhältnisse der Juden in Frankreich ordnen, und berief zu diesem Zwecke die Rabbiner Frankreichs am 30. Oktober 1800 zu einer Synode — der große Sanhedrin genannt — nach Paris. In dieser Synode war es, wo die Gerechtigkeit und Liebe, die der Apostolische Stuhl und der katholische Klerus gegen die Juden stets an den Tag gelegt haben, eine glänzende Anerkennung fanden. In der Sitzung des Sanhedrins am 5. Februar 1807 hielt der Abgeordnete Isaak Samuel Avigdor von Lyon eine Rede, in welcher er durch zahlreiche Beispiele ans dem Verlaufe der christlichen Jahrhunderte das gerechte und liebevolle Verhalten des Apostolischen Stuhles und des katholischen Klerus gegen die Inden bestätigte. „Um die Mitte des siebenten Jahrhunderts," so sprach der Redner, „vertheidigte Gregor der Große die Juden, und nahm sie in der ganzen christlichen Welt in Schutz. Im zehnten Jahrhundert widerstanden die spanischen Bischöfe mit der größten Entschiedenheit dem Pöbel, der die Juden niedermetzeln wollte und Papst Alexander II. beglückwünschte sie aufs anerkennendste wegen dieses weisen Verhaltens. Im elften Jahrhundert wurden die in den Diöcesen von Uzes und Elermont in überaus großer Zahl vorhandenen Juden durch die Bischöfe mächtig beschützt. Der heilige Bernhard vertheidigte sie im zwölften Jahrhundert gegen die Wuth der Kreuzfahrer. Ebenso wurden sie von Jnnocenz II. und Alexander IU. beschützt. Im dreizehnten Jahrhundert schiitzte sie Gregor IX. in England, Spanien und Frankreich gegen großes Unheil, das ihnen drohte: er verbot unter Strafe der Exkommunikation, Gewissenszwang gegen sie anzuwenden oder ihre Feste zu stören. Klemens v. that noch mehr; er beschützte sie nicht bloß, sondern erleichterte ihnen auch die Mittel, sich zu unterrichten. Klemens VI. gewährte ihnen zu einer Zeit, da man sie im ganzen übrigen Europa verfolgte, eine Freistätte zu Avignon. Gegen die Mitte des nämlichen Jahrhunderts hinderten es die Bischöfe von Speier, daß sich die Schuldner der Juden, unter dem so oft wiederholten Vorwände des Wuchers, gewaltsam ihren Verpflichtungen entzogen. In den folgenden Jahrhunderten schrieb Nikolaus II, an die — spanische — Inquisition, um sie zu hindern, die Juden zur Annahme des Christenthums zu zwingen. Klemens XIII. beruhigte die jüdischen Hausväter, die das Schicksal ihrer Kinder bekümmerte, welche man oft aus den Armen der Mutter gerissen. Man könnte leicht noch eine ungeheure Menge solcher Werke der Liebe anführen, die von seiten Geistlicher, welche ihre Pflichten als Menschen und Christen kannten, gegen die Israeliten in verschiedenen Zeiten geübt wurden." Nachdem dann der Jsraelite Avigdor es beklagt hatte, daß das israelitische Volk noch nie seine Dankbarkeit für so große Wohlthaten äußern konnte, lud er