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Der Israelit · 1892-12-01 · Heft 95 (1.12.1892) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 95 (1.12.1892)
Date
1892-12-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXX111. Jahrgang. Erste Berlage zu JVi 95 Des „Israelit". Leitender Artikel. Der Gesang im Gottesdienst. Von vr. A. Ackermann. (Fortsetzung.) Allein auch der zweite Tempel fiel in Schutt und Trümmer und Israel zog in die Welt hinaus. Wie man sich nun anderweitig zu gemeinsamem Gebete und Gesänge zusammenfand und den Kultus dieser Zusammenkünfte in seiner äußeren Eintheilung an die Opfer des Tempels anschloß, so hielt man sich gewiß auch mit Bezug auf den Gesang an die Klänge, die noch lebendig in ungetrübter Heiligkeit fortlebten. Wir betonen dies ganz besonders, indem wir uns nunmehr der Frage nach dem Ursprünge der jüdischen Nationalmelodien zuwenden. Es macht sich in den jüngsten Wochen ein merkwürdig übereinstimmendes Bestreben geltend, dieser Frage näher zu treten, die zu den interessantesten der jüdischen Liturgie gehört, aber auch zu den schwierigsten und auf den ersten Blick den geringsten Erfolg versprechenden. Der Gesang, wie er beim jüdischen Gottesdienste heutzutage geübt wird, weist unstreitig eine Anzahl von Nationalmelodien auf, das heißt von solchen Melodien, die einem großen Thetle des jüdischen Stammes, ja oft sehr weitauseinanderliegenden Gegenden gemeinsam sind. Herr Leop. Katz behauptete in seinem Aufsatz „Kol Nidre" in einer der jüngsten Nummern der „Allg. Zeitung des Judenthums", die Juden hätten keine Nationalmelodien, sondern nur „Tempelgesänge". Das ist nicht richtig. Die Melodien sind wohl zum großen Thetle solche, die nur in der Synagoge zum Vortrage kommen (obwohl beispielsweise NvLus rur mehr ein häuslicher Gesang ist), aber sind sie deßhalb weniger Nationalmelodien? Wir verweisen nur z. V. auf Hodu am Pesach («in m»), auf die ruvnpx-Melodie, auf das rvaiyo an den Dwun mr, auf ]vst 'hv, ja selbst auf das sogenannte „Laiuen" mit seinen Modifikationen für .i->vs7i, naw, nVuo mos 2c., alles Melodien, die allenthalben, mindestens bei einem sehr großen Bruchtheil des jüdischen Volkes gesungen werden, die wir von Jugend auf kennen, die sich sortpflanzen, wie wir sie übernommen haben und mit Bezug auf die jene schwere Frage entsteht: „Woher stammen sie und worin ist ihre große Verbreitung begründet?" Der erste Theil dieser Frage hängt enge mit dem zweiten Theil zusammen. Denn es ist natürlich, daß wir erst dann Gründe für die allgemeine Verbreitung der Melodien in der Hand haben, nachdem uns sichere Anhaltspunkte für ihren Ursprung gegeben sind. Die eine Art ihres Ursprungs, die wir hier in Betracht ziehen wollen, gibt uns allerdings nur geringen Aufschluß darüber, auf welche Weise die Melodien den Weg in unzählige Synagogen gefunden haben. Wir meinen die Annahme, daß viele unserer Melodien von autzerjüdischer Seite herstammen. Es ist dies mit absoluter Gewißheit festzustellen. Die Musik ist ihrer Natur nach der weitesten Verbreitung fähig. Mit der Luft und dem Winde fliegen die Töne, die Melodien von Land zu Land, umkreisen sie den Erdball. Die Tonkunst ist zugleich diejenige Sprache, die jeder fühlende Mensch verstehen kann. Man braucht nicht diese oder jene Sprache reden zu können, um den Inhalt eines Liedes zu begreifen, das auf Worte gesungen wird, die uns fremd sind. Eine Melodie, die aus den entlegensten Ländern der Erde zu uns herdringt, erfassen wir und halten sie fest, indem wir neue Worte zu ihr finden. Wie vielen Melodien fremder Nationen können wir täglich begegnen und alle gehören uns an, in allen vermögen wir uns heimisch zu fühlen. So war es von jeher. Schon im fernsten Alterthum sehen wir, wie die Musik das unsichtbare Band ist, das alle Zeiten verbindet und ferne, ja feindselige Völker umschlingt. Dieselben Melodien, nur mit anderen Texten versehen, wurden schon damals Eigenthum der verschiedenartigsten Stämme. Warum sollte sich nun diese große Verbreitungsfähigkeit der Tonkunst nicht auch in der Geschichte der jüdischen Melodien bewahrheiten? Klänge, von denen das Volk in seinem profanen Leben umtönt wurde, nicht auch ihren Weg in die Gotteshäuser gefunden haben. Zudem war, rein historisch betrachtet, derjenige Stand, in dessen Hände das ganze Geschick des Synagogengesanges gelegt war, der Stand der Vorsänger *), seit je mit der unbezwinglichen Sehnsucht ausgestattet, Melodien, die sie außerhalb des Gotteshauses gehört hatten, in demselben zu singen. Ja, es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß diejenigen Vorbeter, die zum Theil neue Dichtungen für den israelitischen Gottesdienst selbst schufen, bei der Abfassung ihrer rhythmischen und gereimten Verse bestimmte, bekannte oder un- *) Vgl. den vorigen Aussatz: „Der jüdische Vorsängerdienst."

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