Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 96 (6.12.1892)
- Date
- 1892-12-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIU. Jahrgang. Erste Beilage zu M 96 des „Israelis. Leitender Artikel. Der Gesang im Gottesdienst. Von Dr. A. Ackermann. (Fortsetzung.) Für den außerjüdischen Ursprung mancher unserer Melodien spricht aber ferner ihr melodischer Charakter. Wir haben uns wohl an ihre Klänge gewöhnt uud weil wir sie heute nur in jüdischen Kreisen hören, halten wir sie für echtjüdisch. Tatsächlich sind sie dies ja auch durch die Sanktion vieler Jahrhunderte geworden. Und dennoch tragen viele von ihnen oft sogar einen sehr weltlichen Charakter auf der Stirne. Der nn für nos ist eine offenbare Tanzmelodie, von der Melodie zu nyo fjat man sichere Spuren in mittelalterlichen deutschen Gesängen gefunden, *) und die allbekannte Melodie zu nnV soll, wie ich jüngst gelesen habe, ein steiermärkisches Bauernlied sein, eine Annahme, welcher der Charakter der Melodie durchaus nicht im Wege steht. So sicher die Thatsache nun auch feststeht, daß viele unserer Gesänge von außerjüdischer Seite entlehntsind, so bleibt hierüber doch immer die Frage offen, welche Faktoren mitgewirkt haben, diesen doch zurrst gewiß nur an einem Orte aufgenommenen Melodien eine solch allgemeine Verbreitung zu verschaffen, wie sie sie thatsächlich besitzen. Man wird mit Bezug auf diese Frage solange mit bloßen Vermnthungen sich begnügen müssen, bis es möglich sein wird, durch weitergehende vergleichende Forschungen für einzelne jener Melodien die Art und den Grund ihrer Aufnahme in den Kreis der jüdischen Melodien festzustellen. Wir wenden uns nunmehr einer zweiten Art des Ursprungs unserer Melodien zu, die schon öfter 1) Dies und nicht mehr läßt sich von Uebereiustlmmung unserer Melodie mit der Melodie des altdeutschen Volkslieds: ..So weiß ich eins, das mich erfrewt, das Blümlein auf preitter heyde" behaupten. Herr Birnbaum in seiner „Vorbemerkung" zu seiner Clavierbearbeitung des 118 TIJ-’O geht viel zu weit, wenn er behauptet, daß der Ursprung unserer Melodie auf jenes altdeutsche Volkslied zurückzuführen sei. Bei Böhme: Altdeutsche Volkslieder Nr. 635, wohin Birnbaum verweist, stimmt nur die Melodie zu den drei Worten Tijntt” ")13 iiyc mit jener überein; die Fortsetzung der Melodie ist ganz anders und außerdem steht dieselbe bei Böhme im ungeraden Takt. Viel enger scheint uns der Luthersche Choral: „Nun freut Euch, liebe Christen g'mein", dessen Anfang genau ebenso lautet, mit unserer "ns np'Q- Melodiezusammenzuhängen. Er stehtim ungeradenTakt und ist unsere Melodie auch im melodischen Ausbau viel ähnlicher als die zu^dem Volkslied. 1 angedeutet wurde, jüngst erst wieder in dem obenerwähnten Aufsatz von Ka tz, nämlich den christlichen, besonders katholischen Kirchengesängen. Unrichiigerwetse wird aus Grund der gefundenen Uebereinstimmungen zwischen jüdischem und christlichem Gesang zuweilen behauptet, die jüdischen Gesänge seien aus kr katholischen Kirche entleh nt. Abgesehen davon, daß bei der ausgebildeten Exklusivität, mit welcher der katholische Gesang seit je in den Kirchen feftgehalten wurde, eine solche direkte Entlehnung ganz unverständlich bleibt, sehen wir nicht ein, was denn im Wege steht, die allernatürlichste Art und Weise anzunehmen, auf die jene Gesänge zugleich in die Synagoge und in die katholische Kirche gedrungen sind, daß nämlich beide auf eine gemeinsame Quelle zurückzuführcn sind, auf die althebräische Tempelmusik. Die Ansichten der Musikhistoriker bezüglich des Gesanges, dessen sich die Christen während der ersten Jahrhunderte bei ihrem Gottesdienste bedient haben mögen, gehen theils dahin, daß er von griechischer oder römischer Abkunft gewesen sei, theils aber sieht man den althebräischen Tempelgesang als den Quell der ersten christlichen Singweise an. Für die letztere Annahme führt man den sehr triftigen Grund ins Feld, daß die römische Musik einmal als von Heiden stammend und dann auch ihrer tiefen Versunkenheit wegen verabscheut wurde2) — das Andenken an die edlere griechische Musik aber erwachte im christlichen Zeitalter erst viel später wieder auf. Der hebräische Tempelgesang aber brauchte von den Aposteln und den ersten zum Christenthum übergegangenen Juden nicht erst weit gesucht, sondern einfach nur in die christlichen Gemeinden mit herübergenommen zu werden.3) Ja, man nimmt sogar an, daß direkte Uebernahme mit Absicht geschehen sei, um die übergetretenen Juden durch die Entfernung der ihnen heiligen Gesänge nicht zu verletzen. Nachdem in den ersten Jahrhunderten eine Reihe von Bischöfen und Kirchenvorstehern den Gesang gefördert hatten, trat ein Wendepunkt um die Mitte des 4. Jahrhunderts ein, wo der Bischof Ambrosius zu Mailand den Kirchenge- 2) Viel später noch (um 331) sagt Hieronymus, anknüpsend an die Zuchtlosigkeit der öffentlichen römischen Schaustellungen: „Eine christliche Jungfrau sollte gar nicht wissen, was eine Lyra oder eine Flöte sei." 3) Vgl. Neumaier: Geschichte der christl. Kunst I, S. 259, 265; Schletterer: Geschichte der geistl. Dichtung und kirchl. Tonkunst 1. S. 51; Gabler: Die Tonkunst in der Kirche S. 107; Schauer: Geschichte der bibl.-kirchl. Dicht- und Tonkunst, S. 285; Häuser: Gesch. des christl. Kirchengesangs S. 9'