Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 96 (6.12.1892)
- Date
- 1892-12-06
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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1845 gesagt, es wird noch so weit kommen, daß man Herrn Ahlwardt selbst für einen Juden erklärt. (Heiterkeit.) Vertheid.: Ich möchte dann bitten, hier auch diesen Brief zu verlesen, welcher an den Gerichtshof, den Ersten Staatsanwalt und den Vertheidiger gerichtet ist. Präs.: Ich sehe, daß der Brief anonym ist. Mit solchen Machwerken könnte ich zu Dutzenden aufwarten. In dem Briefe wird gesagt, daß der Oberstlieutenant Kühne alles Mißtrauen verdiene, da derselbe während seiner Aktivität Geschenke angenommen und Durchstechereien mit der Firma Loewe getrieben habe. Präs.: Der Inhalt dieses Briefes kann nicht überraschen denn es liegen Briefe vor, in welchen wir Alle im Gerichtshöfe nicht nur, sondern auch alle militärischen Sachverständigen verdächtigt werden, durch jüdisches Geld bestochen zu sein. (Heiterkeit.) Hierauf wird Professor Lazarus über das Wesen der „Alliance israelite" vernommen. Derselbe bekundet. Ich war sechs Jahre Vorstandsmitglied des preußischen Zweigvereins der „Alliance israelite universelle". Einen absoluten Gegensatz zwischen politischer und Wohlthätigkeits-Tendenz kann ich bei derselben insofern nicht aufbauen, weil es auch ihre Aufgabe ist, durch Petitionen rc. dahin zu wirken, daß in Ländern niedriger Kulturstufe die Verfolgungen, denen die Juden dort oft ausgesetzt sind, aufbören. Im Ganzen ist die Tendenz ausschließlich Wohlthätigkeit, Unterstützung und intellektuelle und moralische Hebung der zurückgebliebenen Stände in kulturlosen Ländern. Zu diesem Zweck werden Schulen gegründet und Unterstützungen ausgetheilt. Ihre gefammte Thätigkeit erstreckt sich in erster Reihe darauf, arme bedrückte, wegen ihres Glaubens leidende Menschen zu unterstützen. Präs.: Halten Sie es für möglich, daß die „Alliance israelite" den Auftrag gegeben haben könnte, das Deutsche Reich zu vernichten, um die jüdische Weltherrschaft zu etabliren? Prof. Lazarus: Die Alliance hat die Tendenz, den Elenden zu Liebe, aber Niemandem in der Welt zu Leide etwas zu unternehmen. Der in der Frage angeregte Gedanke könnte mir nur als die Ausgeburt einer extremen Phantasie erscheinen. Sollte ich mich hier nicht nur als Zeuge, sondern als psychologischer Sachverständiger äußern, so würde ich sagen: Selbst das äußerste Maaß der Verleumdungssucht und der Bosheit würde nicht ausreichen, einen solchen Gedanken zu fassen, wenn nicht noch der Wahnwitz hinzuträte! Präs.: Halten Sie es für möglich, daß die Firma Loewe u. Co. von der Alliance den Auftrag erhielt, unbrauchbare Gewehre zu liefern? — Professor Lazarus: Ich muß darauf antworten, daß ich seit l873 nicht mehr im Vorstande der Alliance bin und mit der Führung der Geschäfte nichts zu thun habe. Ich halte es für unmöglich und erkläre, daß mir irgend etwas Derartiges weder mittelbar noch unmittelbar, weder schriftlich noch mündlich zu Ohren gekommen ist. Die Alliance ist eine Vereinigung von Juden aller Länder, die einen wohlthätigen Zweck verfolgt. Rechtsanwalt Hertwig. Werthvoll für mich aus der Bekundung des Zeugen ist, daß er eine Aussage mit Beschimpfungen gegenüber allenAndersdenkenden auszuschmücken beliebte und daß es den Juden aller Länder erlaubt ist, eine politische internationale Vereinigung zu bilden, welches sonst nach dem Gesetz verboten ist. Professor Lazarus. Ich glaube nicht, daß man es als politisch bezeichnen kann, wenn die Alliance sich an den Fürsten Bismarck wendet und ihn um seine Vermittelung bittet, daß die Juden-Verfolgungen in Rumänien oder Serbien eingestellt werden. Präs.: Dieser Meinung bin ich auch. Sanitätsrattz Dr. Neu mann: Vor einer formalen innigen Verbindung zwischen dem Centralcomit« der „Alliance Israelite" mit den Lokalcomitös der einzelnen Länder ist keine Rede. Dieser Verein ist im Jahre 1860 in Paris inS Leben gerufen, zu dem Zwecke, denjenigen Juden, welche sich in rückgeschrittener Stellung befinden, zu einem Fortschritte in moralischer und geistiger Beziehung zu verhelfen, jedem Juden, der in seiner Eigenschaft als Jude leidet, Beistand zu leisten und solche Schritte, welche dieses Streben fördern können, zu unterstützen. Der Sitz der Alliance in Paris , geworden und es haben sich nur sehr langsam und sehr allmählig Theilnehmer gefunden. Die Lokalcomites, welche nicht blos in Europa, sondern auch in Amerika vorhanden sind, sind weiter nichts als Kassenstellen dieses Centralcomitees, besten Mitglied ich seit 22 Jahren bin. Dasselbe hat sich thatsächlich seit 1860 durch Kooptation gebildet. Die Wirksamkeit der Alliance wird durch halbjährige Berichte so klar gelegt, wie fast bei keinem anderen Verein. Die Wirksamkeit ist nicht eine reine Wohlthätigkeit in dem Sinne der bloßen Geldunterstützung, sondern sie bezweckt die geistige, moralische und materielle Hebung der Juden. 7/s ber Mittel werden für Schulen verwendet und die großartigen Erfolge der Alliance für Errichtung der Schulen im Orient ist bekannt. Man hat nun die Alliance zu einem politischen Verein stempeln wollen, weil dieselbe auch die Gleichstellung der Juden erstrebt. Dies ist aber stets mit voller Offenheit geschehen und zwar in Gestalt von Petitionen, die von der rumänischen Regierung mit Wohlwollen eutgegengenommen sind. Auch die deutsche Regierung hat der Alliance dasselbe Wohlwollen entgegengebracht, das zeigt doch, daß die Alliance nicht etwa im Geheimen, sondern in voller Offenheit ihre Ziele verfolgt. Seinerzeit hat der Staatssekretär v. Bülow geantwortet, daß er die Kundgebungen auf einer gemeinsamen Konferenz zu Gunsten der Juden in Konstantinopel, Serbien :c. mit großem Interesse entgegengenommen habe. Was die behauptete Ordre der Alliance an Loewe zur Wehrlosmachung Deutschlands betrifft, so ist mir jede Beziehung des Herrn Jsidnr Loewe zur Alliance vollständig unbekannt; es werden nur von der Firma Ludwig Loewe jährlich 10 Francs als Beitrag erhoben. Jstdor Loewe wird nicht einmal in den Listen der Alliance geführt, Ludwig Loewe war niemals Mitglied des Vorstandes, sondern zahlte einfach seinen Beitrag von 10 Francs. Daß der Talmud den Juden jedes Verbrechen gegen die Christen gestatte, ist eine Lüge. Angekl.: An diesen Zeugen habe ich keine Fragen zu richten, denn derselbe ist Partei. Meine Zeugen har man ja abgelehnt. Präs.: Dann hätten sie doch den Talmud mitbriugen und die Stelle zeigen sollen. — Angekl.: Wenn meine Zeugen vorgekommen wären, würden sie die betreffenden Stellen mitgebracht haben. — Präs.: Ich dächte, Sie könnten sich doch mit dieser Autorität begnügen. — Angekl.: Ich kann das doch nicht. — Verth.: Der Zeuge hat seine Ausführungen mit den Worten begonnen: „soviel ich weiß"; das ist doch nichts Bestimmtes. Er wird doch schwerlich den ganzen Talmud kennen. — Präs.: Das wird wohl kaum irgend ein Mensch. Das ist doch ungefähr so, als wenn Jemand den Herrn Vertheidiger fragt, ob irgend etwas im Landrecht steht. Da wird er wahrscheinlich auch nur antworten können „soviel ich weiß", obwohl er doch wohl im Landrecht sehr orientirt sein wird. — Angekl.: Daß diese Zeugen hier nichts gegen die Alliance sagen werden, ist doch natürlich. — Präs.: Sie scheinen einen seltsamen Begriff von der Heiligkeit des Eides zu haben, daß Sie glauben, hier stelle sich jeder hin und schwöre aus Bosheit gegen Sie einen Meineid! Angekl.: Das thue ich nicht. — Präs.: Sie haben das vorhin bezüglich der militärischen Sachverständigen deutlich genug durchblicken lassen. — Angekl.: Keineswegs. Aber der Gerichtshof wird sich durch einen Blick in die ihm übergebenen