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Der Israelit · 1892-12-06 · Heft 96 (6.12.1892) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 96 (6.12.1892)
Date
1892-12-06
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1846 Aktenstücke leicht überzeugen, daß diese Sachverständigen sich geirrt haben. — Präs.: So weit heruntergekommen sind wir doch nicht, daß hier die Zeugen Meineide leisten, um Sie todt zu machen. Das scheinen Sie zu glauben. Leider scheint auch von einem großen Theile Ihrer Parteigenossen, nach den jämmerlichen Briefen, die an mich gelangt sind, derselbe wunderbare Standpunkt vertreten zu werden. Angekl.: Ich behaupte, daß im Talmud steht: Juden ist es gestattet, Meineide zu leisten, wenn es sich um andere Juden handelt. Im Jahre 1883 hat in Kolberg eine Versammlung von Hauptjuden stattgefunden, au welcher auch Professor Lazarus und Ludwig Loewe Theil nahmen. Das Original-Protokoll darüber befindet sich in den Händen des Reichsraths-Mitgliedes Schneider und auf dieser Conserenz wurde der Beschluß gefaßt, in Europa eine neue Morallehre einzusühren. Ich beantrage deshalb nochmals die Ladung des Reichsrathsmitgliedes Schneider, des Ingenieurs Paasch und des Kanonikus Professor Rohling. Präs.: Dieser Antrag ist ja schon einmal abgelehnt. Dieser ganze Punkt ist ja nur ganz nebensächlich herangezogen worden zur Aufklärung, gewissermaßen zu Ihrer eigenen Aufklärung. Vertheid.: Der Angeklagte stellt formell den Antrag. — Staatsanwalt: Ich widerspreche diesem Anträge; wir verlieren uns, wie mir scheint, doch etwas zu sehr von der Sache, wenn wir hier noch weitere Erörterungen über die Tendenzen der Alliance israelite pflegen. Der Gerichtshof beschloß, den Antrag des Angeklagten abzulehnen, da dasjenige Thema, worüber die vorgeschlagenen Zeugen vernommen werden sollen, in keiner Beziehung zu der vorliegenden Prozeßsache stehe und da der Beweis, daß die Firma Loewe u. Co. von der Alliance den Auftrag erhalten habe, schlechte Gewehre zu liefern, dadurch nicht erbracht werden könne. Erster Staatsanwalt: Ter Herr Vertheidiger hat mir in der Zwischenzeit einen Einblick in die Papiere gestattet, welche der Angeklagte vorhin präsentirte. Ich habe die Ansicht, daß die darin enthaltenen Erörterungen von solcher Wichtigkeit sind, daß sie zum Gegenstände des Beweises gemacht werden mästen, obgleich ich keineswegs aus dem Inhalt den Schluß ziehe, wie es der Angeklagte thut. Es sind zweifellos amtliche Schriftstücke, nur durch einen horrenden Vertrauensbruch konnte der Angeklagte in den Besitz derselben gelangen. Ich bitte den Gerichtshof, ebenfalls von dem Inhalte der Schriftstücke Kenntniß zu nehmen, beantrage aber gleichzeitig, die Oeffentlichkeit während der Verlesung auszuschließen, einestheils weil das Staatsintereste, hauptsächlich aber, weil dadurch die östentliche Ordnung gefährdet werden kann. Der Gerichtshof zieht sich hierauf zur Berathung über die neuen Anträge des Angeklagten zurück. Nach längerer Berathung beschließt er, für die Verlesung der sechs Aktenstücke die Oeffentlichkeit auszuschließen, ebenso während der Verhandlung über diesen Punkt, weil die öffentliche Ordnung gefährdet werden könnte und die Sicherheit des Staates es erheischt. Zugelasten werden nur die' drei von Anfang an anwesenden Sachverständigen, außerdem wird allen an der Verhandlung über diesen Punkt Betheiligten Stillschweigen zur Pflicht gemacht. Telegramme. Berlin, 5. Dez., 4,30 Min. In der heutigen Verhandlung gegen Ahlwardt gab der Commissar des Kriegsministeriums, Oberstlieutenant Goesnitz, folgende Erklärung ab: Ich habe schon am Samstag meine Ansicht dahin abgegeben, daß es für^dieMilitärbehörde'gleichgültig gewesen sei, wenn das, was am Samstag unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelt worden ist, öffentlich verhandelt worden wäre. Da aber den Werth der Zahl über vorgekommene Reparaturen, wenn sie an die Oeffentlichkeit dringend nur militärische Sachverständige beurtheilen können und nichtsachverständige Leute leicht falsche Schlüsse ziehen, so sei die Veröffentlichung solcher Dinge doch nicht ohne Weiteres zuzugestehen. Wenn es heißt, so und so viele Schlosser seien unbrauchbar geworden, so könne vielleicht j das nichtsachverständige Publikum sagen, die Gewehre seien unbrauchbar, was nicht der Fall sei. Mainz» 5. Dez. Die in unserer heutigen Nummer zum Abdruck "gebrachten Statuten der „Alliance Israelite universelle" haben wir gestern durch unfern Berliner Vertreter dem die Sache Ahlwardt's verhandelnden Gerichtshöfe vorlegen lassen, worauf uns von maßgebender Stelle erklärt wurde: Der Wirkungskreis der „Alliance Israelite" sei'dem Gerichtshöfe auf das Genaueste bekannt. Im Uebrigen läge die Zurückweisung wahnsinniger Behauptungen außerhalb des Rahmens des Prozesses. Zeitungsnachrichten und Correspoudenzeu. Deutschland. Berlin, 4. Dezember. Der heutige Prozeßtag war, obgleich die Verhandlung für die Oeffentlichkeit gegen zwölf Uhr jäh abbrach, das, was man im parlamentarischen Jargon eine „große Sitzung" nennt. Sie hatte ihre beiden Höhepunkte in der Aussage des greisen Professor Lazarus über die All. Jsr. und in der Ueberreichung neuen Aktenmaterials durch Ahlwardt und seinen Vertheidiger. Ahlwardt hatte sich von seinem angeblichen Unwohlsein wieder erholt. Sein rundes Gesicht glänzt förmlich roth. Der Schutzmann sitzt nun nicht mehr neben der Anklagebank, sondern an der Thür. Andere Polizeibeamte sieht man im Zuschauerraum und vor der Thür des Schwurgerichtssaals ans dem Gange. Hier sind sie vielleicht nicht ganz uunöthig, denn der Andrang ist ein gewaltiger. Schon lange vor neun Uhr drängte und stieß sich vor dem Eingang der Gerichtsschreiberei im Erdgeschoß eine stattliche Menge, welche Einlaßkarten begehrte. Es schienen zumeist Leute zu sein, die man auch ganz gut als „beschäftigungslose Arbeiter" bezeichnen könnte — wenn nicht vielleicht der Antisemitismus ein Geschäft sein sollte. > Vermischtes. < Vor einigen Tagen vollendete eine Bürgerin der Stadt Siegburg, Frau Wittwe Stern, ihr 102. Lebensjahr. Die hochbetagte Dame, die sich der stattlichen Zahl von 6 Kindern, 30 Enkeln und 36 Urenkeln rühmen kann, erfreut sich einer erstaunlichen Körper- und Geistesfrische. In einer am 16. d. M. zu Wien stattgehabten Besprechung der Kuratoren der Baron-Hirsch-Stiftung wurde beschloffen, Herrn David Ritter von Gutmann zum Präsidenten dieser Stiftung zu erwählen. Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Aktien-Gesellschcft in Mainz.

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